J.K. Rowling.
Foto: imago images/ZUMA Press

EdinburghJetzt haben sich sogar Emma Watson und Daniel Radcliffe von ihr distanziert! Die beiden langjährigen „Harry Potter“-Schauspieler kritisieren Joanne K. Rowling, die Autorin des Megabestsellers, dafür, Transpersonen in verschiedenen Äußerungen nicht rückhaltlos als das zu respektieren, was sie sein wollten. Auch Eddie Redmayne, Protagonist der Rowling-Verfilmung „Phantastische Tierwesen“ und Titeldarsteller von „The Danish Girl“ (2015), einem Film über die Geschlechtsangleichung einer als Mann geborenen Künstlerin in den 20er-Jahren, sagte gegenüber dem Magazin Variety: „Ich stimme Jos Kommentaren nicht zu. Transfrauen sind Frauen, Transmänner sind Männer und nichtbinäre Identität ist ebenso gültig.“

Aber bestreitet die 54-jährige britische Schriftstellerin, deren Schreiben nun gewiss nicht von Geschlechterklischees geprägt ist, das denn? Ja. Nein. Es ist kompliziert. Und der Beschuss derjenigen, die ihr künstlerisch nicht verpflichtet sind, ist um ein Vielfaches schärfer als die zitierten Bemerkungen der Schauspieler.

Es begann vor gut zwei Jahren und zwar mit einem Versehen, wie Rowling in einem am Mittwoch auf ihrer Website veröffentlichten Essay darlegt. Damals recherchierte sie für den Charakter der weiblichen Hauptfigur einer Krimiserie zur Frage der Geschlechteridentität auch in den sozialen Medien. Und dabei klickte sie wohl einmal bei einem Kommentar, mit dem sie sich später näher beschäftigen wollte, auf den „Like“-Button, statt wie beabsichtigt einen Screenshot auszulösen.

Ein Zustrom von Beschimpfung begann, wie sie schreibt, der anschwoll, als sie sich Ende 2019 mit Maya Forstater solidarisierte, einer Steuerexpertin, die ihren Job verloren hatte, weil sie die Meinung vertrat, dass das biologische Geschlecht qua Erklärung nicht zu ändern sei. Damit hatte Forstater, die auch Teil eines Think Tanks gewesen war, gegen das Vorhaben der britischen Regierung protestiert, Menschen ihr Geschlecht selbst erklären zu lassen. Rowling postete damals, am 19.12.2019, auf Twitter: „Zieht euch an, wie es euch gefällt. Nennt euch, wie ihr wollt. Schlaft mit jedem Erwachsenen, der damit einverstanden ist und euch will. Lebt euer liebstes Leben in Frieden und Sicherheit. Aber müssen Frauen, die sagen, dass das Geschlecht unveränderbar ist, aus ihren Jobs getrieben werden?“

Diesen Tweet zitiert Rowling in ihrem Essay nicht. Es gibt ihn auch nicht mehr, den Account hat die Autorin gelöscht, nachdem er von Hass-Zuschriften geflutet worden war. In einem BBC-Bericht von damals ist der kurze Text aber noch dokumentiert, und er nimmt den Kern der Auseinandersetzung, wie Rowling ihn jetzt ausführlich darstellt, prägnant vorweg: In der Vehemenz, mit der Transgender-Aktivisten ihre eigene Sache politisch vorantreiben, sieht Joanne K. Rowling ein Einfallstor für eine neue und besonders heftige Form von Frauenfeindlichkeit. Sie schreibt auf ihrer Website: Wenn jeder Mann, der sagt, er fühle sich als Frau, die Toiletten und Umkleideräume von Frauen betreten dürfe, dann könne man die Türen auch gleich allen Männern öffnen, die hineinwollten.

An ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Thema und ihrem persönlichen Austausch mit Transpersonen lässt Rowling keinen Zweifel. Sie erinnert in diesem Zusammenhang an ihre Stiftungen, die Mädchen und Frauen in Not unterstützen, an ihre Kinderhilfe und ihr Engagement für die Multiple-Sklerose-Forschung, weil diese Krankheit eine Geschlechtsspezifik aufweise. Auch ihre Solidarität mit allen, deren Rechte unterdrückt würden, beteuert die ehemalige Lehrerin und dreifache Mutter mehrfach. 

Aber in einer Zeit, in der Transidentitäts-Aktivisten im Internet einen enormen „Echoraum“ geschaffen hätten (ein Bezug auf eine umstrittene Studie der US-amerikanischen Ärztin Lisa Littman von 2018), während Frauenfeindlichkeit und Homophobie gleichzeitig blühten, dürfe, so Rowling, Geschlechtsänderung nicht als der leichtere Weg erscheinen. Dabei erwähnt sie Studien, die zeigten, dass sich 60 bis 90 Prozent der Fälle von Störungen der jugendlichen Geschlechteridentität gewissermaßen herauswachsen würden. Und beruft sich auch auf Simone de Beauvoir, die Unsicherheiten über die eigene Geschlechtsidentität bei jungen Frauen als „vollkommen natürlich“ beschreibe.

Selbsthass, Essstörungen und andere Qualen, die junge Transmänner in ihrem Heranwachsen als biologische Mädchen beschrieben, hätte sie selbst auch erlebt, bekennt Joanne K. Rowling. Und womöglich hätte sie mit einem heutigen Umfeld vor 30 Jahren durchaus ebenfalls „davon überzeugt werden können, der Sohn meines Vaters zu werden, den er, wie er offen zugab, auch lieber gehabt hätte“. Dann aber habe sie ihre „otherness“, ihre persönliche, nicht ins vorgegebene gesellschaftliche Muster passende Eigenart im Schreiben gefunden.

Rowling, die in zweiter Ehe in Schottland lebt, äußert sich in diesem Text erstmals auch über die Erfahrung sexueller Gewalt in ihrer ersten Ehe (mit Zustimmung der daraus entstandenen Tochter, wie sie betont). Das Trauma bleibe, egal, wie sehr man jetzt geliebt werde und wie viel Geld man habe. Und sie wünsche sich eine Welt, in der Mädchen und Frauen als Mädchen und Frauen sicher seien und nicht Zuflucht zu männlichen Identitäten und Körpern nehmen müssten. Genau das aber sieht sie in den politischen und juristischen Vereinfachungen auf diesem Weg, der früher viel psychologische Beratung und medizinische Hilfe erfordert habe, als Gefahr: „Einer der Gründe, die Bedeutung des Geschlechts zu leugnen, ist, das auszuhöhlen, was manche als grausam ausschließliche Vorstellung von der Frau als einem Wesen mit einer eigenen biologischen Realität zu sehen scheinen, oder - ebenso bedrohlich - gemeinsamen Realitäten, die sie zu einer zusammenhängenden politischen Klasse machen.“

Es ist schwer, sich der persönlichen Aufrichtigkeit des Essays zu entziehen. Es ist leicht, als Cis-Frau selbst Beispiele zu finden, in denen man sich mit den eigenen Erfahrungen in einem so verflüssigten Frauenbegriff nicht mehr repräsentiert und auch weniger geschützt sieht. Aber den Laden zu schließen, ist ebensowenig eine Option. Das ist auch nicht Rowlings Appell. Dass die Zuschreibungen in Bewegung sind, ist unhintergehbar. Eine weltberühmte Schriftstellerin meldet Bedenken an und gestattet sich Rückfragen. Die Debatte ist aus der Nische ins Zentrum der Gesellschaft getreten.