Auf dem Podium am 25. September 2020 zum Thema „Hass gegen Politikerinnen und Journalistinnen“ waren Renate Künast, Anja Reschke, Alice Hasters, Dr. Paula-Irene Villa und Moderatorin Angelika Knop. Auf dem Foto: die Journalistin Anja Reschke (re.) und Grünen-Politikerin Renate Künast.
Foto: Henning Schacht

BerlinDer Journalistinnenbund (JB) hätte nicht vorausschauender planen können. Nach einer Woche voller „Altherrenwitze“ und Sexismus bei der Ludwig-Erhard-Stiftung und dem Bundesparteitag der FDP kam die Podiumsdiskussion „Mutig gegen Hass und Hetze. Zum journalistischen Umgang mit Antifeminismus und Sexismus“ am Freitagabend genau zur rechten Zeit. Eingeladen hatte der JB gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in die Landesvertretung Rheinland-Pfalz.

Die Journalistin Anja Reschke („Panorama“), Autorin Alica Hasters („Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“), die Soziologin Dr. Paula-Irene Villa und Grünenpolitikerin Renate Künast diskutierten gemeinsam mit der Moderatorin Angelika Knop über die Frage, welche Maßnahmen bei Aggressionen gegen engagierte Journalistinnen und Politikerinnen Wirkung zeigen. Und: Warum werden vor allem Frauen zur Zielscheibe öffentlicher Hetze?

Den Anfang machte Staatssekretärin Juliane Seifert, die in ihrem Grußwort schockierende Zahlen für die nachfolgende Diskussion lieferte. Eine vom Frauenministerium beauftragte Studie konnte kürzlich belegen, dass „44 Prozent aller befragten Frauen sexistische Angriffe erlebt haben - je jünger sie waren, desto öfter ist dies passiert. Fast zwei Drittel aller Frauen haben verbale oder körperliche Angriffe bei sich oder Freundinnen erlebt“. Für eine gleichberechtigte Gesellschaft machte Seifert deshalb drei Vorschläge: mehr Frauen in Gremien und Parlamente bringen, Frauen und ihre Themen in den Medien sichtbar machen und ein besseres Verständnis für sexistische Machtstrukturen entwickeln.

Anja Reschke ist selbst Zielscheibe rechter Hetze im Netz

Dem konnte Renate Künast nur zustimmen. „Wir werden dem Thema nicht gerecht, wenn wir nicht sehen, was im Kern dahinter steckt. Das, was bei uns passiert – mit Rechtsextremismus, mit Frauenfeindlichkeit –, hat eine Verbindung“, sagte die Politikerin. Bestimmte Personengruppen werden gezielt und systematisch in digitalen Netzwerken angegriffen. Das müsse endlich verstanden werden. Künast appellierte an Politik, Justiz und Medien, ihrer Verantwortung gerechter zu werden.

Die Diskussionsteilnehmerinnen (v.l.n.r.) Renate Künast, Anja Reschke und Alice Hasters am Freitag auf der Bühne.
Foto: Henning Schacht

Anja Reschke, selbst oft Zielscheibe rechter Hetze im Netz, pflichtete ihr bei. Die Medien müssten, wenn sie sich bei der Themenwahl nach den Debatten in den Sozialen Netzwerke orientierten, vorsichtiger sein und verstehen, dass die Pöbler eine laute, aber sehr kleine Minderheit seien. Daraufhin erklärte sie die sogenannte 90-9-1-Regel der Sozialen Netzwerke: „90 Prozent der Menschen lesen mit, 9 Prozent teilen Inhalte und nur ein Prozent äußert sich aktiv. Und dann sind es meistens gezielt die Rechten. Redaktionen müssen das verstehen.“ 

Im Kern, darin waren sich alle Teilnehmerinnen einig, gehe es bei sexistischen Übergriffen nämlich immer um Macht. Männer fürchten – auch durch oft fehlende gesetzliche Richtlinien – kaum Konsequenzen. Frauen bleiben im öffentlichen Raum oft „unsichtbar“, auch weil sie an vielen Machtpositionen einfach unterrepräsentiert sind. Das müsse sich endlich ändern.