Joel und Ethan Coen im Gespräch: Jede Woche ein neuer Film

Der neue Film der Coen-Brüder hat die 66. Berlinale eröffnet – als Liebeserklärung ans Kino. Nun läuft die  Komödie „Hail, Caesar!“ regulär im Kino. Wir trafen Ethan und Joel Coen in Berlin zum Interview.

Liebe Coens, sehen Sie Ihren neuen Film als Hommage an die goldenen Zeiten Hollywoods?

Ethan: Ohne Frage ist „Hail, Caesar!“ aus unserer Liebe zum Kino entstanden, als Verbeugung vor den Filmen von früher. Außerdem reizte uns an dieser Geschichte nicht zuletzt die Möglichkeit, uns innerhalb eines Films an vielen verschiedenen Genres zu versuchen. Zumindest momentweise, denn wir zeigen ja gleich mehrfach die Dreharbeiten der unterschiedlichsten Filme.

Trotzdem haben Sie en passant auch dieses Mal wieder viele komplexe Themen in Ihre Komödie eingebaut, von Kommunismus bis Religion...

Ethan: Eine Art Eintopf der unterschiedlichsten, nicht zwingend ausgereiften oder sortierten Ideen...

Joel: Aber ich glaube, Sie schreiben uns da in Sachen Reflexion und Strukturiertheit mehr Ehre zu als uns gebührt. So genau wissen wir da mitunter selbst nicht, was wir tun.

Ethan: Nur um die Kommunisten als Beispiel zu nehmen: Wir schrieben das Drehbuch nicht in der Absicht, etwas über die McCarthy-Ära zu erzählen. Sondern wir hatten die Idee, den Star eines großen kapitalistischen Filmstudios entführen zu lassen. Und da kamen für die Fünfzigerjahre einfach ein paar Kommunisten als größtmöglicher Gegensatz ganz gut als Täter infrage.

Das Drehbuch, so hört man, lag  schon eine Weile in Ihrer Schublade.

Joel: Nein, so stimmt das nicht. Aber die Idee hatten wir tatsächlich schon vor vielen Jahren. Es ist sicherlich 15 Jahre her, dass wir zum ersten Mal mit George Clooney über die Geschichte eines entführten Hollywood-Stars gesprochen haben. Das war damals zu Zeiten von „O Brother Where Art Thou?“. Bis vor ein paar Jahren war das aber eigentlich nichts als ein Gedankenspiel.

Also haben Sie „Hail, Caesar!“ konkret für ihn geschrieben?

Joel: Im Grunde ja. Aber das ist eher die Ausnahme.

Ethan: An Josh Brolin zum Beispiel dachten wir zum Beispiel das erste Mal, als das Drehbuch längst fertig war. Dabei haben wir ja schon zwei Filme mit ihm gedreht.

Joel: Auch bei Tilda Swinton war die Überlegung nicht: Wen könnte sie spielen? Sondern sie kam uns in den Sinn, sobald wir die Idee für die Figur hatten. Und Scarlett Johansson schwebte uns vor, sobald wir wussten, dass es um eine Synchronschwimmerin geht. Aber meine Frau Frances McDormand zum Beispiel fragte von sich aus, ob wir nicht bitte eine Rolle für sie in dem Film finden könnten.

Sie haben die unterschiedlichen Genres bereits erwähnt, die in „Hail, Caesar!“ ins Spiel kommen, vom Western bis hin zum Sandalen-Epos. Haben Sie sich schon beim Schreiben bewusst gemacht, was da auf Sie zukommt?

Joel: Nein, das ist ja immer wieder das Problem. Wir schreiben etwas – und irgendwann kommt dann die Erkenntnis: oh verdammt, jetzt müssen wir das ja auch drehen. Aber ganz im Ernst, das war dieses Mal schon eine Ecke schwerer als sonst, denn tatsächlich haben wir im Grunde jede Woche an einem neuen, völlig anderen  Film gearbeitet. Wenn man einen Western dreht, muss man sich einmal um die passenden Kostüme, die Hüte und die Pferdetrainer kümmern. Hier hatten wir aber schon nach ein paar Tagen keine Verwendung mehr für die Pferde und mussten uns stattdessen um einen riesigen Wassertank und Synchronschwimmerinnen kümmern, bevor es weiter zu den tanzenden Matrosen ging.

