„König von Mallorca“ in der Corona-Zwangspause: Jürgen Drews, 75, bleibt seiner Insel in diesem Sommer fern.
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Trotz der Corona-Krise und des dadurch bedingten Ausfalls der Mallorca-Saison ist Jürgen Drews wieder im Geschäft. Nach einer „Schockstarre“, die einige Monate anhielt, absolviert er wieder TV-Auftritte, wie bei Florian Silbereisens Livesendung „Schlager, Stars und Sterne“, wo er mit seiner Tochter Joelina den Klassiker „We’ve Got Tonight“ sang, der auch auf seinem im Oktober erscheinenden neuen Album vertreten sein soll. Vorher kommt am 17. August noch sein Buch „Es war alles am besten!“ heraus. Wir erwischen ihn in seinem Wohnort bei Dülmen im Münsterland.

Herr Drews, 1999 wurden Sie und der letztes Jahr verstorbene Costa Cordalis von Thomas Gottschalk in seiner „Wetten, dass..?“-Sendung als „unsere heimlichen Könige von Mallorca“ geadelt. Ein Jahr später nahmen Sie den von Erich Öxler für Sie geschriebenen Song „Ich bin der König von Mallorca“ auf. Ist das für Sie heute noch eine Ehrenbezeichnung, oder war es immer nur ein Jux?

Da es bei der seinerzeit in einer Stierkampfarena stattfinden TV-Show Proteste von Tierschützern und Ballermann-Kritikern gab, war die Atmosphäre zunächst durchaus angespannt. Thomas verpasste Costa und mir dann diesen Titel, was das Ganze etwas auflockerte. Als ich Erich Öxlers Lied dann erstmals probeweise anstimmen wollte, sagte meine Frau Ramona: „Das willst du doch nicht ernsthaft singen?!“ Doch ich ließ mich nicht davon abbringen. Später nahmen wir das berühmt-berüchtigte Video zur Single auf, mit Königskrone und -Umhang. Es steckte schon viel Selbstironie darin, wenn ich am Ende wie einst der Bayern-König Ludwig II. im See abtauche. Natürlich ist es Trash, aber ich habe damit immer gern kokettiert, weil ich mich hier nicht als Jürgen Drews, sondern als Kunstfigur sehe.

Sind Sie traurig darüber, dass Mallorca in diesem Jahr flachfällt?

Traurig bin ich – nach einer anfänglichen Schockstarre – eigentlich nicht mehr. Jetzt habe ich mehr Freizeit, um endlich das machen zu können, was ich immer machen wollte: nämlich mich mehr um meine Familie zu kümmern, also um Ramona und unsere drei Hunde – und natürlich auch um meine in Berlin lebende Tochter Joelina. Ich hätte mir als Workaholic nie selbst eine Auszeit genommen. So kam es zwangsweise dazu. Wir werden dieses Jahr auch nicht privat die Insel besuchen, unsere Flüge für den 23. August haben wir gerade storniert. Um unser Haus auf Mallorca kümmern sich unsere Nachbarn.

Hat der König von Mallorca wirklich gar nichts zu tun in diesem Jahr?

Die Eröffnung des Megaparks haben wir Anfang Mai mittels Livestream als virtuelles Opening gemacht. Isi Glück hat vor Ort moderiert und Mickie Krause und ich standen mit Abstand und Mundschutz auf der Bühne eines menschenleeren Clubs in Coesfeld – und haben gesungen.

Sie singen bei Ihren Konzerten noch immer Songs von Les Humphries ...

Wenn ich die jungen Leute frage, ob sie The Les Humphries Singers kennen, höre ich ein kollektives „Nein!“. Wenn ich dann aber sage „Diese Songs habt ihr bestimmt schon gehört!“ und „Mama Loo“ oder „Mexico“ ansinge, grölen alle wie verrückt mit! Les Humphries habe ich es zu verdanken, dass ich immer noch auf der Bühne stehe.

The Les Humphries Singers waren ein Popchor von bis zu 16 Leuten aus aller Herren Länder, eine Art Vereinte Nationen der Popmusik ...

Auf jeden Fall. Der Begriff „United Nations of Popmusik“ ist gut. Uns ging es um zeitlos gute Musik und vor allem um Völkerverständigung. Nach der fürchterlichen Historie mit zwei angezettelten und verlorenen Weltkriegen war es wichtig, dass diese Chor-Gruppe in Deutschland stationiert war. Ein Ausrufezeichen gegen Fremdenfeindlichkeit! Heute wäre sie wegen des bedenklichen Rechtsrucks eigentlich aktueller denn je. Sogar Mick Jagger von den Rolling Stones outete sich mir gegenüber backstage als Fan der Les Humphries Singers! Wir hatten Sänger und Sängerinnen aus verschiedensten Nationen wie Malcolm Magaron aus St. Lucia, Enry David von den Philippinen, Liz Mitchell aus Jamaica, die später bei Boney M. sang, oder den Koreaner Christopher Yim, der zwar nicht singen, aber dafür tanzen konnte.

