Zur Aufführung ist es in Berlin trotz der Flucht noch gekommen: „Ma vie en Rose“ in der Jugendtheaterwerkstatt Spandau.  
Foto: JTW Spandau

Berlin Es klingt wie der Anfang einer abgegriffenen Geschichte, und dass sie auf vorhersehbare Weise weitergeht, macht sie erst recht zu einer bitteren Enttäuschung: Wir gehen nur eine Zigarette rauchen, sagen Kader, Syfy und Rougo. Es ist ein Mittwoch, früher Nachmittag. Die nächsten Proben stehen um 16 Uhr an. Als die drei jungen ivorischen Tänzer nicht gleich zurückkommen, denken sich Julia Schreiner, die Kuratorin der Jugendtheaterwerkstatt Spandau, und Jenny Mezile, Choreografin von der Elfenbeinküste, zunächst nichts dabei. Als die drei am Abend aber noch immer nicht da sind, schalten sie die Polizei ein.

So erzählt es Julia Schreiner an einem verregneten Nachmittag in einem Kreuzberger Café. Fast drei Jahre hat sie für dieses kulturelle Austauschprojekt zwischen ivorischen Tänzern und Spandauer Jugendlichen gearbeitet. Der erste Besuch der Ivorer hätte im Sommer 2018 stattfinden sollen. Aber die Ausländerbehörde verweigerte damals wegen „Zweifeln an der Rückkehrbereitschaft“ der Tänzer die notwendigen Visa. Die Berliner Zeitung hatte im Juni 2018 darüber berichtet.

Früchte des Aufwands

Die jungen Ivorer gehören zur Compagnie Les Pieds dans la Mare. Das ist ein Projekt, das in der Schule gescheiterten Jugendlichen die Chance bietet, sich in Bracody, einem Armenviertel von Abidjan, zu professionellen Tänzern ausbilden zu lassen. Nach dem gescheiterten ersten Anlauf bekamen die neun Tänzer jetzt endlich ihre Visa. In der Ausländerbehörde versicherte man ihnen, dass es, wenn sie zurückkehren, keine Probleme mehr mit weiteren Visabewilligungen geben würde.

Alles sah gut aus. Für Les Pieds dans la Mare sollte das Austauschprojekt mit der kleinen Spandauer Jugendtheaterwerkstatt der Sprung in die internationale Tanzwelt werden. Direkt von Deutschland aus wäre es nach Ouagadougou gegangen, zu einem Gastspiel bei Fido, dem größten zeitgenössischen Tanzfestival Westafrikas, zu dem Kuratoren aus der ganzen Welt anreisen. Eine Compagnie, die schon mal im Ausland war, hat größere Chancen, wahrgenommen zu werden und wird auch eher eingeladen. Eine Tänzerin der Compagnie ist schon jetzt für eine afrikanische Produktion des Pina-Bausch- Klassikers „Sacre“ gecastet; das Stück wird im Senegal Premiere haben und danach international touren. Alles, was die Tänzerin und Choreografin Jenny Mezile in den vergangenen Jahren mit den Jugendlichen in Bracody erarbeitet und was sie ihnen in Aussicht gestellt hat, schien Früchte zu tragen. Und dann gehen welche von denen, für die der ganze Aufwand angeleiert wurde, „eine Zigarette rauchen“ − und gefährden das ganze Projekt.

Ohne Geld und Gepäck

Zu dem Gastspiel in Ouagadougou ist es nicht gekommen. Außer Kader, Syfy und Rougo sind noch zwei weitere Tänzer der Compagnie verschwunden. In Spandau haben sie ihr Stück „Ma vie en Rose“ trotzdem gespielt, mit den vier verbliebenen Tänzern und mit Kleiderständern, an denen Sachen der Verschwundenen hingen.

Alle fünf, erzählt Julia Schreiner weiter, sind ohne ihr Gepäck geflohen, ohne Sprachkenntnisse, ohne Geld. Einer hatte nicht einmal eine Jacke an. Nach ihrem Verschwinden scheinen sie ihre Handys sofort ausgestellt zu haben. „Sie konnten nicht alleine fort“, so Schreiner – und sie vermutet: „Das wurde von einer professionellen Schlepperbande organisiert.“ Das wäre eine Erklärung. Aber an welche Art von Schleppern die zwischen 23 und 27 Jahre alten Männer geraten sind, das wissen Schreiner und Jenny Mezile nicht.

Die dezimierte Compagnie Les Pieds la Mare am Brandenburger Tor
Foto: JTW Spandau

Aber Mezile glaubt, ein Muster zu erkennen: Den Tänzern wird das Blaue vom Himmel versprochen, ein festes Engagement in einer großen Compagnie, die Chance auf eine internationale Karriere. So laufe das ab, sagt Mezile. Die meisten landen dann ganz woanders. Als illegale Küchenhilfen, Drogenhändler oder noch Schlimmeres. Dass die Eltern eingeweiht waren, die Flucht gutheißen und auf ein besseres Leben für ihre Söhne in Deutschland hoffen, davon geht Mezile aus. So sei das in der Regel, schreibt sie auf Nachfrage.

