Journalismus und Medien: Der neue Hass auf Journalisten und Medien

„Lügenpresse, halt die Fresse!“ Diese Parole wurde vor zweieinhalb Jahren auf Fensterscheiben im brandenburgischen Spremberg geschmiert, hinter denen sich die Redaktionsräume der „Lausitzer Rundschau“ befinden. Die Zeitung hatte beharrlich über die Umtriebe einer rührigen rechtsextremen Szene in der Lausitz berichtet.

Inzwischen ist der Reim sehr populär geworden: Stimmstark gebrüllt, war er am 15. Dezember auf der Dresdner Montagsdemonstration der islamfeindlichen rechten Protestbewegung Pegida zu hören. Den Worten drohten Taten zu folgen: Reporter wurden rüde attackiert, noch harmlos war da die Weigerung der meisten Teilnehmer, in die hingehaltenen Mikrofone zu sprechen. Wenn eine Reaktion kam, dann die: Ihr dreht uns ja eh das Wort im Mund herum.

Diese Feindschaft gegenüber vielen Medien ist freilich kein Unikat des rechten Sektors. Von links – genauer: aus der reaktivierten Friedensbewegung – ist Ähnliches zu hören. Dort schimpft man nicht über die „Lügenpresse“, wohl aber über die „System-“ und die „Mainstreammedien“ – was vornehmer klingt, aber dasselbe meint. Stein des Anstoßes ist dort zumal die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt.

Hysterische Propaganda

Seit dessen Beginn sieht sich etwa die ARD-„Tagesschau“ mit Vorwürfen konfrontiert, sie berichte nicht wahrheitsgemäß über die Ereignisse, ergreife einseitig das Panier des Westens und schüre mit hysterischer Propaganda gegen Putin die Kriegsgefahr. Als sich der „Tagesschau“-Redakteur Christian Nitsche über dieses Medien-Bashing mit Gründen beklagte, blies ihm in den einschlägigen Blogs ein Shitstorm entgegen. Eine Kostprobe: „Entweder ist Herr Nitsche geistig stark reduziert oder ein bösartiger Meinungsmacher im Auftrag gewisser Kreise.“

Nun könnten sich die so Gescholtenen entspannt zurücklehnen. Wer es dermaßen dicke aus entgegengesetzten Richtungen abkriegt, liegt wohl mit dem, was er vertritt, nicht falsch. Gegen diese Arglosigkeit spricht indes zweierlei: Zum einen gehen die einstmals verfeindeten Lager in diesen Tagen irritierend ineinander über: Was ist noch rechts, was links, wenn auf aktuellen Demos Putin-Versteher, Antisemiten, romantisierende Kapitalismuskritiker und Amerika-Hasser in trauter Eintracht marschieren?

Zum anderen kann es „den Medien“ eben nicht gleichgültig sein, wenn sie sich für ein wachsendes Segment der deutschen Gesellschaft zum Feindbild entwickeln, ihnen Misstrauen, Verachtung, Hass entgegenschlägt. Laut einer frischen repräsentativen Umfrage des NDR-Medienmagazins „Zapp“ haben nur noch 29 Prozent großes oder sehr großes Vertrauen in die Berichterstattung deutscher Medien. 2012 waren es 40 Prozent der Befragten gewesen. 63 Prozent sogar misstrauen demnach der Ukraine-Berichterstattung, halten sie für interessengelenkt irreführend.

Handlanger der Herrschenden?

Die Presse galt in ihrer „heroischen“ Phase einmal als die vierte Gewalt im Rechtsstaat. Heute wird sie von immer mehr Zeitgenossen nicht mehr als Wächter einer funktionierenden demokratischen Öffentlichkeit wahrgenommen, sondern als willfähriger Handlanger der „Herrschenden“ in Politik und Gesellschaft. Vor der Aufgabe, diese an den Pranger der öffentlichen Kritik zu stellen, versage sie, heißt es, so kläglich wie absichtsvoll.

Kritik an Presse und Fernsehen gibt es, so lange es diese selbst gibt. Aktuell aber gewinnt sie erkennbar eine neue, fundamentale, ja fundamentalistische Qualität: Die Medien machen danach keine Fehler mehr, sondern sie sind der Fehler. Mitunter verbindet sich diese radikale Ablehnung mit Verschwörungstheorien: Ihnen zufolge sind „die“ Journalisten gekaufte Söldner des US-Imperialismus oder der jüdisch dominierten Wall Street. Solche Behauptungen mögen lachhaft und empirisch leicht zu entkräften sein. Sie zielen indes auf die Existenzwurzel der Medien, und arrogante Besserwisserei wäre der schlechteste Dienst, den sie sich selbst erweisen könnten.

