ürgen Habermas zählt zu den weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart.
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StarnbergNatürlich ist eine Tageszeitung nicht der richtige Ort für eine Auseinandersetzung mit einer mehr als 1700 Seiten umfassenden Geschichte der Philosophie. Ich wäre auch nicht in der Lage dazu. Hinzu kommt: Es ist ein über viele Seiten extrem schwieriges Buch.

Erstens: Der Autor verlangt solide Kenntnisse in den Fachsprachen verschiedener philosophischer Disziplinen der Vergangenheit und Gegenwart.

Zweitens: Die Argumentation spannt einen Bogen über dreitausend Jahre, und es kann einem leicht passieren, dass man sich mitten in einem Kapitel so verläuft, dass man nicht mehr weiß, worauf das Ganze hinausläuft.

Drittens: Der Autor bewegt sich auf einem ihm selbst immer wieder wegrutschenden Terrain. Dennoch muss über das Buch gesprochen werden.

Es ist eine Sensation. Am 18. Juni wurde Jürgen Habermas neunzig Jahre alt. Es gibt keinen Autor, der in diesem Alter etwas Vergleichbares vorgelegt hätte.

Auf diesen vielen Seiten nirgends auch nur ein klitzekleines Anzeichen von Müdigkeit. Der systematisierende Zugriff hat dieselbe Kraft wie in den Werken der vergangenen Jahrzehnte. Man steht sprachlos vor einer solchen Lebenskraft. Aber das wäre nur ein Grund, einen Blick auf die Bände zu werfen. Lohnt es sich auch, sie zu lesen?

Eine überraschend schwierige Frage. Bekennt Habermas doch selbst, vieles bisher nur „systematisch verarbeitet und gebraucht“, also gerade nicht gelesen zu haben. Er lässt sich in seinem neuen Buch nicht ein auf die einzelnen „Werke“.

Alle von ihm herangezogenen Texte von den Upanishaden bis zu Plotin, ja Augustin werden abgeklopft auf ihren Lehrinhalt, überspitzt könnte man sagen, auf ihree Dogmatik. Die wird referiert, in Beziehung gesetzt zu anderen Texten. Die unterschiedlichen Darstellungsformen spielen kaum eine Rolle. Die wandernden Weisen wie Buddha und Konfuzius, von denen nur überliefert ist, was sie ihren Schülern sagten, stehen neben systematisierenden Schreibathleten wie Thomas von Aquin.

Eine jahrtausende andauernde Debatte

Habermas vermittelt dem Leser das Gefühl, an einer sich über Jahrtausende hinziehenden Debatte teilzuhaben. Die Achsenzeit zwischen 800 v.u.Z. und 200 n.u.Z. interessiert ihn, weil damals zwischen China und Griechenland von Konfuzius, Buddha, den Propheten Israels, den Vorsokratikern, Aristoteles und Plato bis zum Neoplatonismus Metaphysiken entworfen wurden. Götter und Geister hatten zur Welt gehört.

Die neuen Philosophen stürzten sie vom Thron, indem sie zum Beispiel eine allumfassende Gottheit behaupteten, die nicht von dieser Welt war. Über das Transzendente lässt sich nichts sagen. Das macht seine Qualität aus. Etwas sagen kann man nur über die Welt. Gleichzeitig aber sind alle diese Metaphysiken sehr daran interessiert, wie man zu der Erfahrung des Ganz-Anderen kommt.

Die uns geläufigsten Ideen sind die der Offenbarung und der Meditation. Erstere verlangt nach einer autoritären Hierarchie, nach „Glauben“ im strengen Sinne. Die Meditation dagegen behauptet, dass im Prinzip jedem Einzelnen die Erfahrung des Transzendenten offensteht. Die Propheten lehrten einen eifersüchtigen Gott. Kaum ein Gedanke lag Buddha ferner. Außerdem erscheint die Transzendenz Jehovas neben der Buddhas als eine Petit-Point-Stickerei.

Immer wieder Metaphysik

Wie dieses Ganz-Andere zusammenhängt mit der Welt, wird in den Metaphysiken ganz unterschiedlich gesehen.

