Ein berührendes Duett: Johanna Lemke und ihre Tochter.
Foto: ada Studio / Aïsha Mia Lethen Bird

BerlinKinder und Karriere parallel managten alle Eltern während des Corona-Shutdowns. Seit langen Jahren Profi in dieser Form der Alltags-Jonglage ist Johanna Lemke. Drei Kinder, freiberuflich tätig als Tänzerin, Choreographin, Sängerin. „Ich habe durchgezogen“, sagt sie über ihren unbedingten Willen, Job und Nachwuchs unter den sprichwörtlichen Hut zu bekommen.

Im Osten gebürtig, wo arbeitende Mütter als selbstverständlich galten, war Johanna Lemke erstaunt, dass sie selbst mit dem Klischee der Rabenmutter konfrontiert war. Mit 26 Jahren war sie in der Tanzszene die einzige Mutter ihrer Altersgruppe. Hinderlich für den Job, denn kinderfreundliche Kompanien oder Probenzeiten suchte sie vor zwölf Jahren vergeblich und auch vor acht Jahren, als sie ihren zweiten Sohn bekam. Noch während ihrer dritten Schwangerschaft im vergangenen Jahr kündigten ihr Regisseure die Zusammenarbeit auf. Wer schwanger ist, hat auf der Bühne nichts mehr zu suchen?

Frustriert schrieb Johanna Lemke einen Brandbrief: „Die Doppelbelastung, mit der ich seit zwölf Jahren umgehe, ist manchmal so heftig, dass ich alles schmeißen will. Aber ich liebe, was ich mache. Und wir leben davon“, heißt es darin. Seither hat sie gut zu tun. Mit den Mitteln einer Residenz des ada-Studios, die jetzt eigens für Künstlerinnen mit Kindern ausgeschrieben wurde, recherchieren sie und ihr Kunstkollektiv Team Volume derzeit, wie die Gesellschaft auf Mütter blickt. Wieso werden sie nicht mehr als sexuelle Wesen gesehen, fragen sie sich, obwohl Sex die Voraussetzung für Elternschaft ist und ein lebenslanges Bedürfnis?

Interviews haben Johanna Lemke und Jacob Stoy geführt, bildende Künstler zur Mitarbeit eingeladen und Bücher gelesen. Aus Brechts „Keuschheitsballade in Dur“ ist ein Song entstanden, die feministischen Comics von Liv Strömquist werden zitiert. Das Ergebnis, eine Momentaufnahme, wie im Jazz auf Grundlage der vorbereiteten Bestandteile improvisiert, wird jetzt vom 11. bis 13. September auf der Webseite des ada-Studios gestreamt.

Mit Vorstellungen vor Publikum ist der kleine Veranstaltungsort in den Uferstudios noch vorsichtig. Und es gilt, eine Performerin vor Andrang zu beschützen – Johanna Lemkes acht Monate alte Tochter. Bei der Probe schaut sie wach in die Welt. Spannt erwartungsvoll den Körper, als ihre Mutter sie aufnimmt, um sie durch die Luft zu schwingen oder auf den Unterarmen zu wiegen. Geborgen in den Händen der erwachsenen Tänzerin, lehnt sich die Kleine glucksend mit in die Kurven. „Sie hat schon im Bauch getanzt“, erklärt Johanna Lemke die Vertrautheit ihrer Tochter mit den Bewegungen. Ein berührendes Duett. Und ein anschaulicher Beweis: Baby und Beruf lassen sich vereinbaren.

„Die Madonna“ ist im Videostream zu sehen vom 11. September, 18 Uhr, bis 13. September 2020, 23.59 Uhr. www.ada-studio.de