Ein verwunschener Ort könnte so aussehen, aber es ist ein Hotel. Das Parkett knarrt mit tiefem Ton, der Aufzug rumpelt, als würde er Wackersteine transportieren. Auf einem Tischchen steht ein grünes Telefon mit Wählscheibe. Die Schriftstellerin Judith Kuckart lehnt am Klavier im Frühstückraum und liest laut. Abgesehen davon, dass wir alle an Tischen mit Kaffeetassen und Messern sitzen, könnte es eine ganz normale Buchvorstellung sein. Kuckart führt in ihren Roman „Wünsche“, stellt ihre Heldin Vera vor, die an einem Silvestertag die Kleidung und die Tasche einer fremden sommersprossigen Frau aus dem Schwimmbad-Spind nimmt und in London unter fremdem Namen ein neues Leben beginnt.

Im angrenzenden Raum geht es weiter. Groß und schmal ist die nun vortragende Frau, mit kurzen blonden Haaren. Ihre Augen klappen so langsam auf und zu, als würden sie jedes Mal etwas sagen. Sie liest, wie Vera einen Pfarrer aufsucht, als sie in London nicht mehr weiter weiß, und wie ein Filmplakat bei ihm sie an eigene Filmträume denken lässt. Die Lesende ist Schauspielerin, vertraut als Mutter aus „Türkisch für Anfänger“, wo sie so komisch verzweifelt wirkt, wenn sie um ihre Träume und Prinzipien ringt. Nun ist sie die Vera aus dem Roman.

Doch schon bald stellt der Mann mit dem tragbaren CD-Player wieder sein Gerät an, seine plinkernde Melodie lockt das Publikum weiter. Etwa dreißig Leute umfasst diese Gruppe, überwiegend Frauen sind es, im Alter nah bei Kuckarts Vera, die an ihrem 46. Geburtstag ausbricht aus einem Leben, in dem alle sie kennen. Jetzt tappt das Publikum hinauf, die vier Etagen des Hotels Bogota hoch, das für seinen bürgerlichen Charme berühmt ist, aber bald schließen muss. Gerahmte Zeitungsartikel künden vom Schicksal des Hauses, das zwischen all den schicken Läden und Büros in Charlottenburg nicht mehr genug Geld einbringt.

Auf den Dachboden kauern nackte Nachttischlampen neben einer Wand, ausgeschaltet, ausgemustert. An einer Tür steht „Matratzenlager“ angeschrieben. Auf einem Sessel liegt Bettzeug. Wer hat hier geschlafen? Die Gesellschaft zwängt sich in einen schmalen Gang. Unterm Dachstuhl blättert der Putz. Ein öliges Meerkitschgemälde hat sich in diese Kammer gerettet und blasse Blumenbilder. Nun spricht die älteste in der Riege der Schauspielerinnen des Abends, Jutta Hoffmann. Sie steht auf einem Hocker, ihr Leselicht blendet. Mit klarer, heller Stimme hat sie den jüngsten Part: Veras Sohn, der zum Mann wurde, als seine Mutter verschwand.

Ein paar Stufen tiefer findet sich die Zuhörergemeinschaft in einem Flur wieder, von dem viele Türen abgehen. An den Wänden dazwischen hängen kleinformatige gerahmte Fotos, alle zeigen Frauen in Posen. Genau hier hatte die Modefotografin Yva von 1934 bis 1938 ihr Atelier, der heute berühmte Helmut Newton lernte bei ihr. Sie wurde von den Nazis vertrieben und in Sobibor ermordet. Das gehört zu den Geschichten, die dieses Hotel erzählt.

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Die Schriftstellerin Judith Kuckart verbindet eigene Erfahrungen damit. Sie hatte hier vor elf Jahren ein Theaterstück für die Berliner Festwochen inszeniert. Während nun wieder eine Figur aus ihrem Buch zu Wort kommt, ruckelt energisch ein Schlüssel. Durch einen Türspalt blickt ein Augenpaar und verschwindet schnell wieder.

Mehr als zwei Stunden dauert die Lesung. Auf sieben Rollen und Orte verteilt, vergehen sie ganz schnell. In der Bibliothek richtet ein Rehkopf seinen glasigen Blick auf die Bücherregale, die Zuhörer finden in tiefen Sesseln Platz. Im kleinen Salon um die Ecke muss sich auf dem Fußboden niederlassen, wer nicht mehr stehen kann. Dann aber winken für die Textstellen der exzentrischen Meret richtige Betten, denn die Gesellschaft darf sich, bevor es zurück in den Frühstücksraum geht, in einem Gästezimmer versammeln. Unscheinbar mit Strickjäckchen und Brille steht da Kirsten Hartung in einer Ecke. Sie scheint so gar nichts gemein zu haben mit der Romanfigur. Doch dann fängt sie an zu singen, in swingendem Ton. Ihre Stimme füllt den Raum. Man glaubt ihr die Kaufhaus-Erbin, die vergessen hat, erwachsen zu werden, die auch hier ihren Träumen nachhängen würde, ob das Haus nun Bogota heißt oder „Wünsche“ wie der Roman. Wenn man das nun noch als Hörbuch mitnehmen könnte!