Die Publizistin Judith Sevinç Basad war Kolumnistin bei der Bild. Jetzt hat sie bei Twitter angekündigt, dass sie nicht mehr weiter für die Redaktion arbeiten will. Sie schrieb: „Mit großem Bedauern habe ich meine Kündigung bei BILD eingereicht. Die Gründe dafür erkläre ich in einem offenen Brief an Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner.“

In dem offenen Brief an Springer-Chef Mathias Döpfner erklärt sie, warum sie ihre Kündigung eingereicht hat. Sie schreibt: „Der Grund für meine Kündigung ist am Ende der Umgang von Axel Springer, also auch Ihr Umgang, mit der woken Bewegung. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr über die Gefahren berichten kann, die von dieser gesellschaftlichen Bewegung ausgehen. Und ich habe das Gefühl, dass der gesamte Verlag in dieser Sache nicht mehr hinter mir steht. Keine Thematik hat mich als Journalistin so sehr um den Verstand gebracht wie der Aktivismus einer kleinen Minderheit, die offiziell behauptet, für Diversität zu stehen, aber eine im Kern radikale Ideologie verfolgt.“

Die Kolumnistin Judith Sevinç Basad verweist auf einen umstrittenen Text, den die Redaktion der Welt publiziert hat. Fünf Gastautoren stellen hier die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten an den Pranger, die dem Text zufolge ihre Zuschauer für transsexuelle Themen begeistern und sie regelrecht umerziehen wollen. In der Einführung heißt es: „Transgender-Ideologie in der ‚Sendung mit der Maus‘, Videos zu Penisentfernung oder Drogen-Sex: Fünf Gastautoren, Biologen und Mediziner haben Beiträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks analysiert. Ihr Vorwurf: ARD, ZDF und Co verfolgten eine bedrohliche Agenda.“

Scharfe Kritik an dem Welt-Beitrag

Kritiker bezeichneten diesen Welt-Beitrag als menschenfeindlich und übten beim Springer-Konzern Druck aus, damit sich die Redaktion für die Veröffentlichung des Gastbeitrags entschuldigt.

Daraufhin hat sich Mathias Döpfner mit einem offenen Brief an seine Mitarbeiter gewandt, einerseits die Thesen des Beitrags kritisiert, andererseits für mehr Meinungspluralismus plädiert. Er schreibt darin am Anfang: „Zuerst geht es um die Sache. Und in der Sache – so finde ich – ist der Beitrag der fünf Gastautoren unterirdisch. Pauschal werden ‚die‘ öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für ihre Berichterstattung über transsexuelle Identitäten bei Kindern und Jugendlichen kritisiert. Pauschal wird impliziert, dass es nur zwei Geschlechtsidentitäten gibt. Wissenschaftlich ist der Text bestenfalls grob einseitig.“

Judith Sevinç Basad brandmarkt diesen Brief und die Reaktion von Döpfner: „Die Situation spitzte sich zu, als Sie, Herr Döpfner, einen Tag später einen offenen Brief an alle Mitarbeiter von Axel Springer schickten. Denn mit diesem Brief ist der Konzern vor der unerträglichen Tyrannei der woken Aktivisten eingeknickt. Der Verlag, der mir eine journalistische Heimat gegeben hat und von dem ich immer dachte, dass er sich mit einer klaren Haltung gegen Ideologien wehrt – ausgerechnet dieser Verlag übernahm mit diesem Brief genau die inhaltslose Rhetorik, mit der nicht nur ich, sondern jeder Mensch, der eine differenzierte Kritik der woken Bewegung betreibt, immer wieder als Menschenfeind diffamiert wird.“

Die Kolumnistin wirft Döpfner vor, dass er seine Haltung wegen des amerikanischen Investors KKR gewandelt habe, der jetzt im Springer-Konzern investiert sei. Publizistische Freiheit sei nicht mehr das oberste Gut im Verlag. Die von Döpfner viel beschworene Vielfalt und Freiheit im Hause Springer sei in Gefahr. „Aber was bedeuten hier ‚Vielfalt und Freiheit‘, Herr Döpfner? Wenn ‚Vielfalt und Freiheit‘ daraus bestehen, einen Gastkommentar kontextlos in die rechte Ecke zu stellen, dann frage ich mich, ob es vor allem darum geht, die woken US-Redaktionen des Unternehmens Axel Springer nicht zu verärgern. Das hat nichts mit ‚Vielfalt und Freiheit‘ zu tun, sondern mit Gleichschaltung und Unterwerfung.“

Dann heißt es weiter: „Einige Tage nach Ihrem Brief führten Sie mit uns eine emotionale Debatte, die inzwischen auch öffentlich geführt wurde und deswegen auch die Redaktionen erreicht hatte. Dort verteidigten Sie nochmals die Inhalte Ihres Briefes, wiederholten mit Nachdruck Ihre Kritik an dem Kommentar. In diesem Zusammenhang sprachen Sie über die moralische Pflicht einer Redaktion, nicht jede Behauptung in einer Zeitung abzubilden, nur weil sie den Eindruck von Wissenschaftlichkeit erweckt. Als Beispiel nannten Sie Studien von Holocaustleugnern.“

Am Ende schreibt die Journalistin: „Ich weiß nicht genau, in welche Richtung Axel Springer gerade steuert, welche neuen Ideale von ‚Vielfalt und Freiheit‘ in der Unternehmenskultur zukünftig etabliert werden sollen. Wer aber solche Vergleiche zu Holocaustleugnern zieht, ist nicht weit davon entfernt, den Holocaust selbst zu relativieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das tatsächlich Ihre Interpretation einer vielfältigen und freiheitlichen Firmenkultur sein soll.“

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