Köln - In einer Neuauflage des Erfolgs vom letzten Jahr, wo Günter Wallraff und seinem Team ein Coup mit der Reportage zu Burger King gelang, ermittelte der Kölner am Montagabend undercover in Jobcentern.

Torsten Misler, Mitglied im Wallraff-Team, schleust sich als Mitarbeiter in Jobcenter ein und erlebt hanebüchene Zustände: völlig überlastete Angestellte, sinnlose Weiterbildungsmaßnahmen , Diskriminierung von Langzeitarbeitslosen, Aggression gegenüber den Kunden und selbst von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitsvermittler.

RTL hatte lange das Thema der Sendung zurückgehalten. Um die Spannung zu steigern, wurden nur vage Andeutungen gemacht: Auf der Facebook-Seite hieß es wenig bescheiden: „Diese Enthüllungen  werden für heftige politische Diskussionen sorgen!“ Erst am frühen Montagnachmittag wurde dann bestätigt, was vereinzelt bereits durchgesickert war: In Wallraffs aktuellem Fall geht es um die Verwaltung der Arbeitslosigkeit.

Aggression auf beiden Seiten

Teilweise haben Jobcenter-Mitarbeiter  bis zu 600 Kunden, eigentlich sollen es maximal 150 sein. Diese  Vorgabe wird dann auf seltsamen Rechenwegen wieder erreicht – denn für den Durchschnittswert werden selbst Angestellte der Poststelle als Mitarbeiter mitgerechnet.

Im Schnitt kommt der Arbeitssuchende jedes halbe Jahr auf ein Gespräch von wenigen Minuten. „Schrankfälle“  werden hoffnungslose Fälle behördenintern wenig respektvoll genannt. Briefe bleiben monatelang unbeantwortet oder landen im Schredder. Die Überforderung der Mitarbeiter führt zu Frustration und teilweise auch Aggression. Inge Sellmann, ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin, hat Szenen erlebt, in denen sie einschreiten musste: „Es bestand die Gefahr, dass meine Kollegen den Erwerbslosen schlagen“.

Die Reportage weckt aber vor allem Verständnis für die Mitarbeiter, die unter Erfolgsdruck stehen. So sind die Vorgaben für erfolgreich zu vermittelnde Langzeitarbeitslose kaum zu erfüllen. Neue Kollegen werden nur befristet eingestellt und sind ständig von Arbeitslosigkeit bedroht, der Krankenstand ist hoch. In einem Jobcenter sind von 22 Mitarbeitern nur fünf im Dienst. Bei vielen schwingt auch Angst mit, denn immer wieder werden Mitarbeiter bedroht und auch angegriffen. Suchtprobleme und Depressionen bei den Langzeitarbeitslosen sind an der Tagesordnung, so dass der Jobcenter-Angestellte zum Sozialarbeiter wird.

Wallraff auf Lama-Tour

Die Reportage dokumentiert die Sinnlosigkeit vieler Weiterbildungsmaßnahmen, aber auch demütigende Situationen für die Arbeitssuchenden: Erwachsene müssen fünfwöchige Seminare mit Motivations-Binsenweisheiten und albernen Spielen absolvieren: „So ein hirnrissiges Zeug“, sagt ein über 50-Jähriger Teilnehmer. Zweck dieser Maßnahmen: Die Statistik wird geschönt. Denn Menschen in Weiterbildungen gelten offiziell nicht als arbeitslos. Ebenso wie die Tausende krank Gemeldeten oder Ältere – eben alles eine Frage der Zahlen.

Beim Gipfel der Absurdität kommt Wallraff, der meist nur noch als Mentor und Berater auftritt, dann doch noch selber zum Einsatz. Wie üblich getarnt mit Perücke nimmt der Journalist an einer Lama-Tour für Langzeitarbeitslose teil. Zwei Teilnehmer trotten mit einem Lama einige Stunden durch idyllische Umgebung – auf Kosten der Steuerzahler. „Geldverbrennungsmaschine“ nennt ein Mitarbeiter daher viele Maßnahmen der Jobcenter.

Nicht neu, aber erschreckend

Was Wallraff in „Inside Jobcenter“ enthüllt, ist sicher nicht völlig neu, wie auch einige Reaktionen in den sozialen Netzwerken belegen:

Aber auch wenn die Zustände nicht repräsentativ für die über 400 deutschen Jobcenter  sind: In dieser komprimierten Form schrecken die Missstände auf. Wirtschaftswissenschaftler Stefan Sell moniert in der Reportage, die Politik habe im Prinzip vor der Langzeitarbeitslosigkeit kapituliert.  Oder wie eine Jobcenter-Mitarbeiterin es formuliert: „Der Mensch bleibt doch hier auf der Strecke.“