Jonathan Wilson im Bi Nuu: Hemmungslos unzeitgemäß

Stellen Sie sich vor, Sie gehen im Jahr 2014 auf ein Konzert und die Band spielt ein Set mit den größten Hits der Jahre 1970–72. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie auf einer Oldie-Veranstaltung gelandet sind – oder einem Konzert von Jonathan Wilson.

Drogenhalluzinationen

Der 39-jährige Songwriter, Produzent und Hobby-Gitarrenbauer hat eine Vorliebe für die Musik einer Ära, die er selbst nur vom Hörensagen kennt. 1970 bis 1972 waren in der Tat ausgezeichnete Jahrgänge für Rockmusik von der amerikanischen Westküste. Das Album „Déjà Vu“ von Crosby, Stills, Nash & Young, die Debüts von Jackson Browne, den Eagles und America mit der verkitschten Drogenhalluzination „A Horse with no Name“ sowie David Crosbys komatös-transzendentales Meisterwerk „If I Could Only Remember My Name“ sind unüberhörbar Referenzpunkte auf Wilsons zweiten Album „Fanfare“.

Am vergangenen Freitag konnte man sich im Bi Nuu davon überzeugen, wie Jonathan Wilson diesen in immenser Studio-Fleißarbeit perfekt nachgebauten Retro-Sound live zur Aufführung brachte. Es ist ihm bravourös gelungen. Wilson machte auf der Bühne tatsächlich den Eindruck, als sei der Geist von Laurel Canyon, jenem mythenbehafteten Ort der amerikanischen Rockmusik, in ihn gefahren. Geistesabwesend stand er in seinem Boho-Mantel und offenen Mokassins vor dem Publikum und wirkte tief in sein Spiel und das seiner Mitstreiter versunken.

Was nicht schwerfällt, denn seine besten Songs sind weitschweifend mäandernde, hippiesk-euphorisierte und in sonnendurchfluteter Psychedelik getränkte Epen von mitunter zehn Minuten Länge. Stücke wie der elegische Countryrocker „Moses Pain“, für den Klangperfektionist Wilson, der den Bandroadie durch ständige Instrumentenwechsel auf Trab hielt, auf zwei akustische Leadgitarren umsattelte, oder das progressiv angehauchte „Dear Friend“ bestehen aus einem Anfang, einem Ende – und dazwischen viel Raum für Ausflüge in die Gefilde des Jazz, in den dunklen Orgel-Bombast der mittleren Pink-Floyd-Phase und den psychedelischen Folkrock, in dem immer noch das Herz von Wilsons Musik schlägt.

Harmoniegesänge

Richtig ergreifend wurde Wilsons Auftritt, wenn seine geschmackvollen Arrangements auf dreistimmige Harmoniegesängen trafen (bei Crosby, Stills & Nash hätte Wilson den Gesangspart von Graham Nash). Dieser hemmungslos unzeitgemäße Nostalgietrip im Idiom der Siebzigerjahre („Keep on Riding“) funktionierte live vor allem deshalb so vortrefflich, weil die Musiker sich die Mühen dieses streberhaften Unterfangens nie anmerken ließen.

1972 veröffentlichte übrigens auch Neil Young seinen Klassiker „Harvest“. Konzeptuell war es also durchaus stimmig, als während der Zugabe Bright Star-Mastermind Conor Oberst für ein Cover von „Out oft the Weekend“ zu Wilson und seiner Band stieß.

Ein würdiger Abschluss für einen Oldie-Abend ganz ohne schalen Beigeschmack.