Mit seinem Vollbart und der eckigen Hornbrille passt Junaid Sarieddeen ziemlich gut nach Berlin. Ach, ein Hipster, würde man denken, sähe man ihn in einem Neuköllner Café sitzen. Aber Junaid Sarieddeen lebt in Beirut.

Der Schauspieler von dem Theaterkollektiv „zoukak“ ist nach Berlin gekommen, um im Ballhaus Ost einen Theatertext vorzutragen, den ein Kollektivmitglied verfasst hat. Seine Figur Hussein lebt in einer Welt, in der von einem erwartet wird, dass man für seinen Glauben zu sterben bereit ist. „Was für ein Gott soll das sein, der so brutal, extrem und hässlich ist.“ Junaid Sarieddeen wirkt eigentlich freundlich und gelassen, aber als er das sagt, spürt man Wut. „Es geht doch nur um Macht dabei.“ Er selbst hat sich vom Glauben gelöst, seine Eltern sind Drusen.

Vor ein paar Jahren hatte man den Eindruck, Beirut und Berlin hätten viel gemeinsam. Damals gab es Berichte über das vibrierende Nachtleben und die Clubszene der Hauptstadt des Libanon. Junaid Sarieddeen sagt, dass seitdem noch mehr Clubs aufgemacht haben, dass die Leute noch mehr ausgehen. „Beirut ist eine Stadt, die nachts lebt.“ Aber es gibt jetzt auch Autobomben. Auf diese Weise wollen radikale Sunniten gegen das Eingreifen der Schiiten-Miliz Hisbollah in den Syrienkrieg protestieren. Junaid Sarieddeen hätte die Anschläge gar nicht erwähnt. Die Regisseurin Lydia Ziemke erzählt davon.

Ein Tanz auf dem Vulkan

Doch auf die Frage, wie das Leben jetzt ist in Beirut, angesichts des Bürgerkriegs im Nachbarland Syrien, angesichts der Bedrohung durch den Terror des Islamischen Staat, gibt Junaid Sarieddeen eine überraschende Antwort. „Es ist eine gute Zeit“, sagt er. „Es ist kulturell so lebendig, es gibt jede Menge Festivals, aufstrebende Bands, Entwicklungen in der bildenden Kunst.“ Eine Blütezeit, ein Tanz auf dem Vulkan.

Auch die syrischen Flüchtlinge tragen bei zu dieser Blüte. Mehr als eine Million hat der Libanon aufgenommen, dabei hat dieses kleine Land nur vier Millionen Einwohner. Unter den Flüchtlingen sind Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller. Die Reichen haben sich in Beirut Wohnungen gemietet, die Mieten sind gestiegen, auch Junaid Sarieddeen bezahlt jetzt mehr. Er beklagt sich nicht. Stattdessen erzählt er, dass in seiner Straße zwei syrische Familie in einer kleinen Garage lebten. Bei „zoukak“ diskutieren sie jetzt manchmal mit syrischen Theaterwissenschaftlern. „Sie sind klassischer ausgerichtet als wir“, sagt er.

Junaid Sarieddeen reist gern. „Die Distanz tut mir gut.“ Aber den Libanon verlassen, möchte er nicht. Er versucht, sein Leben von der Gewalt um ihn herum nicht beeinflussen zu lassen. Funktioniert hat das nie. Im Jahr seiner Geburt, 1982, begann der Libanonkrieg. Sein Vater, ein Installateur, arbeitete in Saudi-Arabien. „Sie haben mich dann dorthin gebracht.“ Als er acht war, brach der Golfkrieg aus. Da brachten sie ihn zurück. Gewalt ist Alltag. Wenn die Nachricht kommt, dass irgendwo eine Bombe hochgegangen ist, hat er keine Angst. Er denkt dann, dass bis zum nächsten Attentat Zeit bleibt, er fühlt sich sicherer.

Junaid Sarieddeen beobachtet, dass die Leute aggressiver geworden sind. Und dass sie sich zurückziehen in ihre Glaubensgemeinschaft, den Stamm, die Familie. Selbst bei den Politikern gebe es keine gesellschaftliche Verantwortung. Jeder kämpfe nur für sich selbst. Ihre Zusammenarbeit im Kollektiv, sei auch ein politisches Statement. „Theater ist Gruppenarbeit.“ In Beirut ist das bemerkenswert.

Hussein − ein Heldenmonolog, 21. bis 23.Nov., jeweils 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 15. Tel.: 44039168