Berlin - Ein nackter Mann mit weißen Haaren liegt bäuchlings auf der bloßen Erde, die Arme ausgebreitet wie Jesus am Kreuz. Sein Rücken ist ein aufgeschlagenes Buch, der Text mit der gleichen blauen Tinte in die Haut tätowiert wie die Nummern von KZ-Häftlingen. Eine Bildbeschreibung fehlt, wie bei jeder der 50 Aufnahmen in Frédéric Brenners Fotoessay „Zerheilt“, der jetzt im Jüdischen Museum zu sehen ist. „Ich wollte diese Krücke nicht“, sagt er. Der Fotograf, der es sich vor 40 Jahren zur Lebensaufgabe gemacht hat, überall auf der Welt Juden in der Diaspora zu porträtieren, möchte Raum für Assoziationen. „Alles ist in den Bildern!“

Er sagt dann doch, dass dieser Mann Carey Harrison ist, der Sohn der Schauspieler Rex Harrison und Lilli Palmer, Jüdin aus Berlin. Brenner hat den Schriftsteller und Dramatiker während eines gemeinsamen Jahres am Berliner Wissenschaftskolleg kennengelernt, wo beide Fellows waren. „Wir sind miteinander schwimmen gegangen“, sagt Brenner. Da entdeckte er die Tätowierung: Sätze aus Theodor Adornos „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. „Ein Buch, das neben meinem Bett liegt, seit ich 19 bin.“ Es war das erste Bild, das er für diese Arbeit gemacht hat. Sie hätten eine Aufnahme am Gleis 17 im Grunewald probiert, von dem Tausende Juden in Zügen der Reichsbahn deportiert worden sind. Es funktionierte nicht wirklich. Da habe er noch nicht die Tasse Tee getrunken gehabt, auf dessen Beutelanhänger er den Sinnspruch las: „Lasse die Dinge zu dir kommen“. Der Satz wurde zum Motto seiner Arbeit in Berlin.

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