Wir neigen dazu, etwas für selbstverständlich zu halten, nur weil es ist. Aber zu allem gab es auch Alternativen. Dass nach mehr als 1900 Jahren Palästina zur Heimstatt der Juden, dass dort ein jüdischer Staat gegründet wurde, war kein natürliches „zurück zu den Wurzeln“, sondern das Ergebnis des Zusammentreffens mörderischer und glücklicher Umstände. Nicht jeder, der von einem jüdischen Staat geträumt hatte, dachte dabei an Palästina. Julius H. Schoeps, der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, hat ein Buch vorgelegt zu Paul Friedmann und seinem Traum von einem Judenstaat im Nordwesten der arabischen Halbinsel, keine 400 Kilometer von Medina entfernt! Die Lebensdaten Paul Friedmanns sind unsicher, wohl 1840 in Berlin oder Königsberg geboren, ist sein Todesdatum unbekannt. Er war, so betont ein Polizeibericht von 1891, kein Jude. Schoeps aber ist sich sicher, dass Friedmann sowohl väter- wie auch mütterlicherseits jüdische Vorfahren hatte. Allerdings sei er, anders als die New York Times Ende Juni 1891 feststellte, wohl doch nicht mit den Mendelssohns verwandt. Darauf legt Schoeps, der das sehr wohl ist, großen Wert. Im Oktober 1891 hatte Friedmann in Krakau unter den dortigen Juden nach Teilnehmern für seinen Judenstaat in Midian geworben. Wie viele dann am 6. November in Bremerhaven das Schiff Israel bestiegen, weiß man nicht. Jedenfalls gab es schon auf der Anreise größte Schwierigkeiten. Das Essen war wohl nicht koscher, in der Schiffsmannschaft gab es ostentative Antisemiten. In Suez stieg man auf ein kleineres Schiff um, das machte Zwischenstation in Scherm el-Moyeh, heute – beim nächsten Besuch sollte man daran denken – ein Stadtteil von Scherm el Scheich. Aber das war auch schon fast die Endstation, denn schon am dritten Tag erklärte der erste, er werde nicht weiter arbeiten, er sei kein lastentragender Esel. Friedmann erklärte ihm, er dulde keine Insubordination. Wer nicht arbeite, müsse das Lager verlassen. Daraufhin erklärten die anderen Teilnehmer, wenn das so sei, gingen sie alle. 17 Teilnehmer verließen das Lager. Einer, der in der Gegend herumirrte, wurde sterbend von Mönchen gefunden. Am verheerendsten für das Projekt war allerdings, dass das Osmanische Reich Ansprüche auf das eigentlich zu Ägypten gehörende Territorium anmeldete und auch eine kleine Truppe in das Gebiet geschickt hatte. Angesichts dieser Gefahren erklärte auch der Rest der Siedler das Projekt für gescheitert. Das war wohl im Februar 1892. Friedmann klagte noch gegen die ägyptische Regierung. Er hatte bei der Geschichte sein ganzes Vermögen verloren. Schoeps tritt dem Verdacht entgegen, es handele sich bei Friedmann um einen, der auch mal Führer spielen wollte oder wie es in Kiplings großartiger Erzählung heißt: Der Mann, der König sein wollte. Die koloniale Option, Staatsgründer zu werden, spielte aber sicher eine Rolle. „Ohne Frage war Friedmann kein Abenteurer, der aus Geltungsdrang und Profilierungssucht handelte, sondern jemand, der tatsächlich helfen wollte, jemand, der das Beste für die russischen Juden Ende der 1880er und Anfang der 1890er Jahre gewollt hat.“ Nach siebzig Seiten Schoepsscher Einleitung kommen auf 150 Seiten Dokumente von Friedmann selbst, von Augen- und Ohrenzeugen, von Politikern und Diplomaten der Zeit zur gescheiterten Errichtung eines Judenstaates in Midian. Man stelle sich vor, die Siedlung hätte funktioniert, es wären noch vor dem ersten Weltkrieg dort mit ägyptischer Genehmigung – ohne Intervention des Osmanischen Reiches – blühende jüdische Landschaften entstanden.


Julius H. Schoeps: Der König von Midian – Paul Friedmann und sein Traum von einem Judenstaat auf der arabischen Halbinsel, Koehler & Amelang, Leipzig 2014, 224 Seiten mit mehr als 70 s/w Abbildungen, 29,95 EuroA