Nicola Galliner auf der Premiere des Films „Kiss me Kosher“ im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg im Kino Delphi.
Quelle: Christian Schulz

Berlin„Wenn man ein Wort sucht, mit dem man dieses Festival zusammenfassen könnte, wäre es ‚überraschend‘“, sagt Nicola Galliner im Berliner Café Einstein, „es will einfach einen anderen Blick werfen: Aufs Jüdische, aufs Israelische, auf den Nahost-Konflikt. Weg von all den alten Klischees. Einfach mal was Neues!“ Galliner ist eine schillernde Erscheinung. Wer die förmlich aus ihr heraussprudelnde Lebensenergie persönlich erlebt, versteht, wie das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg (JFBB), das sie inzwischen seit 26 Jahren leitet, zu einer Erfolgsgeschichte werden konnte. Galliner etablierte das Festival als Berliner Institution.

Das Jüdische Filmfestival San Francisco, so geht die Entstehungsgeschichte des Festivals, hatte der filmverliebten Galliner Mitte der 90er-Jahre ein Festival-Programm per Post zugeschickt. Damit ging Galliner zum Berliner Arsenal Kino und schlug dort vor, etwas Ähnliches auch in Berlin zu veranstalten. Sie fing mit acht Filmen an, der Ansturm war groß. „Wir mussten viele Leute wegschicken“, erinnert sie sich. 25 Jahre später, 2019, bestückte das JFBB 14 Spielorte mit insgesamt 50 Filmen und einer feierlichen Eröffnungsgala im Potsdamer Hans-Otto-Theater.

Nach 26 Jahren gibt Galliner die Festival-Leitung ab

Unter Pandemie-Bedingungen sind es in diesem Jahr zwar nur acht ausgewählte Kinos in Berlin und Brandenburg, dafür kann man viele der Filme auch online sehen. Es ist Galliners letztes Jahr als Festival-Direktorin. Ab 2021 will sie die Leitung an die Macher des Filmfestivals Cottbus abgeben – ein Brandenburger Festival mit Schwerpunkt auf Osteuropa. „Ich bin überzeugt, dass mein Festival dort in guten Händen ist“, sagt sie. Man müsse eben aufhören, wenn es am schönsten ist.

Das jüdische Leben in Berlin, welches das Festivalprogramm immer auch widerspiegelt, habe sich über die letzten zwei Jahrzehnte stark verändert. Heute leisten insbesondere die in Berlin lebenden Israelis einen entscheidenden Beitrag zur Kultur. Etwa Shirel Peleg, die mit ihrem Regiedebüt – der romantischen Komödie „Kiss me Kosher“ (2020) – frischen Wind in den deutschen Film bringt. Dafür wurde ihr diese Woche vom JFBB der Gershon-Klein-Filmpreis für einen deutschen Film mit jüdischem Thema verliehen.

Seit Beginn des JFBB verbesserte sich jedoch nicht alles im deutsch-jüdischen Verhältnis. Als Galliner anfing, erinnert sie sich, war Antisemitismus nicht so gesellschaftsfähig wie heute. „Ich finde es sehr besorgniserregend, was gerade passiert. Der Anschlag in Halle wird nicht der letzte gewesen sein.“ Gegen Antisemitismus und Rassismus müsse einfach viel mehr getan werden. Galliner kann nicht verstehen, weshalb die deutsche Gesellschaft deswegen nicht in Alarmbereitschaft versetzt ist.

Das Festival setzt ein Signal: „Es gibt keine Einzeltäter“

Der Eröffnungsfilm des Festivals „Incitement“ (2019) ist eine beunruhigende Nahaufnahme des Mörders des ehemaligen, israelischen Premiers Yitzhak Rabin. Der Oslo-Friedensprozess, für den Rabin sich starkmachte, ist heute an ein Ende gelangt, weshalb der Film auch ein politisches Signal ist. „Der Film hat eindeutig mit Halle zu tun“, kommentiert Galliner, „es gibt keine Einzeltäter.“

In der Begründung der Preisverleihung für „Kiss me Kosher“ erklärten die Autorin Amelie Fried und ihr Ehemann Peter Probst: „Der Film ist herrlich unverkrampft, von großer Wärme und durchaus auch mit scharfer Ironie“ – ein Satz, den man so auch über Galliner selbst sagen könnte. Weiter so. 

Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg, vom 6. bis 13. September. Tickets unter: www.jfbb.de