Berlin - Nach der Berliner Wahl stehen die Chancen gut, dass der Volksbühnen-Intendant Frank Castorf, der viele Kultursenatoren gehen sah, auch Tim Renner im Amt überlebt, jenen verantwortlichen Kulturstaatssekretär, der Castorfs Vertrag nicht verlängerte und den belgischen Museumsmann Chris Dercon als dessen Nachfolger bestimmte. Derzeit laufen Sondierungsgespräche, und die kulturpolitischen Posten sind Verhandlungsmasse. In das Machtvakuum hinein hat Guillaume Paoli, der Hausphilosoph des Theaters, einen Aufruf zur Gründung einer neuen Volksbühnenbewegung verfasst. Videoschnipselvorführer Jürgen Kuttner ist einer der Erstunterzeichner. Besteht jetzt die Chance, den ideologisch verhärteten Grabenkampf in eine konstruktive Phase zu überführen oder die Entscheidung zu überdenken?

Herr Kuttner, Sie spielen eine Schlüsselrolle im Kampf um die Volksbühne. Bei der Vorstellung von Chris Dercon vor der Belegschaft sollen Sie ziemlich rabiat zum Wort gegriffen und andere abgewürgt haben.

Das war eine Wortmeldung. Da habe ich mich drei Minuten aufgeregt oder vier oder fünf. Wenn ich mal ins Reden komme... Aber es ist nicht so, dass ich keinen anderen zu Wort habe kommen lassen.

Aufgeregt haben Sie sich aber doch.

Ja natürlich, ich fand das unfassbar. Ich bin gegen diesen Wechsel. Sehr wahrscheinlich hätte mir das, was Dercon erzählt, nicht gefallen – nehme ich mal an. Das Problem ist bloß, er hat überhaupt nichts gesagt. Er hätte doch irgendein Konzept, irgendeinen eigenen Ansatz zur Volksbühne vorstellen können. Aber es kam nichts. Null, null, null. Das war so ein hohles Business-Motivationsgespräch mit einer seltsamen Freundlichkeit. Er wirbelte mit Namen herum, Herbert Fritsch, René Pollesch, von denen klar war, dass die nicht unter seiner Leitung arbeiten werden. Ich kenne keinen ernstzunehmenden Volksbühnenkünstler, der da arbeiten will. Er stellte eine erschütternde Inkompetenz unter Beweis, als er erzählte, dass er jede Menge Pollesch-Inszenierungen auf Youtube gesehen habe. Was ohnehin schwierig wäre für einen Theaterleiter. Aber es gibt solche Videos nicht. Was es gibt, sind so Zwei-Minuten-Snippets. Ein Armutszeugnis.

Glauben Sie, dass Dercon heute noch zu verhindern ist?

Ich weiß nicht. Es wäre aber das Richtige. Ja. Intendantenwechsel gehören zum Theater, schon klar. Aber bei einer Figur wie Frank Castorf muss man gucken, was angemessen ist. Das ist so, als hätte man Pina Bausch ihr Tanztheater in Wuppertal weggenommen. 25 Jahre sind eine lange Zeit, aber dass jemand so lange durchhält und interessant bleibt, spricht doch für eine Besonderheit. Ich kenne keinen Intendanten in Deutschland, der 25 Jahre relevantes Theater gemacht hat. Und da ist es doch absolut unerheblich, wenn man noch drei Jahre drauf packt. Wieso wurde ausgerechnet jetzt die Reißleine gezogen, mitten im Flug? Er kriegt den Berliner Kulturpreis, wird mit Picasso verglichen, und dann nimmt man ihm die Leinwand weg.

Dercon kann man jetzt nicht einfach wieder wegschicken.

Ich hab nichts gegen Dercon, der ist mir egal. Der soll doch machen, was er will. Wenn der Senat zu viel Geld hat, dann sollen die ihm das Schillertheater geben oder das Haus der Berliner Festspiele. Das Problem ist nicht, dass man Dercon etwas ermöglicht, sondern dass man Castorf und seine Volksbühne verhindert. Und die Traditionslinie einfach ignoriert. Gegründet von Arbeitern, die sich Zugang zur Kultur verschafft haben. Ein Haus, das mit Theaterinnovatoren wie Erwin Piscator, Benno Besson und eben auch mit Castorf verbunden ist, das eine, wenn man von der Nazizeit absieht, fast bruchlose Linie bis heute zieht. Politisches Theater, relevantes Theater, Theater, das sich in politische Debatten einmischt. Und nicht auf dem Niveau von: Wir machen Theater aus dem, was in der Zeitung steht. Sondern mit Stoffen wie Dostojewski oder Céline oder Malaparte… Wo findet das denn statt im deutschsprachigen Theater?

In dem Aufruf wird die Möglichkeit, dass sich das Sprechtheater überlebt hat, eingeräumt.

Da steht, wenn es sich überlebt haben sollte, dann müssten die Theatermacher eine Antwort darauf finden. Diese Frage ist ja gar nicht neu. An der Volksbühne sind schon längst Antworten darauf gefunden worden: Pollesch macht eine spezifische Form von Sprechtheater, Fritsch, Marthaler. Und natürlich Castorf, der die großen Romane auf die Bühne holte. Lauter nebeneinander existierende Antworten auf eine mögliche Krise des Sprechtheaters.