„Brute Matter“ (Jo Baer, 1992) 
Foto:  Galerie Thumm

Berlin - Es geht um Ratten. Und um Pferde. Um Vögel auch. Die kargen Linien, die fleckende braune Tusche, all das auf den großen transparenten Blättern der Jo Baer besagt, dass alles mit allem zusammenhängt in diesem irdischen Dasein: Tier, Mensch, Flora.

„Brute Matter“ (Rohe Materie) ist der Titel einer riesigen Kohle-Zeichnung auf Transparentpapier von 1992. Collage-Elemente deuten so etwas wie Erdteile oder Länder-Umrisse an. Am unteren Bildende scheinen Hände nach einem Tierfell zu greifen. Aber vielleicht geht mit mir ja die Fantasie durch, und es ist bloß nur die räudige Hülle einer toten Großstadtratte. Jedenfalls liegt der Vergleich mit Höhlenmalereien, auch mit mythischen und kosmischen Symbolen nahe. Eine archaische Zeichensprache tut sich auf, faszinierend, simpel, jedoch unergründlich. Zeichnen als eine andere Art von Sprache.

Die Collagen sind digital erstellt, der Inkjet-Druck wird anschließend überzeichnet. Jo Baer, eine der großen alten Damen des Minimalismus, führt den eher untypisch umgekehrten Weg der modernen Kunst vor: Hier geht es von der Abstraktion wieder zurück zur und elementaren Figuration. Und das passiert bei der Amerikanerin in strikter Kontinuität seit 30 Jahren. Hüter der reinen Lehre der Abstraktion in der westlichen Kunstkritik haben ihr damals beinahe künstlerischen Rufmord angetan. Ihr Werk ist so sinnlich wie intellektuell, so direkt wie intim. Postminimalismus sagen Kunstgeschichtler zu diesen ungewöhnlichen Papierarbeiten.

Joe Baer, geboren 1929 in Seattle, lebt und arbeitet seit 1994 in Amsterdam. Die Zeichnerin und Collagekünstlerin wurde in den 60er-Jahren bekannt als Vertreterin des Minimalismus, zunächst Made in USA, damals eine als Gegenbewegung zur gestischen Malerei des Abstrakten Expressionismus entstandene Kunstströmung. Baers berühmte Gefährten der Bewegung dieser Avantgarde hießen Donald Judd, Frank Stella, Sol Lewitt. Und Yayou Kusama, die gleichaltrige Japanerin. Die beiden kreativen Frauen sind heute der lebende Beweise, wie jung Kunst sein kann, auch wenn deren Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert kommt.

Baer, mit der die Galeristin Barbara Thumm auf der in den Herbst verschobenen Art Basel eine Solo-Präsentation vorbereitet, konnte wegen der Corona-Krise nicht aus Amsterdam zu ihrer Berliner Schau anreisen. Vor ihren großen Blättern, diesen Schichten von gleichsam anthropologischen Zeichen wie aus einer fernen Kultur, in der Mensch und Natur noch eine Einheit bildeten, erleben wir eine Meisterin der Reduktion, die zeichnend uralte Mythen zitiert, dafür das Figürliche als Verweis auf Memento-mori-Motive benutzt, derweil das Bildgeschehen unablässig weiter zu passieren scheint. Fortschrittliche Kunst, so Jo Baer, die Verhaltenspsychologie studiert hat, sei radikal. Und das bedeute: „Wurzel, Basis, Begründung“.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstraße 68 (Kreuzberg), bis 31. August, vorerst noch in Corona-Zeiten nur Do+Fr 12–18, Sa 13–19 Uhr (Abstandsregeln). Ausstellung auch als 3D-Tour: bthumm.de