Er wippt mit den Fußspitzen, und wippend verlassen auch die Worte seinen Mund. Die Hand greift nach einer Flasche tiefroten Wein, ein Schritt zur Seite, ein Schritt nach hinten. Der kleine Finger seiner linken Hand zittert, die rechte scheint auf dem Sprung zur Faust zu sein. Und verstünde man auch kein Wort, so wüsste man doch, dieser Mann ist mit einer alles entscheidenden Überlegung befasst, mit einer Angelegenheit, die Unbescholtenen als Haarspalterei erscheinen mag, Menschen wie diesem Wortwippler aber Gott und die Welt bedeuten. „Falsch“, spricht er, „nicht die staatliche Ordnung, sondern der Staat ist naturnotwendig, also gottgewollt.“ Und der ihm zuhört, platzt ungebremst sein „Das ist doch dasselbe!“ heraus. Ist es nicht. „Gott schuf die Natur, also ist gottgewollt, was naturnotwendig ist. Aber die Konsequenzen der Erschaffung der Natur, das heißt in diesem Falle: die Ordnung des Staates, ist ein Produkt des freien Willens.“

Es ist jetzt, als wäre aus dem Wippen ein Hüpfen geworden, es ist, als führten die Worte Tänze des Triumphs auf. Und kennte man auch nichts von solcherlei Argumenten, hätte nie die Namen Paulus oder Augustinus vernommen, man folgte dieser Debatte doch mit sonderbarer Spannung. Sie reden hier von Gott und Notwendigkeit, von Staat, Natur und Ordnung, es wird Theologie betrieben, Staats- und Menschenkunde, und keine Silbe lang ist’s trocken, nirgends wird das landläufige Klischee bedient, derlei Begriffsdiskussionen seien Staubfänger. Erstaunlich.

Frischluftspieler

Es wird Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ gegeben, erschienen 1937. Leicht ließe sich dieses Buch zur klappernden Sozialstudie herunterbasteln, mit der man flotte Erklärungen wahlweise für das damalige Heraufkommen des Nationalfaschismus oder für das heutige Fort-, Auf- und Weiterleben faschistischen Denkens (und Handelns) liefern könnte. Aber das hieße Horváths Text als Seminararbeit zu nehmen – und den Regisseur als Essayisten oder, ärger noch, Botschaftsherumschlepper hinstellen.

Tilmann Köhler jedoch, der Regisseur dieses knapp dreistündigen Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, lässt spielen. Überlässt also die Figuren dem Freiraum des Unabschließbaren, schafft den Schauspielern jene freie, frische Luft, um an- statt auszudeuten, um Figuren, nicht Pappkameraden zu erfinden. Thorsten Hierse zum Beispiel, der Pfarrer, wird so zu einem wunderbar verwandlungsseligen, gestengenauen Frischluftspieler. Christoph Franken, der mit dem Pfarrer debattierende Lehrer, neigt zwar dazu, stimmlich und mimisch zu überpegeln, als hocke seine Figur auf einem siedenden Dampfkessel, der jede Sekunde hochgehen kann, schafft damit jedoch auch eine emotionale, seelendruckreiche Dichte, in der sich Stück und Regie treffen.

Dünn wie ein Haar

Horváth erzählt von einer Schulklasse und ihrem Lehrer, die zwar zu verschiedenen, letztlich aber gleichmacherischen Mitläufern, Halbtätern und Halbopfern gesellschaftlicher Zusammenhänge werden. Die erst lernen und dann glauben, dass es Kolonien braucht und „Neger“ keine Vollwertmenschen sind, die im Militärlager gedrillt werden und sich allesamt in einen Mordfall verwickelt finden. Tilmann Köhler erzählt die kriminologischen Verstrickungen sehr genau, verteilt die Rollen auf sieben Spieler, holt sich den Gitarristen Thonaci und vier junge Knaben, die geistergleich erscheinen, um immer wieder wenige Takte aus Mozarts „Requiem“ zu singen. Aus einfachen Tischen entstehen Türme, Wälle, Wände (Bühne: Karoly Risz), jede Szene erwächst in geheimnisvoller, organischer Weise aus der vorhergehenden heraus. Auch erstaunlich.

Alles darf, alles muss hier das Spielen, Sprechen leisten – ein Regisseur, der mehr auf seine Schauspieler als auf Tricks und Einfälle vertraut. Ein hauchzartes, schwarzes Tuch über dem Kopf, und Barbara Schnitzler ist die trauernde Mutter ihres als Mörder angeklagten Sohnes. Das Tüchlein zur Seite gelegt, der Sprechton sanft verschoben – und schon ist sie die Staatsanwältin. Diese Kunst leichthändischer Verschiebungen beherrschen alle an diesem bemerkenswert konzentrierten Abend, neben Hierse, Franken und Schnitzler Helmut Mooshammer und die drei Studierenden an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Maike Schmidt, Harry Schäfer und Anton von Lucke. Und sie stellen diese Verwandlungsmomente immer zugleich aus und lassen sie doch so aussehen, als ereigneten sie sich hinter ihrem Rücken.

Das ist der entscheidende Inszenierungsdreh dieses Abends: Horváths Text ist eine Geschichte darüber, wie sich Menschen unter der Hand verwandeln, wie sie werden, was sie nicht sein wollten, was sie dann aber umso entschiedener sind. Für Köhler wird daraus eine Erzählung über Menschen in Sozialgeflechten, für die ein Ton- oder Schrittwechsel reicht, um als das kenntlich zu werden, was sie immer sind: verwandlungsfähig, verführungsanfällig, gefährdet.

Die Grenze zwischen Mitmachen und Dagegendenken? Dünn wie ein Haar.