Julie Delpy als Isabelle und Sophia Ally als Tochter Zoe in einer Szene des Films "My Zoe".
Foto: dpa/Warner Bros./Stephan Rabold

BerlinBereits im Alter von fünf Jahren stand Julie Delpy erstmals auf einer Theaterbühne, Mitte der 80er-Jahre gab sie unter der Regie von Jean-Luc Godard ihren Kinoeinstand. Längst ist die 49-jährige Schauspielerin auch als Regisseurin tätig. Auch für ihren neuen Film „My Zoe“ (ab Donnerstag im Kino), in dem es um ein geschiedenes Ehepaar und den Verlust der gemeinsamen Tochter geht, zeichnet Delpy wieder vor und hinter der Kamera gleichermaßen verantwortlich. Beim Interview im Berliner Soho House geht es dann allerdings kaum um ihre neue Arbeit, sondern um viele andere Themen, die ihr unter den Nägeln brennen.

Frau Delpy, vor zwei Jahren hielten Sie beim Europäischen Filmpreis eine Rede, mit der Sie um die Finanzierung von „My Zoe“ kämpften. Damals klangen Sie ehrlich verzweifelt.

War ich auch. Ich ging ja sogar so weit, eine spontane Tombola zu veranstalten, deren Hauptpreis ein Frühstück mit mir am nächsten Morgen war. Aber die 2000 Euro, die dabei herumkamen, retteten den Film erst einmal auch nicht.

Stand nicht damals schon Ihr Freund und Kollege Daniel Brühl mit seiner Firma als Produktionspartner fest?

Ja, Daniel war an Bord, und überhaupt hatte ich schon den Großteil des Budgets beisammen. Mir fehlte ein vergleichsweise kleiner Teil, weil ein koreanischer Investor weggebrochen war. Der, beziehungsweise sein schmieriger amerikanischer Anwalt waren dafür verantwortlich, dass das Projekt zu platzen drohte. Schmierige und irgendwie unheimliche Anwälte gibt es in den USA ja leider viele, sehen Sie sich nur an, von wem Trump gerade umgeben ist. Und für die Filmbranche dort gilt das umso mehr: Es sind viel zu viele Anwälte involviert – und viel zu viele davon sind schmierig.

Über die Schwierigkeiten, Filmprojekte zu realisieren, klagen mehr und mehr Regisseure. Verdirbt das allmählich die Freude am Beruf?

Es wird immer schwieriger, die Leidenschaft aufrechtzuerhalten. Zumindest ich frage mich mehr denn je: Lohnt sich all das Leiden am Ende überhaupt? Vielleicht sollte ich mir irgendwann eine Alternative zum Filmemachen überlegen, denn so ist es mir wirklich zu anstrengend.

Gleichzeitig jubeln alle, weil durch Netflix und Co. angeblich so viel Geld für neue Produktionen da ist wie nie.

Das gilt für Serien. Und vielleicht für Scorsese. Aber nicht für kleine Independent-Filme wie meine. Als Frau hat man es ohnehin schwerer, denn etwa bei Amazon Prime ist das Profil so männlich ausgerichtet, dass „My Zoe“ dort gar nicht in Frage käme. Guckt man sich mal an, wofür die Streaming-Anbieter so ihr Geld ausgeben, sieht es auch dort meistens so aus: 90 Prozent für Arbeiten von Männern, 10 Prozent für Frauen. Denn die Entscheider an der Spitze sind ja auch größtenteils männlich.

Foto: dpa/ Jörg Carstensen
Zur Person

Viele Kinogänger kennen Julie Delpy aus der Romanze „Before Sunrise“ und deren Fortsetzungen, in denen sie an der Seite von Ethan Hawke spielte. Delpy, Tochter eines französischen Schauspielerpaares, hat Regie studiert und lebt seit 1992 in Los Angeles. 2007 stellte sie ihr Regiedebüt „2 Tage Paris“ vor. Für ihre Filme ist sie auch als Drehbuchautorin tätig.  

Mit dem deutschen Komponisten Marc Streitenfeld hat die 49-Jährige einen Sohn (10). Inzwischen ist sie mit dem griechischen Filmemacher Dimitris Birbilis verheiratet.

Wie fiel die Reaktion der Kollegen aus, als Sie ins Regiefach wechselten?

Viele zögerten plötzlich, mich zu besetzen, nachdem ich Regie geführt hatte. Sie dachten, ich sei zu dominant oder meinungsstark. Erst neulich stand ich wieder für jemanden vor der Kamera, der die ganze Zeit erstaunt zu mir sagte, dass ich so unkompliziert und einfach im Umgang sei. Das fand ich irgendwann richtig beleidigend. Er hatte wohl jemanden erwartet, der kontrollsüchtig ist und ihn unterbuttern will. Dabei kann ich mich wunderbar der Vision eines anderen unterordnen, das ist doch schließlich meine Aufgabe als Schauspielerin. Aber als Frau hinter der Kamera hast du automatisch den Ruf weg, anstrengend zu sein.

