Der Historiker Joachim Radkau hat untersucht, wie sich Menschen seit 1945 ihre Zukunft vorgestellt haben. Er glich die Prognosen dann mit der tatsächlichen Entwicklung ab. Wie schwer vorhersehbar diese ist, zeigt Radkau etwa am Beispiel am Thema Atomkraft.

Herr Radkau, Sie haben eine Geschichte der Zukunft geschrieben. Wir Heutige blicken sorgenvoll in die Zukunft, gerade was die Folgen des Klimawandels betrifft. Wie sicher sind denn unsere düsteren Aussichten?

Zunächst eine Anekdote: Im Sommer 1976 machte ich mit meinen Studenten eine Exkursion in die Provence, es war brütend heiß. Ich hatte mir gerade die Theorie des global warming angelesen, die in dieser Hitze plausibel wirkte, und trug diese den Studenten vor. Ein Student, der später ein Pressesprecher der Grünen wurde, sagte damals, das sei alles großer Quatsch, es sei nachgewiesen worden, dass jetzt eine neue Eiszeit käme. Es habe bereits Abkühlungen gegeben. Anfang der 80er-Jahre hieß es noch: Die nächste Eiszeit kommt bestimmt.

Die heutigen Befürworter der These, waren früher ihre schärfsten Kritiker?

Die Global-warming-Theorie ist unter meinen Kollegen am frühesten von einem Befürworter des Schnellen Brüters verfochten worden. Deswegen war ich lange Zeit auch eher skeptisch, was diese Theorie angeht. Allerdings sehe ich nun, dass die überwiegende Zahl der Argumente für das global warming spricht.

Und Sie sind sich dabei relativ sicher?

Wir müssen doch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit daran glauben, um Gegenmaßnahmen zu treffen. Wir treffen doch ständig Entscheidungen aus 60- oder 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Die Forderung, man müsste zu 98 Prozent daran glauben, kann ich nicht nachvollziehen. Es wäre aber besser, wenn die Vertreter der Theorie des anthropogenen global warming sich frühzeitig auch ernsthaft mit Gegenargumenten auseinander gesetzt hätten. Vorbildlich finde ich hier den Gründervater des IPCC (Weltklimarat), Bert Bolin.

Warum gerade er?

Er hat 2007 kurz vor seinem Tod ein zum Teil memoirenhaftes Buch „A History of the Science and Politics of Climate Change“ publiziert, in dem er zugibt, dass diese Prognosen doch lange Zeit sehr unsicher gewesen sind. Er kritisiert sogar Angela Merkel dafür, als sie 1995, sie war damals Bundesumweltministerin, auf der Berliner Klimakonferenz schon zu stark auf Klimaalarm gemacht hätte. Obwohl das damals noch gar nicht so sicher nachgewiesen worden sei. Gerade diese Offenheit hat mich, obwohl ich lange zu den Skeptikern zählte, überzeugt. Ich glaube, es wäre gut, wenn sich auch Vertreter der Global-warming-These in aller Öffentlichkeit mit Kritikern auseinandersetzen und nicht gleich von Klimaskeptikern reden.

So tritt man am besten den Zweifeln entgegen?

Es gehört zwar zum guten Ton unter den Eliten, sich zum Glauben an das global warming zu bekennen, im Grunde ihres Herzens glauben viele aber nicht daran. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, glaubwürdiger wäre es, wenn man zugibt, was auch alle ernsthaften Klimaforscher sagen: Mit absoluter Sicherheit ist die Klimazukunft nicht vorhersehbar. Und zweitens muss man sich ernsthaft mit Gegenargumenten auseinandersetzen. Wenn die These vom global warming im vollen Umfang zutrifft, sieht die Zukunft der Welt wirklich nicht sehr gut aus. Ein Experte sagte zuletzt auf einer Tagung, dass weltweit gesehen bislang nur 0,5 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen käme. Das hat mich doch ziemlich betroffen gemacht.

Bleiben wir bei der Unsicherheit in der Geschichte, die befiel auch die Väter des Grundgesetzes, dieses geschichtlich so erfolgreichen Textes, weil sie gar nicht recht an den Erfolg des Vorhabens glaubten.

Das war einer der unmittelbaren Impulse, die mir den Push gaben für dieses Buch der Zukunftsgeschichte. Ich saß an der Biographie über Theodor Heuss, der vom Naturell her ein zuversichtlicher Typ war. Im Parlamentarischen Rat bildete er jedoch die Ausnahme. Es herrschte ein tiefer Pessimismus vor. Ein SPD-Politiker sagte: Wir treiben Politik mit dem Kopf unterm Arm. Eine Anspielung auf einen Märtyrer-Typus. Es gab die Sorge, es werde so kommen wie nach 1918, sie würden von unbelehrbaren Rechtsradikalen als Kollaborateure der Siegermächte attackiert werden. So wie auf Erzberger und Rathenau würden auch auf sie Attentate verübt werden, solche Sorgen grassierten damals.

Auch die Spitzenpolitiker waren pessimistisch?

Besonders frappiert hat mich, dass sogar der spätere Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) im Jahr 1948 als Hamburger Wirtschaftssenator glaubte, der Wiederaufbau Deutschlands werde an die 80 Jahre dauern. Das war ganz wenige Jahre vor Beginn des sogenannten Wirtschaftswunders. Ich dachte nur, wenn man einige Zukunftserwartungen wiederentdeckt, erlebt man eine Überraschung nach der anderen.