Hatte die Ausländerbehörde 2018 mit ihrer Einschätzung also recht? So einfach, sagt Julia Schreiner, dürfe man es sich trotzdem nicht machen. Wären die Tänzer auch geflohen, wenn sie wirklich sicher hätten sein können, dass ihnen bei nächsten internationalen Gastspiel-Einladungen wieder die Einreise erlaubt worden wäre? Verlassen konnten sie sich darauf nicht. Vielleicht dachten sie, dass dieses Gastspiel ihre letzte Chance sei und sich die Tür nach ihrer Rückkehr für immer schließt.

Die Förderer müssen ihre Augen öffnen

Wenn sich die politische Lage an der Elfenbeinküste weiter verschärft, gelten die Versprechungen von gestern nicht viel. Viele Akteure des internationalen Kulturaustauschs sind sich einig: Es würden drastisch weniger Künstler flüchten, wenn die Visa-Erteilung nicht so restriktiv gehandhabt würde, wenn es Künstlern aus armen Ländern leichter gemacht würde, internationale Gastspieleinladungen wahrzunehmen – wenn Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung gesichert sind.

Dazu kommt, dass es offenbar tatsächlich Schlepper gibt, die Tänzer aus Afrika an Compagnien in Westeuropa vermitteln. Als „Erfolgreiche“, als diejenigen, die es „geschafft“ haben, werden sie dann in ihrer Heimat gefeiert. Eben das lässt junge Künstler wie Kader, Syfy und Rougo an die große Karriere glauben. Die Chancen aber sind gering. „Nicht die, die flüchten, sondern die, die zurückkehren, müssen die Helden sein“, so Mezile. Das gleiche sagt auch N’zi Kouassi Alexandre Dieu-Donné, der Programm-Koordinator für Kultur des Goethe-Instituts in Abidjan.

„Verrat der Fünf“

Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut und das Institut Français müssten damit aufhören, diejenigen zu unterstützen, die im Rahmen eines Kulturprojekts geflohen sind und später mit eigenen Projekten zurückkommen, so Dieu-Donné. Bislang wird ohne Beachtung der Vorgeschichte unterstützt, wer im Ausland Erfolg hatte und in der Heimat etwas aufbauen und zurückgeben will. Solche Menschen werden gebraucht in einem kulturell zerstörten Land wie der Elfenbeinküste, in dem es fast keine intellektuelle Elite und nicht mal mehr so etwas wie eine funktionierende größere öffentliche Bibliothek gibt.

Der „Verrat der Fünf“, wie er in den Tageszeitungen Abidjans bezeichnet wurde, verhindert etwas anderes. Den kulturellen Aufbau des Landes von innen heraus, so wie er mit Projekten wie dem von Jenny Mezile gelingt. Die Chance für andere ivorische Künstler in ähnlich prekärer Lage auf ein Visum wird durch Vorfälle wie diesen so gut wie aussichtslos. Aber auch wenn sich auf dem afrikanischen Kontinent schon seit einigen Jahren eigene Strukturen entwickeln, lässt sich ohne Partner aus Europa nach wie vor nur schwer etwas Haltbares aufbauen.

Ehre den Rückkehrern

In Spandau ist mit den vier verbliebenen Tänzern von Les Pieds dans la Mare und den Spandauer Jugendlichen trotzdem noch ein gemeinsames, bewegendes Stück entstanden, „Plastique fantastique“. Im Herbst werden die Spandauer damit in Abidjan gastieren. Darauf freuen sich alle. Vor dem Beginn des Austauschprogramms des jtw hatte nur einer der Spandauer Jugendlichen einen Reisepass, einer hatte nicht einmal einen Koffer.

Es ist ein Austausch in beide Richtungen. Das ist Julia Schreiner wichtig. Aber am wichtigsten ist ihr, ist allen Beteiligten: Dass die vier „Rückkehrer“ gewürdigt werden. Dass sie wieder reisen dürfen. Jenny Mezile und das Institut Français haben für die vier − Ahou Pisca Kouamém, Assande Constantin „Prince“ Essan, Guy Ange N’Guessan und Victoire Koly − in Abidjan eine Ehrung organisiert. Mezile wird weitermachen in Bracody, aber ihr Fazit ist bitter: „Man muss lernen, seinen Hunger zurückzuhalten, um sich nicht für einen Teller Huhn zu prostituieren. Was das heißt, das werden die fünf Geflüchteten nun wohl erleben.“