Er hatte schon immer den Finger am Puls der Zeit, aber mit seinem neuen Roman „Empfindliche Wahrheit“ hat John le Carré wahrhaft den perfekten Zeitpunkt getroffen: Sein Protagonist ist ein Whistleblower aus den sonst so fest geschlossenen Reihen der britischen Diplomatie. Besonders wenn man bedenkt, dass le Carré, der großen Wert auf umfassende Recherchearbeit und solide Fundierung der politischen Hintergründe seiner Romane legt, in der Regel zwei bis drei Jahre an einem neuen Thriller arbeitet, ist das Timing beängstigend gut: „A Delicate Truth“, dessen deutsche Übersetzung „Empfindliche Wahrheit“ heute erscheint, kam am 25. April in die britischen Buchläden, Edward Snowdens Enthüllungen der NSA-Abhör-Aktivitäten wurden von der Washington Post und dem Guardian am 6. Juni veröffentlicht.

Wir erfahren nicht, wie es le Carrés Whistleblower Toby Bell am Ende ergehen wird: Als er auf der letzten Seite des Romans die Daten aus einer Internetbude an der nächsten Straßenecke ins Netz schickt, ertönen draußen bereits die Polizeisirenen. Was Bell, junger Diplomat mit ordentlichen Karrierechancen und intaktem moralischem Rüstzeug, aufdeckt, fasst einer seiner Gegenspieler so zusammen: „Ein Haufen amerikanischer Söldner, verstärkt durch eine getarnte britische Spezialeinheit und finanziert von republikanischen Fundamentalisten. Das Ganze ausgeheckt von einem dubiosen Militärdienstleister in Zusammenarbeit mit einer Handvoll feuerspeiender Neokonservativer aus unserer schnell dahinschwindenden New-Labour-Riege. Und als Dividende? Die verstümmelten Leichen einer unschuldigen Muslimin samt ihrem Kind. Wenn das kein gefundenes Fressen für die Medien ist.“

Whistleblower und ein alter Haudegen

Er redet von „Operation Wildlife“, einer schnellen Eingreifaktion in der britischen Kolonie Gibraltar zur Ergreifung eines islamistischen Waffenhändlers, bei der einiges schief geht, so dass im Anschluss alles vertuscht werden muss, es ist nichts gewesen, die Aktion hat es nicht gegeben. Bloß dass ein Soldat der britischen Spezialeinheit Jahre später den Moralischen bekommt und den alten Kit Probyn, der damals als „rotes Telefon´ für den Minister bei der Aktion mitstolperte, aus dem Rentnerdasein in Cornwall hochscheucht, und eben Toby Bell, der zur gleichen Zeit mit einem „ungeschlachten, prädigitalen Tonbandgerät“ mehr oder weniger aus Versehen ein verräterisches Telefongespräch des zuständigen Ministers mitgeschnitten hatte. Und wir ziehen nun mit dem jungen Whistleblower und dem alten Haudegen gegen die Bösen.

Die sitzen ganz nah an den Schalthebeln der Macht, und hier sind wir dann beim eigentlichen Thema des Romans. Le Carré, inzwischen 82 und immer noch eingefleischter Moralist, geht es in „Empfindliche Wahrheit“ um viel mehr als legitimen Geheimnisverrat, nämlich um die Gefahr einer völligen Unterminierung des politischen Systems durch private und wirtschaftliche Netzwerke, um das, was er „Staat im Staat“ nennt: ein „sich stets erweiternder Kreis von nichtstaatlichen Insidern aus dem Bankensektor und der Industrie, die Zugang zu Geheiminformationen hatten, an die der Großteil der Beamten nicht herankam.“ Auf die Spitze getrieben wird dieses Szenario durch den privatisierten Krieg, abgewickelt und exekutiert durch sogenannte Militärdienstleister. Um die Angst dieser Netzwerke vor der Öffentlichkeit, ihre Bereitschaft zum Äußersten und die entsprechenden Methoden farbenfroh und wirksam zu illustrieren, muss le Carré tief in die Requisitenkiste des Genres greifen und gönnt uns so eine ganze Reihe von Verfolgungsjagden plus Vertuschungsaktionen und handfestem Zupacken der einen, aber auch cleveren Einfällen und Ausweichmanövern der anderen Seite.

Die Heimkehr des Meisters

Soweit der gewohnte le-Carrésche Entrüstungs-Roman über die Machenschaften der Strippenzieher, die Ineffizienz der Geheimdienste und die blasierten Heucheleien der Diplomatie plus ebenso gewohnt exzellenter erzählerischer Durchführung, wie wir beides seit nunmehr über einem halben Jahrhundert regelmäßig geliefert bekommen. Was „Empfindliche Wahrheit“ jedoch zu einem ganz besonderen le Carré macht, ist die Heimkehr des Meisters.

Jahrzehntelang hatte le Carré seine Romane weit vom Vereinigten Königreich entfernt im Kongo, in Kenia, Panama, der Türkei, in Zürich, ja sogar im beschaulichen Bonn angesiedelt, und man muss bis zu den George Smiley-Romanen der Siebzigerjahre zurückgehen, um die Agenten ihrer Majestät nicht nur bei der Durchreise zum Kommandoempfang in London zu erleben. Nun allerdings die volle Ladung Britishness, und John le Carré schwelgt im dezent zelebrierten Überschwang kleiner Dorffeste in Cornwall, den staubtrockenen Reglements englischer Herren-Clubs und der jovialen Doppelzüngigkeit der Londoner Politik. Toby Bell leiht er großzügig sein eigenes „überfeines Ohr für die gesamte Klaviatur akzentbedingter Stigmatisierungen“ und bespielt selber gekonnt alle Register des ironischen Erzählens von Satire über Spott und Insiderwitze bis zum Sarkasmus.

Mit dieser Lust am Erzählen in Verbindung mit einem wahrhaft tagesaktuellen Thema und dem gruseligen Zukunftsszenario privat finanzierter Kriege lässt John le Carré alle derzeitigen Versuche, dem alten Spionagethriller neue, auch nostalgische Seiten – wie in den letzten Romanen seiner englischen Kollegen William Boyd und Ian McEwan - abzugewinnen, weit hinter sich. Ein Meisterwerk!