Überpünktlich sitzt sie an einem der hinteren Tische im Café Sauers am Rosa-Luxemburg-Platz. Jördis Triebel trägt Jeans, T-Shirt und Jackett, das Gesicht ist ungeschminkt. Sie steht auf und fragt an der Theke, ob man die Musik leise stellen könne. Sie bewegt sich wie jemand, der sehr viel Sport macht, aufrecht, energiegeladen. Sie kommt gerade vom Schwimmen, erzählt sie. Dreimal in der Woche taucht sie ab. Im Kino ist Jördis Triebel derzeit als gnadenlose Schulrätin in „Das schweigende Klassenzimmer“ zu sehen, die in der wahren Geschichte über den Protest einer Abiturklasse in der jungen DDR eine fatale Schlüsselrolle spielt.

Ihre Haare sind noch nicht ganz trocken. Haben Sie keine Angst, sich zu erkälten?

Nein, aber ich habe so einen Druck auf dem Ohr vom Wasser, ich müsste wahrscheinlich mit Stöpseln schwimmen. Eine Kappe habe ich aufgehabt, ich bilde mir ein, dass ich dann schneller schwimme. Aber die Haare sind natürlich trotzdem nass.

Was ist so schön am Schwimmen?

Man taucht einfach ab ins Wasser und hört nichts mehr, das ist ganz gut. Und wenn man eine Weile schwimmt und eine Gleichmäßigkeit gefunden hat, das passiert bei mir immer erst nach zwanzig Minuten, dann kommt man in einen Trancezustand, wie beim Joggen. Das Gedankenkarussell im Kopf hört auf.

Wenn man Sie in dem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ als bösartige Schulrätin in der noch jungen DDR sieht, fürchtet man sich fast vor Ihnen. Das ist keine, mit der man gern am Tisch sitzt und übers Schwimmen redet.

Bei dieser Frau gibt es keinen Moment, in dem sie Menschlichkeit zeigt. Sie scheint auch keine Empathie zu haben – und das zu spielen fand ich gut. Ich war froh, eine Rolle angeboten zu bekommen, die eben nicht nett und nicht verständnisvoll ist.

Sie erpresst die Schüler, demütigt einzelne vor der ganzen Klasse. Ist es interessant, jemanden zu spielen, der so böse agiert?

Sie selbst hält sich ja nicht für böse – genauso habe ich sie gespielt. Sie hat ihre Gründe für ihr Verhalten, sie glaubt an das System, deshalb zeigt sie auch keine Reue. Und sie empfindet auch Genuss daran, den Feind auszuschalten. Mit uns nicht, denkt sie sich. Nicht im Kleinen und nicht im Großen. Das zu spielen hat mir, ich muss es einfach so sagen, ganz viel Spaß gemacht.

Man merkt es Ihnen an, wenn Sie davon erzählen.

Ja, das war toll. Ich finde es auch viel ehrlicher, das so durchzuziehen und einen Menschen zu zeigen, der ohne Reue, ohne Einsicht ist. Da draußen wimmelt es von solchen Menschen. Es gibt sie. Ich wollte diese Frau nicht weicher machen, als sie ist.

Wie gehen Sie mit solchen Menschen um, wenn sie Ihnen in der Realität begegnen?

Ich versuche, einen Bogen um sie zu machen und würde das auch meinen Kindern raten.

Damit entfalten sie vielleicht noch mehr Macht.

Vielleicht verlieren sie die auch, weil ihnen keiner mehr zuhört. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Reden bei solchen Leuten keinen Sinn hat, weil man sie nicht überzeugen kann. Die moralischen Vorstellungen, die ich habe, so empfindsam wie ich bin, die Fragen, wie man miteinander umgeht, die scheinen für solche Leute einfach nicht zu existieren. Um auf die Figur zurückzukommen: Wenn ich so jemanden spiele, der so sadistisch ist, frage ich mich natürlich, was hat sie erlebt, um so zu werden? Etwa im Krieg.

Sie wollen verstehen, aber kein Verständnis haben?

Ja. Als Schauspielerin muss ich meine Rolle auch verteidigen. Haben Sie den Fernsehfilm „Jagdgesellschaft“ gesehen? Ich spiele eine Frau, die Kinder an einen Pädophilenring verkauft. Eine Täterin. Ich habe diese Rolle damals angenommen, weil ich davon überzeugt war, dass man über dieses Thema sprechen muss. Es war für mich eine Qual, mich auf diese Rolle vorzubereiten, weil ich anfangs gar nicht wissen wollte, was diese Frau fühlt. Merkwürdigerweise war genau das der Zugang: Diese Frau fühlt nämlich nichts. Sie macht es, vielleicht, weil es ihr selbst passiert ist. Sie macht es einfach, ohne darüber nachzudenken. Wenn sie etwas fühlen würde, würde sie das, was sie tut, gar nicht aushalten. Viele Menschen können auch nur negative Gefühle empfinden – Angst, Verlustangst. Positive Gefühle wie Liebe, Wärme und Geborgenheit empfinden sie nicht. Es geht dann eher um Abhängigkeit, um Macht über andere, und aus dem negativen Gefühl ziehen sie dann eine Art von Befriedigung.

Das erinnert an den Typus, den die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen in ihrem Buch „Masken der Niedertracht“ beschrieben hat. Menschen, die seelische Gewalt einsetzen und das genießen.

Das Buch habe ich auch gelesen.

In Vorbereitung auf Ihre Rolle in „Das schweigende Klassenzimmer“?

Nein. Schon viel früher.

Warum?

