Noch ehe die amerikanische Folkszene die Frage eines alten Gewerkschaftsliedes – „Which side are you on?“ – klangvoll wiederbelebte, hatte Joan Baez diese für sich bereits beantwortet. Auf den Fotos zur Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er-Jahre sieht man sie häufig in vorderster Reihe neben Marin Luther King. Das Bewusstsein, auf der richtigen Seite zu stehen, verlieh ihr dabei eine Ausstrahlung, der sich kaum jemand zu entziehen vermochte. Joan Baez war kaum 20 Jahre alt, als sie mit Demonstrationshymnen wie „We Shall Overcome“ und „Amazing Grace“ als Stimme ihrer Generation gefeiert wurde. Ihr heller Sopran schien auch die Haltung einer politischen Geradlinigkeit zu verkörpern, hinter der sich im Kampf gegen Rassismus und soziale Ungleichheit mehr Menschen als jemals in der US-Geschichte zuvor versammelten. Der Autor Charles A. Reich fand für diese Phase in seinem gleichnamigen Buch die Formel „The Greening of America“ (zu Deutsch: „Die Welt wird jung“).

Joan Baez steuerte dazu ihr intuitives Gespür für die passenden Lieder bei. Zu ihrem Repertoire gehörten Songs über Helden der frühen Arbeiterbewegung wie Sacco und Vanzetti und Joe Hill, aber auch romantisch-einfühlsame Lieder wie Bob Dylans „Farewell Angelina“. Ihren wohl größten Chart-Erfolg, „The Night They Drove Old Dixie Down“, eine Wehklage über die langen Nachwirkungen des amerikanischen Bürgerkriegs, hatte Joan Baez buchstäblich von Robbie Robertson und The Band abgelauscht. Weil sie den Originaltext nicht vorliegen hatte, sang sie ihre Version so, wie sie verstanden hatte, das allerdings im Ton historischer Gewissheit.

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