Jan Böhmermann
Foto: dpa/Christophe Gateau

BerlinDas Feuilleton als bildungsbürgerliche Institution wird nur selten Gegenstand eines Skandals. Jan Böhmermann, Feuilleton-Leser und im Hauptberuf Satiriker, hat jetzt wenigstens für einen Mini-Skandal gesorgt, der die alte Feuilleton-Dame wieder ins Rampenlicht zerrt.

Am Donnerstagabend twitterte der Entertainer einen offenen Brief, in dem er behauptet, der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Jürgen Kaube, habe den Abdruck eines Interviews mit ihm in der FAS verhindert. Dem Brief gingen folgende Worte voraus: „So was habe ich wirklich noch nie erlebt.“ In dem Schreiben, das an Jürgen Kaube gerichtet ist, heißt es: „Anlässlich der Veröffentlichung meines Buches ‚Gefolgt von niemandem, dem Du folgst‘ (Kiepenheuer & Witsch) über die neurologischen Auswirkungen des digitalen Medienwandels auf das klassische Publikationswesen habe ich der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), deren Herausgeber Sie sind, am 25. August 2020 ein großes, recht spannendes Interview gegeben“, schreibt Jan Böhmermann.

Dann heißt es weiter: „Heute jedoch erreichte mich aus meinem Verlag die höchst irritierende Nachricht, dass das geplante Interview auf Ihre persönliche Anweisung wenige Stunden vor dem Druck aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 6. September 2020 entfernt wurde und, ebenfalls von Ihnen persönlich angewiesen, unter keinen Umständen veröffentlicht werden solle.“

Jetzt fragt sich die Welt: Was ist da los? Schon in der Nacht zu Freitag begann das Rätselraten. Ist Jan Böhmermann jener Cancel Culture zum Opfer gefallen, die er in dem Interview höchstpersönlich kritisiert? Herrschen in der FAS Sprechverbote? Mag Jürgen Kaube als bekennender Luhmannianer den Altlinken Böhmermann nicht (das ist, zugegeben, leicht vorstellbar)? Oder gibt es professionellere Gründe? Hat Jan Böhmermann einfach zu viel Aufmerksamkeit bekommen und will Kaube schlicht verhindern, dass sein bürgerliches Feuilleton zum Werbeplatz und zur Spielwiese für Jan Böhmermanns taz-haftigkeit wird? Die FAZ-Redaktion hüllt sich in Schweigen. 

Vieles spricht dafür, dass die Wirklichkeit facettenreicher ist. Böhmermann gilt als Kommunikationsgenie. Der Zensurvorwurf bringt ihm Aufmerksamkeit (der FAS übrigens auch!), und für kurze Zeit redet ein Teil der Kulturwelt über jenes Interview, das es nicht bis in die Zeitung geschafft hat. Böhmermann hat das ausbuchstabierte Gespräch indes in einem 73-teiligen Tweet im Internet veröffentlicht. Ob sich dieser Schritt juristisch und leistungsschutzrechtlich im legalen Bereich befindet, dürfte die Medienwelt, aber nicht die FAZ interessieren. Schließlich wäre ein juristischer Gegenangriff eine höchstpeinliche Vorgehensweise. Als PR-Coup, Kunst- und Satire-Aktion ist die Nummer auf jeden Fall gut gemacht. Immerhin will Böhmermann nicht nur sein Buch bewerben, sondern auch seine neue Show „ZDF Magazin Royale“: Sie startet am 6. November im Hauptprogramm des ZDF. 

Auf Anfrage der Berliner Zeitung wollte die Feuilleton-Redaktion der FAS nicht reagieren. Die Gerüchteküche brodelt also weiter. Vor kurzem soll es zu einem Konflikt zwischen dem damaligen Feuilleton-Chef Claudius Seidl und FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube gekommen sein. Spekulationen zufolge wollte Kaube den verdienten FAS-Feuilleton-Gründer und langjährigen Leiter vom Thron stoßen, ohne ihm eine adäquate Ersatzposition anzubieten. In den Fluren der deutschen Kultur-Redaktionen wurde gemutmaßt, dass der eher konservative Simon Strauß – der Theater-Redakteur der FAZ, Kaube-Zögling und Sohn von Schriftsteller Botho Strauß – das Ruder hätte übernehmen sollen. Aber so weit kam es dann doch nicht. Die recht linksliberal sich positionierende Literaturkritikerin Julia Encke übernahm den Posten. Unter Feuilleton-Connaisseuren gilt sie als geistige Nachfolgerin des großen und an kulturgeschichtlicher Relevanz nicht zu unterschätzenden Claudius-Seidl-Erbes. Der verhinderte Abdruck könnte also auch als Schritt gewertet werden, dass Kaube das FAS-Feuilleton neu, also konservativer aufstellen will.

Ob Jan Böhmermann wohl von dem redaktionsinternen Konflikt mitbekommen hat? Als Feuilleton-Leser ganz sicherlich. Falls seine Aktion eine Methode ist, um das Feuilleton im Netz wieder relevanter zu machen, ist ihm die Aktion jedenfalls voll geglückt.