Der Geist von Thomas Mann kommt täglich zum Imbiss an der S-Bahn-Brücke. „Wir müssen ein bisschen warten“, sagt Jüri Reinvere, der hier in Berlin-Schöneberg wohnt. Er kennt die Stelle, wo sich Menschen treffen, die keinen anderen Ehrgeiz mehr haben, als Schluck für Schluck den Akzent der Wirklichkeit zu verschieben. Da! Er kommt: Graue Haare, graue Haut, graue Augen – aber im Anzug, mit Hemd und Krawatte! Der Geist von Thomas Mann setzt sich und gluckert aus dem Fläschchen das Weltüberwindungselixier weg. Nach einer Weile steht er auf und verschwindet. „Zwischen den Schnäpsen geht er nach Hause und wechselt den Anzug“, weiß Reinvere. Tatsächlich erscheint der Geist von Thomas Mann nach geraumer Zeit erneut, jetzt in Schwarz mit Hut, fertig zum Dîner an der Table d’hôte seines Kiosks. Erhabenheit mitten im Schmutz! Es ist eine Szene, in der sich Jux und Jammer umarmen.

Der Este Jüri Reinvere, Komponist, Dichter, Essayist, seit 2005 Berliner, hat nicht nur einen Blick, sondern auch einen tiefen Sinn für solche Gestalten und Schicksale. Vor wenigen Tagen erst hat das finnische Ensemble Meta4 im Bucerius-Kunstforum in Hamburg beim Schleswig-Holstein Musik Festival Reinveres erstes Streichquartett aufgeführt. Es verwendet am Ende Tonband-Dokumente von der Entbindungsstation des Zentralkrankenhauses in Tallinn. Die ätherisch-zarten Klänge der Streichinstrumente münden ins Stöhnen der Kreißenden, den Schrei eines Neugeborenen, den Knall von Türen. Das Streichquartett, Inbegriff des Reinsten in der Musik, trifft auf Blut, Schweiß und Tränen. Auch hier liegen Erhabenheit und Schmutz dicht beieinander, auch hier ereignet sich Hohes mitten im Jammer.

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