Cottbus - Was kann Theater mit seiner Darstellung auf der Bühne bewegen, wenn es um Rechtsruck in der Gesellschaft geht? Und wie können aktuelle Fragen dazu mit vergangener Geschichte verknüpft werden? Dazu hat ein ungewöhnliches Projekt zweier Theater an diesem Freitag (10. Juni) in Cottbus am Piccolo-Theater Premiere. Das Stück „Stolpern“ ist eine theaterpädagogische Kooperation zwischen der Schaubühne Berlin und dem Piccolo Theater. 18 Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren beider Städte untersuchen darin, wie und welche rassistischen Stereotype seit Generationen in der deutschen Gesellschaft hervorgebracht und politisch missbraucht werden.

Unterstützt wird das Projekt von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ). In Berlin hat das Stück am 17. Juni Premiere.

Anlass für das Projekt war ein Medienbericht über Cottbus als rechte Hochburg, wie Spielleiterin Mai-An Nguyen von der Berliner Schaubühne erzählt. Sie habe sich dann gesagt: Es bringe nichts, aus Berlin von oben herab immer weiter einen „Kübel Scheiße über Ostdeutschland“ auszukippen. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden zu schauen, dass man miteinander redet.“ Die Frage sei doch, was die Menschen bei diesem Thema vereine. „Wo sonst sollen wir gemeinsam stolpern - wenn nicht in diesem Projekt“, zeigt sich Nguyen überzeugt.

Ausgangspunkt für das Stück sind die vor 30 Jahren ins Leben gerufenen „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig. Sie erzählen Geschichten über Menschen, die in den Widerstand gegangen sind oder in der NS-Zeit verfolgt wurden. Sowohl in Berlin als auch in Brandenburg und an anderen Orten erinnern diese Steine auf Gehwegen vor Häusern und Plätzen an die Schicksale von NS-Opfern.

Mit dem Theaterprojekt hätten die Jugendlichen den Blick auch auf ihre eigene Zukunft gerichtet und sich Fragen gestellt, sagt der Cottbuser Spielleiter Matthias Heine: „Was bedeutet für sie Widerstand in Zeiten des Rechtsrucks? Welche Schritte möchten sie gehen für eine Welt, in der sie gut leben können? Welche Lehren lassen sich gerade heute aus der Zeit des Nationalsozialismus ziehen?“

„Je mehr man sich mit dem Thema Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzt, umso mehr kommt man auch nicht aus ohne die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien“, sagt Nguyen. Die Arbeit am Projekt habe über die Probenmonate bei den Jugendlichen Wut, Scham, Abwehr und Reibung ausgelöst.

„Struktureller Rassismus ist als Thema nicht angenehm“, sagt Heine. Dem zu begegnen, es anzunehmen, dafür hätten die Jugendlichen verschiedene Phasen durchlaufen müssen. „Sie sind durch alle Diskriminierungsdebatten gescheucht worden, das war schwer.“

Zur Umsetzung des Stücks wurde die Bühne in Vergangenheit und Gegenwart aufgeteilt. Alle Szenen, die im Jetzt und der Auseinandersetzung mit Rassismus, Diskriminierungsdebatten und neuen rechten Strukturen stehen, finden im Vordergrund statt - mit Gesten, Illustrationen, Kommentaren und Bewegung. Das Dokumentieren der historischen Schicksale der Menschen wird im Hintergrund erzählt. Das Stück ist Heine zufolge wie ein Zeitstrahl, bei dem alles miteinander zusammenhängt.

Die Arbeit mit den jungen Darstellenden sei sehr intensiv gewesen, sagt der Cottbuser Spielleiter. Zum Ende hin sei die Truppe zusammengewachsen mit einem Zukunftsbild. „Sie sind ganz doll gewachsen und haben auch voneinander gelernt“, schätzt er ein.

Das Interesse am Stück scheint jedenfalls groß zu sein. Die Berliner Spielleiterin berichtet von ausverkauften Vorstellungen für die Schaubühne. „Im Juni war es das bestverkaufte Stück.“