Die Sängerin Joy Denalane bei einem Shooting in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinMehr Soultradition geht nicht: „Let Yourself Be Loved“, das neue Album der Berliner Soulsängerin Joy Denalane, erscheint auf Motown. Es ist die Plattenfirma für Soulmusik, die in den 60er-Jahren mit über hundert Hits nicht nur den US-Pop bestimmte. Nun veröffentlicht Denalane, die deutsche Stimme des Neo-Soul, als erste deutsche Künstlerin auf dem legendären Label. „Ich kann es eigentlich selbst noch nicht richtig glauben“, erzählt sie bei einem Treffen in Charlottenburg. „Ich hatte einfach Lust auf ein Soul-Album. Ich hatte es nicht auf eine US-Karriere ausgerichtet oder darauf, von einem US-Label gesignt zu werden. Ich habe einfach mit Roberto di Goia, meinem Produzenten, vor mich hin musiziert.“

Man spürt, wie intensiv und emsig sie am Detail gearbeitet haben. Und wie viel Herzblut darin steckt, ahnt man, wenn man weiß, dass sie das Werk bereits 2015 in New York begonnen und dann beiseite gelegt hat. „Die Demos fand ich richtig gut“, sagt sie, „aber als es an die Produktion ging, kam das ins Stocken. Woran es genau lag, konnte ich aber nicht formulieren – es war einfach nicht der Sound, den ich mir erhofft hatte.“

Das hat sich geändert: Vom ersten Titel an springt einem das Album „Let Yourself Be Loved“ mit einer vorwärts drängenden, großen Geste ins Gesicht, die man aus der klassischen Motownzeit kennt. Firmengründer Berry Gordy verstand Motown als arbeitsteilige Hitfabrik, von der Komposition bis zur Qualitätskontrolle. Den Sound wiederum besorgte seit 1959 die Hausband Funk Brothers. Eine der zentralen Figuren – und das Leitmotiv für Denalane und Produzent Di Goia – war dabei Bassist James Jamerson, der seine Jazzvergangenheit mit einem melodischen wie rhythmisch prägnanten Spiel in zahllose Hits packte – von den frühen Supremes, Temptations und Four Tops bis zu Marvin Gayes Klassiker „What’s Going On“ von 1971.

Joy Denalane wurde von ihrem Vater mit Musik sozialisiert.
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„Ich wurde schon durch mein Elternhaus mit diesem Sound sozialisiert“, erzählt Denalane. „Nicht, dass dies nun ein Konzeptalbum über meine Kindheit wäre, aber mein Vater hatte Hunderte von Platten. Und er hat gesagt: ‚Wenn ihr auflegen wollt, legt auf.‘ Ich saß schon, bevor ich lesen und schreiben konnte, stundenlang vor diesen Regalen, auch weil ich die haptische und audiovisuelle Erfahrung einfach toll fand, diese Vinylplatten aus den Covern zu nehmen, mich mit dem Artwork zu beschäftigen.“

In den USA wurde Motown zu einer Integrationsmaschine

Dabei reicht die Musik von Motown natürlich weit über den musikhistorischen Kontext hinaus. In den bürgerrechtsbewegten USA wurde die Plattenfirma zu einer Art Integrationsmaschine, die ganz allein den schwarzen Pop in die weißen Mainstreamcharts und Teenagerherzen beförderte. Soundmäßig bezieht sich Denalane dabei auch auf die spätere  Zeit um 1970, als durch sozialkritische Autoren wie Marvin Gaye oder Curtis Mayfield ein dunklerer, nachdenklicherer Ton in den Soul kam.

„Im Abstand der Jahrzehnte und vor einem ganz anderen historischen Hintergrund ist der Zusammenhang schon wichtig“, sagt Denalane, deren Vater aus Südafrika stammt. „Meine Eltern waren ein Paar, das in Südafrika allein schon gesetzlich keinen Fuß hätte fassen können. Die politische Auseinandersetzung mit Identität, Hautfarbe und der Vorstellung, Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft zu sein, hat mich so schon von klein auf und tatsächlich relativ bewusst begleitet. Und da war, schon für mich als kleines Mädchen, die Musik der Bürgerrechtsbewegung sehr wichtig und auch identitätsstiftend“, erzählt sie.

„Selbstverständlich haben wir aber hier auch strukturellen Rassismus, der nicht erst jetzt seine Fratze zeigt. Er ist diesem Land immanent“, sagt sie. „Das gab es in der Schule, das gab es bei der Jobsuche, das gab es bei der Wohnungssuche – es ist ein belastendes Damoklesschwert für die ‚Betroffenen‘. Umso interessanter fand ich immer wieder, wie eine Gesellschaft es über Jahrzehnte geschafft hat, dieser Problematik den Rücken zu kehren oder sie womöglich als paranoide Vorstellung abzutun.“

Joy Denalane erzählt von ihren Wurzeln

Von ihren Wurzeln und der Erfahrung als afrodeutsche Künstlerin erzählt Denalane seit Beginn ihrer Karriere immer wieder. Die 1973 in West-Berlin geborene Musikerin arbeitet seit 20 Jahren an der modernen Schnittstelle zwischen afroamerikanischer Tradition und HipHop, mit Verweisen in afrikanische Stile, Jazz und Pop. Bekannt wurde sie, nachdem sie von Berlin nach Stuttgart gezogen war, wo sie mit und im Umfeld der HipHop-Crew Freundeskreis arbeitete, deren Don Philippe und Max Herre, ihr Ehemann, 2002 auch ihr Debüt „Mamani“ mitproduzierten.

Die neuen Songs handeln nun mit der soulvollsten Emphase von Beziehungen – von glückenden, von toxischen, von bezweifelten und von der Arbeit, die sie brauchen. In den unruhig bewegten Sechzigern hörten schwarze Hörer im Schmerz und in dem Druck einer Herzbruchnummer wie „Nowhere to Run“ oder umgekehrt dem upliftenden „Dancing in the Streets“ noch ganz andere Melodien als weiße. Man denkt auch daran, dass Denalane sich stark in der Initiative Keychange engagiert, die gegen die noch immer unangenehme Unterrepräsentanz von Frauen in der Musikindustrie arbeitet. Berry Gordys Firma war übrigens interessant weiblich geprägt, schon ganz am Anfang besetzte er zentrale Positionen mit Frauen.

„Das wusste ich tatsächlich nicht“, lacht Denalane. Und meint, dass Songs, die solcherart kritisch erzählen, „zwar zu meiner Identität als Musikerin gehören. Aber hier war das ausnahmsweise zweitrangig. Erst als ich am Ende die Arbeitstitel ansah, fiel mir auf, dass sechs Mal oder so das Wort Liebe vorkam. Aber wenn man so intensiv arbeitet, bekommt man eine Art Scheuklappenblick auf den einzelnen Song. Erst mit einem gewissen Abstand siehst du dann, was dich eigentlich beschäftigt hat.“

Der große Sound schafft natürlich dennoch einen weiten Resonanzraum. Und gerade in schwierigen Zeiten braucht man immer Musik, die aufs Herz zielt und nach vorne schiebt. So wie diese wundervolle Hommage an die wohl hoffnunsgvollste Ära im Pop.

Joy Denalane  - „Let Yourself Be Loved“ (Vertigo Berlin/Universal Music)