Jonas Dassler: „Heulen war immer ein großes Thema“ 

Wie gut, dass er vom Inline-Hockey in die Theater-AG gewechselt ist. Eine Begegnung mit dem Schauspieler Jonas Dassler, der bei der Berlinale als European Shooting Star ausgezeichnet wird.

Berlin-Es ist kurz nach zehn an diesem Morgen, aber die Ersten sind wir trotzdem nicht. „Schon verbraucht“, sagt Jonas Dassler. Das ist ein Witz, er ist dann so was von konzentriert während unseres Gesprächs später. Nun verzichtet er  netterweise   darauf, erstmal  zu rauchen, damit unsere Zeit nicht noch knapper wird. Stattdessen posiert er für den Fotografen, stellt sich in eine Balkontür, hält auf dessen Anweisung den dünnen Vorhang vors Gesicht,  lässt  ihn dann flattern, geht in die Hocke, steckt die Hände in die Taschen, zieht die Schultern hoch.  Regieanweisungen sind für den Schauspieler Jonas Dassler kein Problem. Einem größeren Publikum  wurde er durch seine Darstellung des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka bekannt, dessen Geschichte Fatih Akin in seinem Film „Der Goldene Handschuh“ verarbeitete. Er lief bei der Berlinale 2019 im Wettbewerb.  Jonas Dassler ist schon  zum neuen Gesicht des deutschen Kinos ernannt worden, mit Tom Cruise hat man ihn verglichen, mit James Dean. Letzteres trifft es vielleicht am ehesten. Einmal   wegen des intensiven melancholisch-skeptischen Blicks, den Dassler draufhat, aber vielleicht auch wegen seines rebellischen Potenzials, das man ihm  sofort zuzuschreiben bereit ist, ohne dafür wirklich einen Anhaltspunkt zu haben.

Diesen skeptisch-melancholischen Blick hat er drauf: Jonas Dassler.
Diesen skeptisch-melancholischen Blick hat er drauf: Jonas Dassler.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Der Interviewmarathon im Hotel Zoo, den Jonas Dassler an diesem Tag absolviert,  gehört zu den Pflichten eines jeden  europäischen Shooting Stars, eine Auszeichnung, die die Organisation European Film Promotion seit 1998 an  jeweils zehn Nachwuchsschauspieler aus ganz Europa verleiht. Bei der Berlinale werden sie vorgestellt. Aber nicht nur dem Publikum, sondern auch internationalen Casting-Direktoren, Agenturen, Regisseuren, Produzenten sowie der internationalen Presse. Ziel ist es, Talente über die Grenzen ihres Landes und auch Europas zu hieven. Dieses Jahr ist Jonas Dassler der Deutsche unter diesen Stars,  damit steht er in einer Reihe mit Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Hannah Herzsprung, Jella Haase und Franz Rogowski, um nur ein paar zu nennen. Man darf nicht älter sein als 32, um diesen Preis zu bekommen, Jonas Dassler ist 23.  Die Jury hat sich bisher als ziemlich treffsicher erwiesen.

Jonas Dassler nimmt eine Tasse Kaffee mit in das Hotelzimmer, in dem das Interview stattfindet. Seine blaue Mütze behält er auf. Dass er irgendwann mal Allüren entwickelt, kann man sich nicht vorstellen. Als Erstes spricht er darüber, was  es für ihn bedeutet, Schauspieler zu sein. Das heißt, erst überlegt er ein bisschen. Vorgefertigte Antworten, die er einfach abspulen kann, hat er nicht. „Es ist   einerseits meine Arbeit, andererseits ist es meine Leidenschaft“, sagt Jonas Dassler.

Verantwortungsvoll mit dem Darstellungsdrang umgehen

Jonas Dassler kommt aus Remscheid, einer Stadt mit 100 000 Einwohnern nicht weit von Wuppertal. Er ist Einzelkind, seine Mutter arbeitet im örtlichen Krankenhaus, sein Vater    ist Versicherungskaufmann. Mit ihm machte er Musik, später hatte er eine eigene Band. Im Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium lockte ihn eine Lehrerin vom Inline-Hockey in die Theater-AG, Frau Rüter. „Das hat für mich viele Dinge abgedeckt, die ich gern mache. Ich arbeite gern mit anderen Leuten zusammen, ich lese gern, ich stehe tatsächlich gern auf der Bühne, wenn andere Leute unten sitzen und zuschauen. Ich mag es, dass man da eine Konzentration erzeugen und Geschichten erzählen kann“, sagt er.  Seine erste Rolle: Andri aus „Andorra“ von Max Frisch, ein Zerrissener.