Ethan: Oh, das Wasserballett! Wenn es eine Sache gibt, von der ich weiß, dass wir sie nie wieder drehen werden, dann das!

Man sieht in „Hail, Caesar!“ wie anders früher gearbeitet wurde: In den Hallen der riesigen Studioanlage wird ein Film neben dem nächsten gedreht, gleich daneben sind die Schneideräume. Würden Sie Ihre heutigen Arbeitsbedingungen gerne mal tauschen gegen die von Billy Wilder oder Ernst Lubitsch früher?

Ethan: Hm, gute Frage. Auf die heutige Technik möchte man natürlich eigentlich nicht verzichten. Allein wie sehr man damals vom Wetter und überhaupt der Natur abhängig war. Heute kann man bei so vielen Schwierigkeiten einfach auf den Computer zurückgreifen. Andererseits stand einem Regisseur damals eine Armee von bestens ausgebildeten Technikern und Mitarbeitern zu Verfügung, von der man heute nur träumen kann.

Joel: Ich finde es sehr schwer, mich in diese Arbeitsbedingungen hineinzuversetzen. Wer weiß, ob wir mit den damaligen Umständen klargekommen wären. Die gut geölte Maschine, die ein solches Filmstudio war, hat aber natürlich einen gewissen Reiz. Nur dank ihr konnten Regisseure damals im Laufe ihrer Karriere vierzig oder fünfzig Filme drehen. Schon der Logistik wegen wäre das heute ein Ding der Unmöglichkeit. Andererseits hatten die Studios alles unter ihrer Kontrolle, während wir heute als Filmemacher selbst die meisten Fäden in der Hand halten.

Das, was man heute als Studio-System bezeichnet, ist ja nicht wirklich Ihre Welt, oder?

Ethan: Nicht im klassischen Sinne. Wir bringen unsere Filme allerdings  durchaus mit der Hilfe der großen Studios in die Kinos. Aber wir entwickeln unsere Drehbücher nicht mit ihnen, sodass wir selbst alle Entscheidungen treffen. Bevor wir einen solchen Konzern mit ins Boot holen, ist bei uns vom Skript über die Besetzung bis hin zum Budget das Wichtigste schon unter Dach und Fach.

Für das Skript zu Spielbergs „Bridge of Spies“ sind Sie jetzt für den Oscar nominiert, demnächst inszeniert Clooney eine Ihrer Geschichten. Wie viel Coen steckt in den Drehbüchern, die Sie für andere schreiben?

Joel: Ihre beiden Beispiele sind zwei vollkommen unterschiedliche Fälle. Das Drehbuch, das George jetzt umsetzen will, ist eines, das wir vor rund 30 Jahren geschrieben, aber selbst nie verfilmt haben.

Ethan: Die Spielberg-Sache war dagegen einer von vielen Fällen, in denen man uns engagierte, um ein bereits existierendes Skript umzuschreiben. Das ist dann immer ein komplett anderer Job, als ein Drehbuch für uns selbst zu verfassen, denn man folgt klaren Anweisungen und Vorstellungen eines anderen Filmemachers.

Würden Sie denn aber zumindest bei Ihren eigenen Filmen unterschreiben, dass es einen roten Faden gibt? Coen-typische Themen, die sie aller Unterschiedlichkeit zum Trotz miteinander verbinden?

Ethan: Wir selbst sind uns dessen eigentlich nicht bewusst. Wenn wir merken würden, dass es da Gemeinsamkeiten gibt und wir uns wiederholen, würden wir versuchen, daran umgehend etwas zu ändern. Also wenn Sie da etwas erkennen, dann nicht dank, sondern trotz unserer Bemühungen.

Interview: Patrick Heidmann