Weil es mich interessiert hat, und weil es diese Leute gibt. Es hat mich schockiert, als ich auf sie getroffen bin. Ich interessiere mich auch dafür, weil es mir selbst fremd ist, so zu sein. Beim Schauspiel ist aber genau das interessant – eine fremde Person kennenzulernen, herauszufinden, wie jemand tickt, wonach er sich sehnt. Was will der, wo kommt der her, warum tut er das, was er tut. Auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann. Das ist wie Detektivarbeit. Aber es macht die Arbeit viel spannender, als immer von sich selbst auszugehen. Deshalb liebe ich es auch, historische Filme zu machen. Das Kostüm im „Schweigenden Klassenzimmer“ hat mir sehr geholfen. Die Frau ist wie eingeschweißt in ihr Kostüm. Ich durfte in den Pausen nie sitzen, weil der Stoff knittern könnte, ich durfte mich nie anlehnen, wegen der Frisur, ich musste permanent stehen, was wirklich hart war, weil ich ein sehr körperlicher Mensch bin. Ich mache viel Sport, ich muss viel rennen vor Dreharbeiten, Liegestütze machen, um warm in eine Szene reinzugehen. Das ging hier alles nicht, ich war wie gefangen in diesem Kostüm.

Im Kino wird der Osten häufig von Regisseuren inszeniert, die im Westen aufgewachsen sind – wie Lars Kraume, der Regisseur von „Das schweigende Klassenzimmer“. Hat Sie das gestört?

Ich habe mich bei Lars Kraume nie gefragt, warum ein Wessi DDR-Geschichte erzählt. Er interessiert sich eben für Geschichte und für Geschichten über Menschen. Es geht in diesem Film ums Erwachsenwerden, ums knallharte Erwachsenwerden. Die Jugendlichen wollen eigentlich nur ein bisschen provozieren. Sie wollen tanzen, die Liebe kennenlernen, Politik interessiert sie auch, aber eher auf einer naiven Ebene. Und als sie sich aus einem Gefühl von Ungerechtigkeit heraus mit den Demonstranten von Budapest solidarisieren, können sie nicht ahnen, dass sie für ihre Entscheidungen solche Konsequenzen tragen müssen. Dass sie das Land, ihre Familien verlassen müssen. Das ist es, was einen so berührt.

In den Familien brodelt viel Verdrängtes, Verschwiegenes. Die Jugendlichen lösen mit ihrer Rebellion auch eine Betrachtung der Vergangenheit aus. Der Krieg liegt noch nicht lange zurück.

Ich konnte das gut nachvollziehen, auch weil ich mich selbst sehr mit unserer Elterngeneration beschäftige, viel dazu lese. Als die heute etwa Sechzig-, Siebzigjährigen jung waren, ging es darum, zu funktionieren, anzupacken. Pflichterfüllung war wichtig. Gefühle zählten einfach nicht. Das war Luxus. Es ist nicht einfach für uns, die wir in einer ganz anderen Zeit aufwuchsen, mit diesen Eltern über die Vergangenheit ins Gespräch zu kommen. Man muss vieles allein herausfinden. Ich glaube, das Schweigen und die Härte brauchen sie auch. Wenn man da hineinbohrt, würde zu viel hochkommen. Meine Generation ist jetzt an dem Punkt, das zu bearbeiten. Aber wir können das wahrscheinlich nicht gemeinsam mit unseren Eltern.

Sie sind im Theater aufgewachsen, eigentlich ein emotionales Milieu.

Meine Mutter war Requisiteurin am Kinder- und Jugendtheater; sie arbeitet immer noch am Theater. Mein Vater ist Werkzeugmacher und ging morgens um fünf in die Fabrik. Ich habe beides kennengelernt. Meine Mutter hat die DDR noch mal ganz anders wahrgenommen, sie war in intellektuellen Kreisen, sie kannte auch viele Leute, die das Land verlassen haben oder es verlassen wollten.

Sie erlebten das Ende der DDR in der Pubertät. Ein doppelter Umbruch. Für manche Jugendliche war das zu viel, sie drifteten ab. Sie nicht. Was hat Sie gehalten?

Das stimmt so nicht. Mit Abstand betrachtet, sehe ich heute, dass ich damals auch den Boden unter den Füßen verloren habe. In dieser Zeit war nicht klar, wer die Wahrheit sagt, woran man glauben kann. Die Lehrer waren verunsichert, sie wussten nicht, was sie unterrichten sollten, was vor Monaten noch galt, galt plötzlich nicht mehr. Ich weiß, dass ich noch einen Tadel dafür bekommen habe, dass ich mit meiner Mutter auf die letzten Demonstrationen gegangen bin und nicht zur Schule. Ein paar Wochen später war davon nicht mehr die Rede. Jeder war verunsichert. Das hat mich wahnsinnig geprägt. Zwei Jahre nach der Wende gab es den ersten Drogentoten an der Schule, an der ich war. Ich fühlte mich – wie glaube ich fast alle – ziemlich alleingelassen. Meine Mutter gehörte zu denen, die gehofft hatten, aus der DDR noch etwas Vernünftiges machen zu können. Dann erlebten sie, wie das Land vom Westen aufgefressen wurde.

Waren Sie wütend, obwohl Sie so jung waren?

Um Wut zu haben, ist man nie zu jung. Ich habe mich damals vor allem selbst gefragt, was ich eigentlich will. Und für mich war klar, dass ich Schauspielerin werden und an die Ernst-Busch-Schule will. Dieser Beruf ist für mich noch immer der Ort, wo ich alles, was mich beschäftigt, lassen kann. Wo alles raus darf. Das hat auch etwas Reinigendes.