Die Jugendlichen decken auf, was Erwachsene vertuschen: in „Biologie!“ von Jörg Foth.
Foto:: DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger.

BerlinAls Jörg Foths „Biologie!“ im September 1990 uraufgeführt wurde, wollte kaum jemand ihn sehen. Kino, das sich mit Themen der untergehenden DDR beschäftigte, galt damals als uninteressant. Jetzt, dreißig Jahre später, anlässlich der erstmaligen DVD-Edition, könnte das anders werden. Denn „Biologie!“ erweist sich als eine Parabel von bestechender Aktualität.

Die Hauptfigur ist eine engagierte 15-Jährige, die bei einer Schulexkursion in ein Landschaftsschutzgebiet ein illegal gebautes Wochenendhaus und eine Forellenzuchtanlage entdeckt. Das Mädchen, gespielt von Stefanie Stappenbeck, geht im wahrsten Sinne des Wortes auf die Barrikaden: „Sollen wir denn einfach zusehen, wie unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles in die Binsen geht?“ Und sie stachelt auch ihren Freund an, den Sohn eines DDR-Funktionärs, der seine Datsche ausgerechnet in die Naturlandschaft setzt. Seinem machtbewussten Vater schleudert der Junge entgegen: „Du redest doch alle tot mit deinen ewig geschliffenen Reden. Eure Augenauswischerei, sie kotzt mich an.“ Ein verbaler Ausbruch, der nicht nur die Verhunzung der Umwelt meinte.

Zugrunde lag dem Film eine Erzählung von Wolf Spillner, „Die Wasseramsel“. Schon seit den frühen 80er-Jahren war sie bei der Defa im Gespräch, aber das Thema erschien zu heikel und ein Parteifunktionär als Negativfigur, das ging gar nicht. So wurde die Drehgenehmigung erst im Sommer 1989 erteilt.

Entscheidenden Anteil am Film hatte die Dramaturgin Erika Richter, die sich im Studio seit langem für politisch brisante Stoffe einsetzte. Zu den von ihr initiierten und betreuten Arbeiten gehörten etwa Lothar Warnekes „Die Beunruhigung“, Rainer Simons „Jadup und Boel“, Evelyn Schmidts „Das Fahrrad“ und auch Heiner Carows „Coming out“: Allesamt Filme, die zeitgenössische Konflikte auf eine künstlerisch eigenwillige Weise reflektierten.

Nach dem Ende der Defa wurde Erika Richter gleichsam zu einer Institution in Sachen ostdeutsches Kino: Gemeinsam mit ihrem früh verstorbenen Mann Rolf übernahm sie die Herausgabe der Zeitschrift „Film und Fernsehen“. Sie sorgte, oft mit privaten Mitteln, für die Finanzierung jedes Hefts. Sie trug außerdem entscheidend zur Rettung des Filmkunsthauses Babylon bei, gehörte zum Auswahlkomitee des Forums junger Film bei der Berlinale, reiste fürs Goethe-Institut durch die halbe Welt, schrieb viel und besichtigte nahezu jeden Abend im Kino Arsenal neue und alte Filme.

Von einer tückischen Krankheit gezeichnet, fiel es ihr letztlich immer schwerer, die Wohnung zu verlassen. Am Ende war sie, die ihr Leben lang so gern diskutierte und stritt, ganz und gar in sich verschlossen. Ende August ist Erika Richter 82-jährig in einem Berliner Pflegeheim verstorben.

Biologie! DDR 1990, Regie: Jörg Foth; 89 Minuten. Ab 8,89 Euro bei Absolut Medien.