Fünf Jahre lang war Jonas Dassler Mitglied in der Theater-AG, und wenn er davon erzählt, bekommt man den Eindruck, dass er in dieser Zeit schon alles Wichtige für seinen Beruf gelernthat. „In diesen fünf Jahren habe ich gespürt, was Theater alles sein kann.  Was es heißt, mit anderen Menschen etwas zu entwickeln, über etwas nachzudenken, es dann zu präsentieren und wieder mit anderen Leuten darüber nachzudenken.“ Er habe damals auch gelernt,  dass er mit seinem Darstellungsdrang verantwortungsvoll umgehen muss. Dass er nicht einfach so „nach vorne losknallen“ kann, jedenfalls nicht die ganze Zeit.   „Es gibt Kolleg*innen“ – Jonas Dassler macht die Genderpause – „die du mitführst, und von denen du abhängig bist. Ich habe gelernt, was es heißt, als Ensemble oder Kollektiv auf der Bühne zu sein, was das für eine Kraft haben kann.“ Spaß machen müsse es auch irgendwie, sagt er.  

Man könnte sagen, dass er seiner frühen Theater-Begeisterung seine erste Filmrolle verdankt, eine Nebenrolle in „Uns geht es gut“ mit Franz Rogowski in der Hauptrolle, ein Film über eine Gruppe von vier jungen Männern und einer Frau, die orientierungslos durchs Leben stolpern. Der Film ist aus dem Jahr 2015, Jonas Dassler war gerade 18, hatte außer der Theater-AG keine Schauspielerfahrung. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt er. Dieser richtige Ort war das Haus der Berliner Festspiele, Jonas Dassler war an dem Tag von Remscheid nach Berlin gefahren, um die Theaterpremiere eines Freundes zu besuchen, und wurde entdeckt.   

Wie Dassler an die Ernst Busch Schauspielschule kam

In dem Film steht Jonas Dassler viel in kurzen Hosen herum, er trägt  eine Art Popperfrisur, einen tief ins Gesicht fallenden Pony. Franz Rogowski beherrscht den Film, aber einmal, als die beiden in einen Kampf geraten, als sie einander herumstoßen, spürt man die Energie, die in Jonas Dassler steckt, dieses Losknallen, von dem er vorhin sprach, das nicht immer passt, aber an manchen Stellen eben sehr.  Es gibt  keine Rolle, in der er dieses hemmungslose Losknallen so perfekt einsetzt wie als Fritz Honka. Eigentlich wirkt er im Film zu jung für diesen brutalen Frauenmörder von der Reeperbahn, den es wirklich gegeben hat. Man will ihm die Rolle trotz der ihn unkenntlich machenden Maske nicht abnehmen, trotz des überzeugenden Hinkens. Aber wenn er sich seine Opfer greift, wenn er sich über sie beugt und sie zerhackt, dann ist Jonas Dassler ein Mörder.

Auf der Schauspielschule war er dann aber auch, nach diesen ersten Dreharbeiten. Er habe sich an einigen beworben, genommen wurde er an einer, an der  Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Seitdem lebt er hier. „Berlin ist immer noch aufregend, lebendig und macht Spaß“, sagt er.   Für das Vorsprechen damals hat er sich den Monolog von  Osvald aus Henrik Ibsens „Die Gespenster“ ausgesucht, ein junger Mann mit Syphilis, dessen Gehirn angegriffen ist. „In dem Monolog sieht er die Sonne und so“, erzählt Jonas Dassler. „Das ist ziemlich dramatisch. Ich hab damals nicht ganz gerafft, worum es geht. Fand es irgendwie nur cool und schön geschrieben.“ Vonseiten der Schule  musste er  noch den Romeo spielen. „Ich hab den Text gelernt und wusste nicht genau, was ich damit machen soll außer Rumrennen und ,Julia, Julia‘ rufen. Gut, dass es davon keine Aufzeichnungen gibt.“ Lukas Dassler lacht auf seine ungestüme  Weise.    