Er war ein Beispiel eines allumfassenden Pessimismus?

Vor allem das Allensbach-Institut lieferte wichtige Daten hierfür. Es hat seit seiner Gründung 1947 immer auch die Zukunftserwartungen der Westdeutschen erfragt. Mit dem Ergebnis, dass die jüngere Generation doch deutlich optimistischer war. Man muss bedenken, obwohl das etwas peinlich ist, dass die unendlich vielen Deutschen, die gefallen waren, für die nachwachsenden Jugendlichen bessere Berufschancen bedeuteten.

Ein Hin und Her, wie es scheint. Das galt auch für die Atomwirtschaft?

Es war ein merkwürdiges Zickzack der Erwartungen. Ich wollte mein Buch zuerst „Zickzack der Zukünfte“ betiteln. In den 50er-Jahren gab es eine große Angst vor Atomkriegen, das ist heute völlig vergessen. Ab 1955 gab es eine Welle der Euphorie für das friedliche Atom, an der Spitze hier übrigens Ernst Bloch, der Philosoph der Utopie. Dabei gab es kaum Atomkraftwerke, die wenigen, die es gab, waren Anhängsel der Militärapparate, die keineswegs rentabel gewesen wären. Es war eine merkwürdige, unbegründete Euphorie. Ich kann das nur psychologisch deuten, dass man nach all der Angst neue Hoffnungshorizonte benötigte. Wie es dann Mitte der 70er-Jahre in das Gegenteil umschlug, kam auch für mich überraschend. Ich habe 1973 mit meinen Recherchen begonnen, als ich noch selber Fan der Atomenergie war, und war verblüfft, wie die Bewegung eskalierte.

Waren die Wissenschaftler zu naiv?

Eher nicht. Friedrich Münzinger, ein erfahrener AEG-Kraftwerksbauer, hat das Standardwerk der 50er-Jahre über Kernkraftwerke verfasst. Dort finden sich Passagen, die sich zwanzig Jahre später nur in Anti-AKW-Pamphleten wiedergefunden hätten. Zum Beispiel, dass radioaktive Gifte tausendmillionen Mal gefährlicher sind als chemische Gifte. Er sagte in den 50er-Jahren, dass es ganz vernünftig sei, dass die Deutschen skeptischer gegenüber der Kernenergie seien als etwa die Amerikaner. Das wäre ein Zeichen, dass in Deutschland mehr erfahrene Ingenieure als Spekulanten und Geschäftemacher die öffentliche Meinung bestimmten. Auch mir sind erst durch Münzingers Werk die Gefahren der Kernenergie bewusst geworden. Das Witzige ist ja, wenn man in den frühen 50er- oder den 60er-Jahren nach atomkritischen Meinungen sucht, findet man die am ehesten in den Unterlagen des RWE. Das RWE hatte damals einen Berater, Oskar Löbl, der darauf spezialisiert war, die optimistischen Prognosen der Atomlobby auseinanderzunehmen.

Gab es besondere Überraschungen beim Rückblick auf die Zukunftserwartungen der Deutschen?

Es hat mich überrascht, wie unsicher Konrad Adenauer intern doch war. In der Öffentlichkeit galt er als Starrkopf, aber er war in Wahrheit ein nachdenklicher Mensch, der in seinen Ansichten schwankte, der Angst hatte, ob man nicht doch Gefahr laufe, in einen Atomkrieg verwickelt zu werden. Adenauer hatte Anfang der 60er-Jahre Sorge, sein Verteidigungsminister Strauß würde die Bundesrepublik in einen Krieg hineinmanövrieren. Er hatte folglich die gleichen Sorgen wie die Anti-Atomtodbewegung. Das zeigt auch, wie wenig offen in den höchsten Kreisen über das Risiko eines Atomkriegs gesprochen wurde. Adenauers Biograph, Hans-Peter Schwarz, hat mir einmal geschrieben, dass die Gefahr eines Atomkrieges durchaus real war und die denkwürdigen Worte hinzugesetzt: „Dass uns dies erspart blieb, könnte ein Hinweis darauf sein, dass es doch so etwas wie eine gütige Vorsehung gibt.“ Deshalb hat es mich auch empört, dass deutsche Historiker die Friedensbewegung als deutsche Hysterie abgetan haben. Ein sehr ungerechtes Urteil.

Sie wollten die Zukunftsgeschichte als Zickzack beschreiben. Wer hatte denn die ursprüngliche Idee vom Zickzack?

Das war Jürgen Kuczinsky, der große alte Mann der DDR-Geschichtsschreibung. Im Sommer 1990, als die DDR noch existierte, sind wir in Ost-Berlin in einer Sommeruniversität aufgetreten und da kam es dazu, dass ein verstörter Alt-Kommunist Kuczinsky geradezu flehentlich fragte, er verstehe die Welt nicht mehr, alles woran er geglaubt hätte, zerbröckelte jetzt, Kuczinsky sollte die Situation doch bitte klären. Kuczinsky mit seinem unverwüstlichen Humor, sagte: „Genosse Engels hat ganz richtig erkannt, der Fortschritt der Geschichte verläuft nicht linear, sondern verläuft im Zickzack. Na ja und jetzt sind wir gerade in einem Zack.“ Er hat in der Folgezeit, obwohl schon fast 90 Jahre alt, dann tatsächlich ein Buch über den Zickzack der Geschichte herausgebracht.