Hätte ich einen Hammer, heißt es im amerikanischen Volkslied, hämmerte ich den ganzen Tag. Joe hat einen Hammer, gekauft in einem Eisenwarenladen. Doch man weiß lange nicht, was er damit macht. Joe ist kein Heimwerker, obwohl er wie einer aussieht. Ein Kapuzenpulli bedeckt die breiten Schultern, ein Bart das nicht mehr ganz junge Gesicht. Alles an ihm ist schwer, die Stiefel, sein Blick, der Gang. Wenn er zur Tat schreitet, hängt ihm der Hammer schlaff am Arm. Wenn er zurück kommt, pflastern Leichen seinen Weg. Man hat nicht das Gefühl, dass ihm das Spaß macht.

Vielleicht spielt alles in Joes Kopf

Das Gefühl hat man bei Joaquin Phoenix ohnehin selten. Der Instinktschauspieler, der nie zu spielen scheint, geht fast immer als Einzelgänger. Warum er etwas tut, behält er für sich. In „A Beautiful Day“ besteht der Job darin, entführte Kinder aus den Fängen skrupelloser Sex-Händler zu befreien. Weil Lynne Ramsay Regie führt und sich hier zwei Gleichgesinnte getroffen haben, wird dazu wenig erklärt. In schlaglichtartigen Rückblenden offenbart sich Joes Vergangenheit als Kriegsveteran mit Kampfausbildung und traumatischer Kindheit. Doch resultiert aus diesem Wissen, vielleicht das realistischste Moment im assoziativen Rausch dieser Bilder, keine Klarheit. Im Grunde hören Joes Halluzinationen nie auf, spielt vielleicht alles, was wir durch ihn sehen, allein in seinem Kopf.

Was sich nun trübselig anhört, hat in Wahrheit eine verträumte Leichtigkeit. Joes Innenleben ist ein interessanter Ort, und es macht Spaß, eine Weile dort mit ihm zu verbringen. Was ist das für ein Mann, der mit seiner Mutter alberne Späße treibt? Der die Hand eines sterbenden Bösewichts nimmt und mit ihm ein kleines Liedchen singt? Genauso scheint es Lynne Ramsay zu gehen. Mit nur wenigen Filmen („We Need to Talk About Kevin“) hat sie sich längst etabliert, als eine der versiertesten Filmemacherinnen ihrer Generation. In „A Beautiful Day“ nutzt sie Freiheiten, die so wohl nur das Genre bietet.

Die Thrillerhandlung ist kaum von Belang. Eingestreute Verweise auf Martin Scorseses „Taxi Driver“ wirken wie eine falsche Fährte. Vielleicht ist der Kunstfilm, und darum handelt es sich zweifellos, längst im Stadium des Samplings angekommen. Aber genau so ist es konsequent und stimmig. Die Preise von Cannes, für das beste Drehbuch und den besten Darsteller, weisen in die richtige Richtung: Es ist die schiere Exzellenz der filmischen Mittel, der Montage, der Lichtsetzung, und natürlich des Schauspiels, die einen hier in den Sessel drückt.

Joes Psyche ist ein dürftig zusammengehämmertes Konstrukt

Auch in anderer Hinsicht wählt Ramsay, die für gewöhnlich mit weiblichen Hauptfiguren arbeitet, einen neuen Ansatz. In Joes düsterer Welt spiegelt sich weniger eine böse Gesellschaft als das Bild einer zerbrochenen Männlichkeit. Wegen ähnlicher Motive und des einmal mehr betörenden Scores von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood, denkt man oft an Nicolas Winding Refns „Drive“. Aber eigentlich ist Ramsay näher an den maskulinen Studien von Claire Denis. Joe ist kein Rächer, schon gar kein Paranoiker. Doch wohin mit den Beschützerinstinkten, dem wohlverdienten Bäuchlein, den mühsam aufgebauten Muskeln? Joes Psyche ist ein dürftig zusammengehämmertes Konstrukt, fortwährend zerstört und gleichzeitig am Leben gehalten von Schmerzmitteln und Selbstmordfantasien. Letzteres, scheint es, spendet ihm Trost, wie auch das kontemplative Zerdrücken von Jelly Beans, eine seiner vielen Marotten.

Gewalt interessiert Ramsay und Phoenix nicht als physischer Akt, sondern in ihren Folgen. Er sei „manchmal“ brutal, sagt Joe, aber wenn man darunter Exzess versteht, ist er es eigentlich überhaupt nicht. Analog dazu zeigt der Film kaum die Schläge, aber das Blut und die Narben auf seinem Körper.

Als Joe einmal durch die puppenstubenartige Villa wandelt, in der die hoch dotierten Übeltäter ihre Opfer quälen, huscht sogar ein Lächeln über sein Gesicht. Es gibt Leute, deren Träume noch kaputter sind als seine eigenen. Auch darin mag er Trost finden, wenn schon keine Hoffnung oder gar Erlösung.

A Beautiful Day USA/Großbritannien 2017. Buch und Regie: Lynne Ramsay. Darsteller: Joaquin Phoenix, Eketarina Samsonov, Judith Roberts, John Doman u.a.; 90 Min., Farbe. FSK ab 16. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.