Ob ihm etwas schwergefallen ist auf der Schule? „Heulen ist immer ein großes Thema. Weil man denkt, dass das so ein Qualitätsmerkmal ist. Man fragt sich, wie man das herstellt, ist angespannt.“ Und auch das Thema Losknallen war wieder da, die Energie, das „Knallgas“, wie Jonas Dassler sagt. „Ich war ein Wüterich. Und dann wurde mir bestätigt, dass das gut ist. Dass man Kraft geben muss.“ Er ist dann an einen Punkt gekommen, an dem er dachte, er könne doch nicht immer wie ein   Energiebündel über die Bühne huschen. „Ich hab dann angefangen zu verstehen, dass Energie auch nach innen gehen kann.“

Nach der Schule ans Gorki-Theater

Als Jonas Dassler mit der Schule fertig war, ging er ans Gorki-Theater. Dieser Satz ist wahr und doch auch irgendwie falsch, denn so einfach ist es ja nicht. Wenn man mit der Schauspielschule fertig ist,  kann man sich nicht unbedingt aussuchen, an welches Theater man geht. Es muss an einem Haus eine Vakanz geben, man hat Konkurrenz. Das Gorki-Theater engagierte ihn vom Fleck weg, dessen Intendantin Shermin Langhoff hat ihn wenig später als „Jahrhunderttalent“ bezeichnet. Und die Begeisterung, mit der Jonas Dassler von diesem Theater spricht, sagt einem, dass er dort genau richtig ist, dass er einen Hafen, eine Heimat gefunden hat. Er erwähnt die neuen Stücke, die neue Dramatik, die ganz neue Spielweise. Er sagt, dass dieses Theater für ihn noch einmal eine ganz neue Schule ist, dass es ihm zeigt, was Theater sein kann. An der Ernst Busch  habe es immer geheißen: Na, so wie du die Rolle spielst, ist es noch nicht richtig. „Doch was heißt denn richtig?“ Natürlich gehe es darum, Fertigkeiten zu lernen. Handwerk. Dafür sei er der Schule unendlich dankbar. „Aber das richtige Theater lerne ich am Gorki kennen.“   Das Haus ist für ihn ein spezieller Ort: „Es versucht, alte Muster aufzubrechen, neu zu denken. Es zeigt, dass wir mittlerweile in einer anderen Realität leben.“

Film oder Theater? Jonas Dassler  sagt, er sei in der privilegierten Situation, sich nicht entscheiden zu müssen. Der Unterschied ist für ihn gar nicht so groß. Wieder geht es darum, zusammenzuarbeiten, voneinander abzuhängen, sich aufeinander zu verlassen. Wieder geht es auch um Dialog – zwischen den Schauspielern, mit dem Regisseur, mit dem Publikum. 2017 hat er in „Das schweigende Klassenzimmer“ den Außenseiter gespielt, der seine Mitschüler an den Staatsapparat verrät. Dafür wurde er im Rahmen des bayrischen Filmpreises als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet. Im selben Jahr hatte er in „Lomo – Language of many others“ seine erste Hauptrolle: Karl, 17, er steht kurz vor dem Abi, betreibt einen Blog, in dem er andere Leute an seinem Leben teilhaben lässt, dann verliebt er sich. Die höchst authentisch wirkende pubertäre Mischung aus Größenwahn, Frechheit und Verletzlichkeit brachte ihm einen weiteren Preis ein.    

„Viele Kolleg*innen, die wirklich toll sind, bekommen aus bestimmten Gründen keine Angebote.“ Warum das so ist? „Ein Teil der Wahrheit ist, dass ich in ein bestimmtes Bild passe. Ich bin Deutscher. Und wir sind noch weit davon entfernt, diverse Stoffe zu haben in Deutschland, wo zum Beispiel Kolleg*innen von mir aufgrund ihrer Hautfarbe, aufgrund ihrer Sprache immer nur die eine Rolle spielen dürfen“, sagt er. Aber er wolle nicht immer die „Demutskarte“ spielen. Er sei auch total glücklich darüber, dass er arbeiten darf, über den Erfolg, darüber, dass er wahrgenommen wird. 

Bei der Berlinale wird man Jonas Dassler auf manchem Roten Teppich sehen können, aber in keinem Film. Sein nächster startet erst Ende des Jahres. In „Mein Sohn“ spielt er einen Jugendlichen, der einen Skate-Unfall überlebt hat. Seine Mutter  verkörpert Anke Engelke.

Wer Jonas Dassler dieser Tage sehen möchte, muss ins Gorki-Theater gehen, wo er vor kurzem mit Falk Richters „In my Room“ Premiere hatte, ein Stück über toxische Vater-Sohn-Beziehungen. Jonas Dassler spricht darin den halbstündigen Eingangsmonolog, in dem er die Geschichte von Richters Vater erzählt, ein irrer Kraftakt. Es ist hier das zu spüren, das man bei Jonas Dassler eigentlich immer spürt. Regina Rüter von der Theater AG hat es „diese Unbedingtheit in seinem Tun“ genannt. Die muss man erleben, unbedingt.