Ein Bild aus besseren Tagen: Johnny Depp und Amber Heard 2015 beim Filmfestival in Venedig.
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London/BerlinWie das Urteil am Ende ausfallen wird, ist eigentlich gar nicht mehr von Belang. Es wird sowieso noch dauern, bis eine Entscheidung verkündet wird in der zentralen Frage des Verleumdungsprozesses: Darf die britische Zeitung The Sun Johnny Depp einen „wife beater“ nennen, also einen, der seine Ehefrau schlägt? Fest steht schon jetzt, am Dienstag, dem letzten Prozesstag vor den Royal Courts of Justice in London: Gewinner wird es keine geben, egal wie das Urteil ausfällt. Stattdessen endet eine dreiwöchige, denkwürdige Schlammschlacht vor Gericht, die Einblicke in eine Prominentenehe gewährte, die so eigentlich niemand haben wollte und die wohl auch die Beteiligten selbst lieber im Verborgenen gelassen hätten.

Zunächst eine kleine Rückschau: Als der Schauspieler Johnny Depp (57) im Jahr 2011 seine 23 Jahre jüngere Kollegin Amber Heard bei den Dreharbeiten zum Spielfilm „The Rum Diary“ kennenlernte, ging alles recht schnell – die Trennung von der französischen Schauspielerin und Sängerin Vanessa Paradis, mit der Depp zwei Kinder hat, die Verlobung mit Heard im Januar 2014, die Hochzeit ein gutes Jahr später. Im Mai 2016 wurde bekannt, dass Heard wegen unüberbrückbarer Differenzen die Scheidung eingereicht hatte.

Seitdem kommt das Ex-Paar aus den Negativ-Schlagzeilen nicht mehr heraus. Immer wieder warfen sich die Schauspieler gegenseitig Gewalt vor. Vor Gericht kämpften sie nicht nur um Glaubwürdigkeit und ihren Ruf: Für beide steht nicht weniger als ihre künftige Karriere auf dem Spiel. Intime Details sollten den jeweils anderen bloßstellen. Im Jahr 2015 habe Depp in Australien etwa 30 Flaschen „wie Granaten“ nach ihr geworfen, sagte seine Ex-Frau vor Gericht. Depp wiederum stellte die 34-jährige Heard als berechnende und unehrliche Fantastin dar, die sein Leben zerstören wolle. Sie sei der „aggressive Teil“ in der konfliktreichen Beziehung gewesen.

Zum Lachen? Amber Heard verlässt am Montag nach einer Anhörung im Verleumdungsprozess ihres Ex-Ehemannes das Gericht. 
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Konfliktreiche Beziehung scheint angesichts der geschilderten Episoden allerdings eher ein Euphemismus zu sein. Depp, noch immer einer der bestbezahlten Schauspieler Hollywoods, bezichtigte seine Ex-Frau, ihm mehrfach ins Gesicht geschlagen zu haben. Einmal sei ihm ein Teil eines Fingers abgetrennt worden, als sie mit einer Wodka-Flasche nach ihm geworfen habe. Auf einem Flug habe sie ihn als „Waschlappen“ und „Mann ohne Rückgrat“ beschimpft und geschlagen. „Ich habe mir ein Kissen geschnappt und mich in der Toilette eingeschlossen, wo ich während des Fluges schlief.“

Unterstützung bekam Depp von seinen früheren Partnerinnen Vanessa Paradis und Winona Ryder. Sie tauchten zwar nicht persönlich in London auf, fanden jedoch in schriftlichen Zeugenaussagen nur lobende Worte für Depp. Paradis gab an, dass Heards Anschuldigungen "nichts mit dem wahren Johnny zu tun" hätten, den sie kannte. Er sei ihr gegenüber niemals beleidigend oder gar gewalttätig geworden. Ryder äußerte sich ähnlich.

Die Gegenseite indes unterstellte dem „Pirates Of The Caribbean“-Star einen bösen Charakter. Er verliere die Kontrolle, zerstöre Hotelräume und werde Menschen gegenüber gewalttätig. Als Beweis führte das Anwaltsteam ein Video vor, bei dem Depp im Alkoholrausch eine Weinflasche durchs Zimmer warf und einen Wutausbruch hatte.