So darf durchaus gefragt werden, ob es nicht Dinge gibt, die dem verbreiteten Unbehagen mit Recht Nahrung geben. Damit ist gar nicht mal die Selbstverständlichkeit gemeint, dass Journalisten keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit haben. Sie machen Fehler, irren sich, haben eine perspektivische Realitätsbeziehung. Kurzum: Sie sind Menschen. Zu Arroganz haben sie keinen Anlass – genauso wenig allerdings wie ihre modischen Kritiker, die ihrerseits so tun, als wüssten sie genau, wie die Welt beschaffen ist.

Kein Anlass zur Arroganz

Schwerer wiegen identifizierbare Strukturveränderungen in der deutschen Medienlandschaft. Tatsächlich sind die Zeiten eines politisch breit gefächerten Spektrums zwischen rechts, konservativ, liberal, linksliberal, links bis linksalternativ mit jeweils eindeutig zuordnungsfähigen Akteuren vorbei. Ein solches Spektrum, das Interessenten unterschiedlichster Couleur ansprechen konnte, gibt es nicht mehr.

Auch das Profil einst als „links“ geltender Medien wie „Spiegel“, „Zeit“ und „Stern“ ist abgeschliffen, sie sind in einer diffusen liberalen Mitte gelandet, wo vielfach über das nämliche Thema Ähnliches geschrieben wird. Nicht einmal die „taz“ wird heute mehr als dezidiert oppositionell wahrgenommen. Wenn sich zugleich die Gesellschaft politisch aufsplittert und polarisiert, liegt es auf der Hand, dass sich nicht in dieser ominösen Mitte beheimatete Zeitgenossen im Meinungsangebot nicht mehr wiederfinden.

Diese Entwicklung hat aber nichts damit zu tun, dass irgendeine organisierte Bösartigkeit Zeitungen, Sender und Reporter „gekauft“ hätte – sie ist das Ergebnis eines Konzentrationsprozesses und von Selbstbehauptungsstrategien zumal der Printmedien in einem schwieriger gewordenen wirtschaftlichen und sozialen Umfeld.

Die ominöse Mitte der Gesellschaft

Auf der anderen Seite können sich gegenläufige Stimmen auch in den angeblichen Mainstream-Medien nach wie vor Gehör verschaffen. Die und sei es informelle Gleichschaltung, die ihnen ihre Gegner unterstellen – es gibt sie nicht. Kaum eine Polit-Talkshow in ARD und ZDF, in der nicht Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht oder Oskar Lafontaine ihre „abweichende“ Meinung zum Ukraine-Konflikt artikulieren könnten. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ bringt regelmäßig Beiträge von Jürgen Todenhöfer zum Konflikt zwischen dem Westen und der arabischen Welt, die der offiziellen Washingtoner, Brüsseler oder Berliner Lesart mitnichten entsprechen. Exempel dieser Art lassen sich für große Teile der Medienszene anführen.

Sicher klingt die immer wieder mal einstimmig. Die Gründe dafür liegen aber oft genug in der Sache: So ist kaum vorstellbar, dass die Hinrichtung von Schulkindern durch Taliban-Extremisten in Pakistan in seriösen Zeitungen oder Sendern ein positives Echo findet. Selbiges gilt für die Überfälle von Neonazis auf Asylbewerberheime. Und was den Ukraine-Konflikt anbelangt, so ist zum Beispiel festzustellen, dass die allermeisten Völkerrechtler die Annexion der Krim als rechtswidrig gegeißelt haben. An diesem Expertenvotum kommen Medien nun mal nicht vorbei.

Eine unbefangene Sicht auf die deutsche Medienwelt zeigt, dass das hüben wie drüben gepflegte Ressentiment gegenüber den „Systemmedien“ der Grundlage entbehrt. Seine fällige Zurückweisung kann sich auch auf die deutsche Geschichte berufen: Es waren die Nazis, die die demokratischen Parteien als „Systemparteien“ diffamierten. In den undifferenzierten Attacken auf die „Systemmedien“ artikulieren sich ihrerseits ein Machtanspruch und ein Wille zur Intoleranz allem gegenüber, was einem nicht passt, die auf trübe Dispositionen zurückgehen.