Über Ihre männlichen Kollegen wird so etwas mutmaßlich nicht automatisch gesagt.

Natürlich nicht. Dabei sind einige von denen mit Sicherheit sehr viel anstrengender, als ich es bin. Leider ist das Phänomen ja altbekannt: Als starke Frau – oder jemand, der dem Bild einer starken Frau entspricht – musst du immer erst einmal die Hürde überspringen, dass die Leute Angst vor dir haben. Wobei sich ja nach und nach die Strukturen ein wenig zu ändern scheinen.

Sie sehen eine positive Entwicklung?

Insgesamt schon. Ich war vor etlichen Jahren eine der ersten, die lautstark kritisierten, dass in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die Oscars vergibt, zu viele alte weiße Männer sitzen. Damals waren alle stinksauer auf mich, inzwischen gibt es in der Academy eine regelrechte Diversitätsinitiative, die natürlich dringend nötig war. Das Muster kannte ich schon: Ich bin der Buhmann, weil ich die Wahrheit sage – und erst Jahre später gestehen sich alle ein, dass ich recht hatte. So erging es mir schon als 18-Jährige.

Als Ihnen mit Filmen von Godard und Tavernier der Durchbruch gelang?

Ja, genau. Ich habe damals öffentlich angeprangert, wie viele männliche Regisseure sich unmöglich gegenüber Schauspielerinnen benehmen, bis hin zu sexueller Nötigung und mehr. Die Leute sind durchgedreht. Was mir einfallen würde, so über diese großen Künstler zu sprechen. Ich wurde als moralistische, spaßbefreite F**ze beschimpft und von der Presse genauso wie der Branche in der Luft zerrissen. Deswegen habe ich Frankreich damals den Rücken gekehrt und bin in die USA gegangen. Nicht, dass der Betrieb da anders funktionierte. Aber immerhin konnte ich von vorne anfangen und stand nicht diesem Hass gegenüber.

Zu solchen Themen haben Sie sich später, als die gesamte Branche von der MeToo-Bewegung gepackt wurde, nicht mehr wirklich geäußert, oder?

Richtig, das war mein fester Vorsatz. Denn glauben Sie mir: Harvey Weinstein ist in diesem Ozean nur ein kleiner Fisch gewesen. Deswegen habe ich mir vorgenommen, alles andere erst auszupacken, wenn ich meine Memoiren schreibe und viele Beteiligte tot sind. Im Moment sind viele noch immer in wichtigen Machtpositionen. Und angreifbar werden die meisten Männer leider erst, wenn sie irgendwie angeschlagen sind. Das war bei Weinstein auch so. Und das ist letztlich das Problem: Bislang haben wir mit MeToo nur an der Oberfläche gekratzt. An die wirklichen Abgründe und die ganz hässlichen Details hat sich noch niemand herangetraut. Was man aber auch kaum jemandem vorwerfen kann. Ich selbst habe mich, wie gesagt, auch für Selbstschutz und den Blick nach vorne entschieden. Selbst als die New York Times 2017 anklopfte.

Sie meinen die Reporter, die damals die Causa Weinstein enthüllten?

Ja. Meine Freundin Katherine Kendall, die als eine der ersten Schauspielerinnen öffentlich über ihre Erfahrungen mit ihm sprach, hatte ihnen erzählt, dass ich Millionen von Geschichten kennen würde über Agenten, Manager und dieses ganze System, das in Hollywood sexuellen Missbrauch möglich macht. Bei den Anfragen der New York Times hatte ich allerdings schnell das Gefühl, dass es weniger um systematische Aufklärung als vor allem um schmutzige Schlagzeilen ging. Das ärgerte mich, und so habe ich einen Rückzieher gemacht. Und natürlich auch, weil mir selbst körperlich nichts angetan wurde. Ich habe immer sehr früh angefangen, mich zu wehren und nein zu sagen. Aber auch dafür habe ich einen Preis gezahlt. Meine Karriere als Schauspielerin hätte sehr anders verlaufen können, wenn ich nicht so viele Leute vor den Kopf gestoßen hätte.

Was gibt es denn Ihrer Meinung nach als nächstes zu tun für positive Veränderungen in der Zukunft?

Wir müssen einen Weg finden, uns etwas Neues aufzubauen – und zwar gemeinsam. Wir Frauen gemeinsam, aber eben auch die Männer mit ins Boot holen. Die müssen in die Diskussionen miteinbezogen werden, doch ich würde mir eben auch wünschen, dass sie aktiv dabei helfen, Veränderung auf den Weg zu bringen. Es ist toll, wenn Schauspieler wie Benedict Cumberbatch darauf drängen, dass ihre Kolleginnen das gleiche Geld bekommen. Und wenn Scorsese als Executive Producer einen Film von Joanna Hogg ermöglicht. Aber viel zu häufig stoße ich auf Ignoranz oder höfliches Desinteresse, wenn ich bei meinen Filmen um Hilfe bitte. Wenn es darum geht, Mentor zu werden, suchen sich die Männer meist doch lieber andere Kerle, nicht eine alte Frau wie mich.