Von ihm haben Sie sich wohl auch Ihre legendäre Pirouette abgeschaut?

Stimmt! Seine war gut, meine hingegen schon immer beschissen. Haha. Vor allem jetzt, im Alter mit 75, wo ich nicht mehr so geschmeidig bin. Aber sie gehört mittlerweile zu mir wie Ramona. Und die Leute wollen sie ja auch gern sehen.

Foto: imago stock&people
Jürgen Drews

Jürgen Drews kam 1945 in Nauen in Brandenburg zur Welt und wuchs in Schleswig auf. Er studierte Medizin in Kiel, brach das Studium aber nach vier Semestern zugunsten der Musik ab. Er verkaufte mit den Les Humphries Singers bis Mitte der 70er-Jahre 48 Millionen Platten. 1976 startete er eine Solokarriere als Schlagersänger („Ein Bett im Kornfeld“). Er lebt bei Dülmen und auf Mallorca, wo er 2011 in Santa Ponça das Bistro „König von Mallorca“ eröffnete.

Wie haben Sie den verstorbenen Bandgründer Les Humphries, der am 10. August seinen 80. Geburtstag feiern würde, kennengelernt?

Mit meiner Band Die Anderen hatte ich häufiger Auftritte im Star-Palast in Kiel. Ich war auch oft dort, um einfach nur Livemusik zu hören. Und eine britische Band hatte es mir besonders angetan: The Summer Set hieß sie, wo mir der Hammond-Orgelspieler auffiel, der allerdings immer etwas zu laut spielte. Eines Nachts setzte er sich im Foyer zu mir. Ich stellte mich vor, lobte sein Spiel, sagte ihm aber, dass es etwas zu laut wäre. Im Gegensatz zu mir hatte er schon einen im Kahn und sah mich mit seinen stechenden blauen Augen lange an. Mir war schon mulmig, doch dann zog er plötzlich ein Klappmesser aus der Jackentasche, richtete es auf mich und sagte: „You fucking German! Tell me something like this again and I will kill you like the Nazis killed my father!“ Ich stammelte eine Entschuldigung und verzog mich im Rückwärtsgang.

Das war Ihre erste Begegnung mit Les Humphries?

Ja, so wahr ich jetzt mit Ihnen telefoniere!

Aber wie stießen Sie zu den Les Humphries Singers?

Jetzt kommt die andere Seite von Les Humphries: Am nächsten Tag kam er im Star-Palast auf mich zu und entschuldigte sich. Er hätte durch den Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg ein Trauma, das manchmal hochkäme, wenn er nach einem Auftritt etwas getrunken hätte. Ich akzeptierte sein „Sorry“ natürlich. Wenig später rief er mich an und lud mich in seine Wohnung in Hamburg ein, wo er schon erste Produktionen machte und mich für ein neues Projekt als Sänger gewinnen wollte: The Les Humphries Singers, die Traditionals, Spirituals, Evergreens und eigene Kompositionen nach Vorbild der Edwin Hawkins Singers und „Hair“ zum Besten geben sollten. Der Rest ist Geschichte.

War Les Humphries über die Zusammenarbeit hinaus ein Freund?

Ein Buddy war er nicht. Er richtete immer eine Glaswand zwischen uns auf. Er konnte sehr autoritär sein und duldete als Chorleiter von uns keine Undiszipliniertheiten. Manchmal, wenn er am Ende eines Konzerts schon an seinem Flügel sitzend etwas getrunken hatte, konnte er aggressiv sein. So stand er mal unvermittelt auf und trat einem Störenfried, der die Bühne erklimmen wollte, voll auf die Hände, sodass sie bluteten. Dann setzte er sich wieder und spielte weiter! Mein im Publikum befindlicher Vater, der Arzt war, behandelte den Verletzten. Les entschuldigte sich später, der Mann erstattete wundersamerweise keine Anzeige.

Das wäre heute undenkbar!

Ja, absolut. Doch Les hatte, wie gesagt, auch seine guten Seiten – und er war wirklich ein genialer Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent, der zudem noch singen konnte. Und ich verdanke ihm alles.