Die uns geläufigste ist die der Schöpfungsgeschichten. In ihnen geschieht die Entstehung der Welt durch Anstöße von außen. In den mythischen Geschichten konnte ein Weltschöpfer zur Welt gehören. Der logische Konflikt, in den man dabei gerät, ist uns als der von Henne und Ei bekannt. Er wird gelöst mit der Annahme eines gänzlich unbegreifbaren Transzendenten, das diese Welt nicht nur schuf, sondern sich immer wieder in deren Abläufe einmischt.

Die eigentliche Pointe der Metaphysiken ist freilich, dass das Transzendente von der Welt nicht beeinflusst werden kann. Es gibt also keine magischen Praktiken, die es dem Menschen ermöglichen, das Transzendente dazu zu bringen, zu tun, was er will. Natürlich ist das eine idealtypische Gegenüberstellung. Wir alle wissen, dass Religion niemals frei ist von magischen Vorstellungen. Zum Glauben gehört wesentlich der Glaube daran, dass er etwas bewirkt bei der obersten Instanz.

Theologen haben zu allen Zeiten über diesen Volksglauben gelächelt. Aber er ist der Kern der Religion. Durch ihn wird dem Menschen seine Hilflosigkeit genommen.

Interessant ist, dass Habermas, soweit ich sehe, an keiner Stelle über Heraklits (520-460 v.u.Z.) Satz „Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar“ schreibt. Dabei zeigt dieser Satz, dass die von Habermas skizzierten Metaphysiken von Anfang an Glauben und Wissen zu versöhnen suchten. Sie richteten sich damit gegen Ansichten, die nicht bereit waren, das Angebot der Metaphysik anzunehmen und die Götter, die ja nichts waren als vergrößerte Menschenbilder, einzutauschen gegen die Idee einer – sagen wir so – absoluten Transzendenz.

Der Satz Heraklits zeigt: Schon die Metaphysiken entstanden gegen sogenannte „nachmetaphysische“ Auffassungen. Am Ende seines Buches schreibt Habermas: „Die säkulare Moderne hat sich aus guten Gründen vom Transzendenten abgewendet, aber die Vernunft würde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verkümmern.“ Das ist eine aus der klassischen Kritischen Theorie vertraute Volte. Sie steht da als ein Warnschild.

Philosophie als Vorhersage des wissenschaftlichen Kurses

Die Vernunft, die glaubt, sie wäre ganz und gar vernünftig, ist keine. Die Spannung von Glauben und Wissen besteht immer. Allerdings verändert sie fortwährend sich und die beiden. In den 30er-Jahren wurde berechnet, dass die Gravitationswirkung der sichtbaren Materie nicht ausreiche, um Galaxienhaufen zusammenzuhalten. Also postulierte man eine unbekannte dunkle Materie. Heute gibt es Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass unsere atomare Welt nur 4,6 Prozent ausmache, von dem „was der Fall ist“, die Dunkle Energie 72 und die Dunkle Materie 23 Prozent.

Man liest diese Zahlen, fragt nach den fehlenden 0,4 Prozent und denkt: Wie recht die Metaphysiker hatten, davon auszugehen, dass die Transzendenz unendlich viel größer sei als unsere Welt. Aber in Wahrheit hat sich ja nichts Transzendentes offenbart, sondern die Welt ist größer geworden.

Diese Vergrößerung der Welt ist ein Produkt der Arbeit der Nachmetaphysiker. Wie auch die Frage, ob man nicht doch auch ohne die Postulierung von Dunkler Materie und Dunkler Energie erklären könnte, was ist. Eine Frage von Glauben und Wissen? Dergleichen spielt bei Habermas keine Rolle. Zu fast keinem Zeitpunkt seines „kursorischen Durchgangs“.

An manchen Stellen spricht Habermas − befreit von Systematik und Historie − wie mitten hinein in den Jahrestag des 9. November 1989: „Die Erneuerung einer versöhnenden Balance zwischen den entzweiten Teilen und dem desintegrierten Ganzen lässt sich nicht einfach diktieren; sie kann nur vorübergehend durch die enthusiastische Verschmelzung vieler Einzelner gelingen …  Auch im ambivalent erfahrenen schöpferischen Prozess der Zerstörung und Erneuerung von Identitäten stellt die Gesellschaft an der Schwelle des Untergangs einer alten Identität die rettende Wiedergeburt nur in der Gestalt einer neuen, aber noch unbestimmten Identität in Aussicht.“

Jürgen Habermas: Auch eine Geschichte der Philosophie

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 1752 Seiten, Leinen 98 Euro, Taschenbuch 58 Euro.