Berlin - Es ist ehrenwert, das Sprichwort zu beherzigen, über Verstorbene nicht schlecht zu reden. Und doch konnte man von den Lobgesängen auf den Apple-Gründer Steve Jobs in den vergangenen Wochen leicht zu viel bekommen. Schon nach wenigen Tagen hatte man den Eindruck, dass nicht der Chef eines Computerkonzerns gestorben ist, sondern ein Weltverbesserer vom Rang eines Mahatma Gandhi. Just in diesem Moment setzt der Verlag Random House jetzt auch noch eine 630 Seiten starke, hastig durch die Druckerpresse gejagte Biografie von Jobs obendrauf. An diesem Donnerstag erscheint sie in Deutschland.Und so kostet es schon einige Überwindung, den dicken Brocken vom Regal zu nehmen und ihn sich auch noch einzuverleiben.

Wenn man das Blättern einmal angefangen hat, wird man jedoch angenehm überrascht. Obwohl Walter Isaacson, der vor Jobs schon Albert Einstein besungen hatte, Jobs’ offizieller Hof-Biograf war, ist das Werk alles andere als eine Heiligsprechung. Im Gegenteil, Isaacson hat aus den Hunderten von Stunden, die er mit Jobs verbrachte, das Bild einer komplizierten, manchmal zerrissenen und gewiss nicht immer angenehmen Persönlichkeit mitgebracht.

Jobs sah sich als Auserwählter

Isaacson These lautet, dass die ganze Bandbreite von Jobs’ Charaktereigenschaften – von seinem schöpferischen Genie bis hin zu der Gemeinheit, zu der er fähig war – auf eine einzige prägende Erfahrung zurück gehen. Als der jugendliche Jobs erfuhr, dass er ein Adoptivkind ist, lief er zu seinen Zieh-Eltern und fragte sie, ob seine wahren Eltern ihn denn nicht gewollt hätten. Er müsse das anders sehen, war die Antwort der offenbar klugen Pädagogen. Sie, seine Adoptiveltern, hätten speziell ihn ausgewählt, weil er etwas ganz Besonderes sei.

Fortan sah sich Steve Jobs als Auserwählter, als jemand, für den die Gesetze normaler Sterblicher keine Gültigkeit besitzen. Befeuert vom Geist der kalifornischen Hippiekultur, akzeptierte er keine Autorität und keine Grenzen. Er fuhr Autos ohne Nummernschilder, parkte grundsätzlich im Halteverbot und schmiss LSD-Trips, wo er nur konnte. Er brach das College ab, um ein halbes Jahr durch Indien zu wandern und zog sein erstes Geschäft mit einem Gerät auf, mit dem man die Telefongesellschaften prellen konnte. Statt sich um einen ordentlichen Job zu bemühen, startete er seine eigene Firma in der Garage seiner Eltern.

Natürlich war Jobs’ Sendungsbewusstsein auch der Quell seiner Originalität. Jobs fühlte sich dazu berufen, alles von Grund auf neu zu erfinden, und war davon überzeugt, dass er alles besser wusste, als alle anderen. Noch in den letzten Interviews vor seinem Ableben sagte er über seinen Erzrivalen Bill Gates: „Er hat es einfach nie begriffen. Er konnte nicht einmal unsere Gebrauchsanweisungen lesen.“

Die Gewissheit, dass er alleine von einem göttlichen Funken beseelt ist, führte laut Isaacson auch dazu, dass Jobs über jeden Aspekt seiner Produkte totale Kontrolle haben musste. Er beschäftigte sich bei den ersten Macs wochenlang obsessiv mit den Hintergrundfonts. Selbst die Farbe der Schrauben, die im Gerät versteckt sind, waren ihm nicht egal. So kam die berühmte Apple Ästhetik zustande – Produkte bei denen Hard- und Software aus einem Guss sind und einer alles in seiner eisernen Hand hält: Jobs.

Positives Fazit

Für seine persönlichen Beziehungen waren seine Kontrollsucht und seine Hybris indes weniger förderlich. Er trieb seine Mitarbeiter oft weit über ihre Grenzen hinaus an und ließ sie gnadenlos fallen, wenn sie seinen Ansprüchen nicht genügten. Seine erste Tochter, die aus einer Beziehung in seinen frühen 20er Jahren stammte, verleugnete er, bis sie ein Teenager war. Sie stand seinen großen Plänen im Weg.

Auch seiner eigenen Gesundheit schadete er mit seiner Art von Größenwahn. Nach seiner Krebsdiagnose weigerte er sich, sich einer Operation zu unterziehen. Stattdessen behandelte er sich selbst mit esoterischen Diäten und Besuchen bei alternativen Heilern. Als er endlich ins Krankenhaus ging, hatte der Krebs sich irreversibel ausgebreitet.

Trotz alldem fällt das Fazit Isaacsons positiv aus. Auch der Biograf hat sich letztlich in den Bann von Jobs’ Charisma schlagen lassen. Er nennt ihn im Nachwort seines Buches ein magisches Genie und den bedeutsamsten Geschäftsmann des Jahrhunderts. So bleibt Jobs auch unter den kritischen Augen von Isaacson ein Übermensch, wenn auch einer, der für seine Brillanz einen hohen Preis bezahlt hat.

Walter Isaacson: Steve Jobs,

Verlag C. Bertelsmann, 24,99 Euro