Die Frage nach dem Lieblingsbuch ist für die meisten Menschen schwer zu beantworten. Denn der Eindruck schwankt. Das Lieblingsbuch hängt mit der Stimmung zusammen, einer bestimmten Lebensphase, vielleicht auch einem geteilten Leseerlebnis. Buchhändler auf der ganzen Welt jedoch haben Gründe genug, nur eines auf diese Frage zu nennen: Harry Potter.

Die Reihe um den Zauberer-Internatsschüler, dem ein dunkler Lord nach dem Leben trachtet, hat allüberall für große Umsatzerfolge gesorgt. In Zeiten, da die elektronischen Medien so schrecklich überzeugend den konventionellen den Rang ablaufen, hat eine siebenteilige Buchreihe über Jahre den Markt bestimmt – und dem gedruckten, gebundenen Buch sogar noch einmal richtig Auftrieb verschafft.

Verleger werden die Frage nach dem Lieblingsbuch natürlich nur dann mit Harry Potter beantworten, wenn sie den Titel selbst im Programm haben. Und doch hat das Jugendbuch im Allgemeinen einen mächtigen Schub durch die Reihe bekommen, auch wenn zeitgleich interessante Bücher daneben nicht ausreichend wahrgenommen worden sind.

Slogans wie „der neue Harry Potter“ und „so spannend wie Harry Potter“ wurden zum Marketing genutzt. Es entstand die Kategorie der All-Age-Literatur – von Büchern also wie der „Bis(s)“-Serie Stephenie Meyers oder Suzanne Collins’ „Panem“, die für Jugendliche und Erwachsene gedacht sind. Das Jugendbuch hat an Akzeptanz gewonnen bei den Bestseller-Zählern.

Dieser Erfolg ist nicht messbar. Aber es steht auch zu bezweifeln, ob etwa die Deutsche Cornelia Funke zum internationalen Star geworden wäre, wenn sie nicht vor zehn Jahren mit der selbst veranlassten Englisch-Übersetzung ihres Romans „Herr der Diebe“ an Barry Cunningham geraten wäre.

Der hatte zuvor Joanne K. Rowling entdeckt, ihr von anderen Verlegern abgelehntes Manuskript angenommen und in 500 Exemplaren herausgebracht. Die Autorin, alleinerziehend, Sozialhilfeempfängerin, bekam einen Vorschuss von 1500 Pfund – etwa 2025 Euro. Der schottische Kulturrat spendierte 8000 Pfund, damit sie einen zweiten Band schreiben könne.

Das war vor 15 Jahren, im Juli 1997. Im Jahr darauf erschien die erste deutsche Ausgabe bei Carlsen in Hamburg. Bis heute verkauften sich die sieben Bücher weltweit 450 Millionen Mal. Sie wurden in 73 Sprachen übersetzt und mit gewaltigem Erfolg verfilmt.

15 Jahre sind eine lange Zeit im Menschenleben. Wer in dem Jahr geboren wurde, als der erste Harry Potter erschien, hat heute ziemlich klare Vorstellungen von der Welt und seinem Platz darin. Über heutige 15-Jährige kann man bereits sagen, ob sie Leser sind oder eher zum größeren nichtlesenden Teil der Bevölkerung gehören.

Denn wer heute 15 ist, wurde auch mit Harry Potter als Leser sozialisiert (oder ließ sich eben nicht anstecken). Joanne K. Rowling und ihre Verleger haben es geschafft, dass auch im digitalen Zeitalter in Schulen Bücher unter 9- bis 12-Jährigen reihum verborgt werden und sich Kinder nicht nur über Castingshows und Modemarken, sondern auch über Harry, Ron und Hermine unterhalten.

Es geht so weit, dass junge und erwachsene Harry-Potter-Freunde selbst schriftstellerisch tätig werden und im Internet Fortsetzungen schreiben zu einzelnen Handlungssträngen, die sie selbst herausgelöst haben.

Am 27. September erscheint „The Casual Vacancy“, der neue Roman Joanne K. Rowlings, allein für Erwachsene gedacht. Hoffentlich wirkt auch der ansteckend.