Auch in den Abschlussplädoyers ging es noch einmal hoch her: Die Anwälte der Boulevard-Zeitung Sun griffen Depp scharf an. Er sei ein „hoffnungslos Süchtiger“ und nicht in der Lage, „seine Wut zu kontrollieren“, sagte die Verteidigerin Sasha Wass am Montag. Dem Gericht läge eine „Fülle an Beweisen“ vor, die Heards Vorwürfe untermauern würden, so Wass. Depp und dessen Anwälten warf sie vor, „altmodische Methoden zur Diskreditierung von Frauen“ zu verwenden. Sie hätten Heard als „Goldgräberin und Ehebrecherin“ dargestellt. 

Depps Anwalt David Sherborne konterte am Dienstag, Depp habe seine Drogen- und Medikamentensucht nie geleugnet. Doch darum gehe es nicht in dem Prozess: "Wir sind alle hier, weil die Zeitung und Wootton sich entschieden haben, diese äußerst schwerwiegende Behauptung zu veröffentlichen, eine Behauptung, die, wie Herr Depp sagt - und immer gesagt hat - völlig unwahr ist."

Nicht vergessen: Im Londoner Verfahren geht es um einen Artikel aus dem Jahr 2018, in dem Sun-Chefredakteur Dan Wootton die Schriftstellerin Joanne K. Rowling dafür kritisiert, dass sie dem „Ehefrauen-Schläger“ Depp eine Rolle in der Filmreihe „Phantastische Tierwesen“ gegeben habe. Der Artikel bezieht sich auf eine Reihe von Aussagen von Heard zu dessen gewalttätigem Verhalten. Der Sun oblag es im Prozess, zu beweisen, dass Depp ein „wife beater“ ist – anhand von Tatsachen, denn sonst handelte es sich bei dem betreffenden Artikel schlicht um Verleumdung.

Heard hatte schon nach der Scheidung eine einstweilige Verfügung gegen Depp erwirkt, mit der Begründung, er habe sie geschlagen und emotional missbraucht. Die Vorwürfe zog sie ein Jahr später nach einer außergerichtlichen Einigung zurück – und bekam sieben Millionen Dollar zugesprochen. In einem gemeinsamen Statement hieß es damals: „Es gab niemals die Absicht, dem anderen physischen oder emotionalen Schaden zuzufügen.“

Die außergerichtliche Einigung allerdings ist nur eine Seite der Medaille – Streitigkeiten sollen zunächst einmal unter dem Deckel gehalten, intime Details nicht öffentlich ausgetragen werden. Doch bei Depp und Heard war die Sache nicht beendet. Weil die Schauspielerin es eben nicht auf sich beruhen lassen wollte. Im Frühjahr 2018 schrieb Heard in der Washington Post: „Ich habe mich gegen sexuelle Gewalt ausgesprochen – und den Zorn unserer Kultur zu spüren bekommen. Das muss sich ändern.“ Sie sei zum Schweigen gebracht worden, so die Schauspielerin. 

Depp hat wegen dieser Vorwürfe auch noch eine Verleumdungsklage in den USA eingereicht. Im Londoner Prozess jedenfalls kann eigentlich nur eine Sache von fortbestehender Relevanz sein: Das Urteil, das Richter Andrew Nicol fällt, könnte Konsequenzen für die Prominenten-Berichterstattung haben. In Sachen  Johnny Depp und Amber Heard aber steht bereits vor dem Urteil fest: Beide sind die Verlierer einer Schlammschlacht, in der es vor allem darum ging, den anderen bloßzustellen.

Einen  Bärendienst erweist der Prozess darüber hinaus dem eigentlich im Hintergrund schwelenden Thema: häusliche Gewalt. Diese betrifft nicht nur zwei Hollywood-Stars, die vor Gericht schmutzige Wäsche waschen, um ihre Karriere zu retten. Es ist für viele Menschen ein bitterernstes, ja, ein mitunter lebensbedrohliches Problem, gerade jetzt, in der Corona-Pandemie, wo die Zahlen nach oben schnellen.