Berlin - „Hier, für euch!“, ruft der Security-Mann. Aus einer verknitterten Plastiktüte zieht er zwei Eistüten und wirft sie Barbara Meyer und Anne Pfaffenholz zu, schon ist er wieder verschwunden. Die beiden Frauen sitzen auf einer selbst gezimmerten Bank auf einer Wiese unter einem Baum mit breiten Ästen. Die selbst gebaute Bank, die Wiese, der Baum: Das alles ist Teil des „Juniparks“, eines Stadt-Kunst-Projekts in der Nähe des Tempelhofer Felds. Herzstück ist eine gewaltige Gerüst-Installation mit hohem Turm, von Architekten der Gruppe Raumlabor genau hinein gebaut in die ehemalige Einflugschneise des Tempelhofer Flughafens.

Barbara Meyer und Anne Pfaffenholz gehören zu den Hauptverantwortlichen des Projekts. Seit dem 3. Juni wird die Installation mit Performances und Konzerten bespielt, mit Kunst am Gerüst-Bau und vielen anderen Aktionen. Das Ganze ist aber mehr als ein harmloses temporäres Kunstspektakel. „Wie wollen wir leben, wie wollen wir wohnen? Wir haben Ideen, haben Visionen“, heißt es im Junipark-Song. Der Junipark, das ist eine Kunst und Politik verbindende Intervention. Fast 30 Prozent der Jugendlichen in Berlin leben unterhalb der Armutsgrenze, mehr als in jedem anderen Bundesland. Wer das für eine harmlose Angelegenheit hält, weil man in jungen Jahren nun mal in der Regel über wenig Geld verfügt, irrt. Das macht die Studie Monitor Jugendarmut 2014 deutlich: 20,5 Prozent der Berliner zwischen 15 und 24 Jahren leben von Hartz IV. Im Bundesdurchschnitt sind es nicht einmal halb soviel, nämlich 8, 4 Prozent.

Selbst WG-Zimmer sind zu teuer

Hartz IV, das heißt für die meisten nicht, sich ein wenig treiben zu lassen und sich auszuprobieren. Das wäre ein Lebensstil, den man eher mit Mini-Jobs finanziert. Hartz IV heißt, nicht Fuß zu fassen, nicht zu wissen, wo es langgehen könnte im Leben. „Diese dramatische Situation“, sagt Barbara Meyer, „wird in der Stadt bislang überhaupt nicht richtig zur Kenntnis genommen.“ Meyer ist die Leiterin des Jugend- und Kulturzentrums Schlesische 27. Im vergangenen Jahr hat sie mit Jugendlichen die Kampagne „Wohnwut“ ins Leben gerufen, eine Peer-to-Peer-Umfrage, die auf einen Aspekt der Jugendarmut hinweist: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden keinen Wohnraum mehr in der Stadt, können sich selbst ein WG-Zimmer nicht mehr leisten.

Mit Wohnwut ist nun auch der Junipark überschrieben. „Das Programm des Juniparks“, sagt Anne Pfaffenholz, „spannt sich zwischen Utopie und Lamento. Es soll ein Mutmacher sein.“ Pfaffenholz hat das Festival gemeinsam mit Julia Schreiner kuratiert, sie haben Aufträge an Künstler vergeben, die auf der Wohnwut-Umfrage basieren. Mit Schulen und Laiengruppen wurde in der Gerüst-Installation fast täglich ein neues Programm gezeigt, das auf unterschiedlichste Weise danach fragt, wie man als Jugendlicher leben kann und wie man leben möchte in dieser Stadt.

Die Installation von den Raumlabor-Architekten Andrea Hofmann und Christof Mayer bietet hierfür den notwendigen Gestaltungs-Raum. Ihr gewaltiger Gerüstbau birgt eine Art Marktplatz, eine Tribüne und eine Bühne, die einen Panoramablick ins Grüne frei gibt, sowie einen großen, mit Fragezeichen versehenen, begehbaren Turm, den man auch vom Tempelhofer Feld aus sieht. Auf zwei Etagen erstrecken sich begehbare Wege und Nischen. Es ist ein Ort, der dazu einlädt entdeckt zu werden. „So ein Gerüst“, sagen Hofmann und Mayer, „ist für uns auch eine Metapher. Es signalisiert, das etwas entstehen soll.“

Vernachlässigte Orte ins Bewusstsein holen

In den drei Wochen Laufzeit hat sich ein reges Treiben am Junipark entwickelt. An einem Sonntag trafen Akteure verschiedener Mietervereine zusammen und besprachen in der so genannten „Rederei“ die aktuelle Wohnungs- und Mietsituation in Neukölln. In mehrere Gerüst-Nischen wurden Aufenthaltsräume gebaut, an einer Seite unter dem Gerüst haben sich Kinder mit Teppichen und Decken eine Kuschelhöhe gebastelt. Manchmal hängen ihre Jacken und Anoraks drinnen an Haken, während sie draußen mit Pappmaché selber eine Stadt bauen. An anderer Stelle wuchern in Kisten und Säcken die Pflanzen des Urban Gardenings.

Viele Kräuter sind dabei, die kommen auch gleich beim Nachbarschaftskochen zum Einsatz. Drei Leute schnippeln an einem langen Tisch und streuen Blüten in den Salat. Andere haben es sich auf der Tribüne gemütlich gemacht und schauen und hören einfach zu. An diesem Wochenende wird der Junipark im Rahmen von „48 Stunden Neukölln“ mit einem großem Programm feierlich geschlossen.

Hat das Junipark-Spektakel tatsächlich etwas erreichen können? „Das kann man nicht wissen“, sagt Barbara Meyer. „Aber es gibt Kinder und Nachbarn, die kommen jeden Tag.“ Neugierige vom Tempelhofer Feld, die der Turm angelockt hat, schauen den Aufführungen zu. Ein libanesischer Junge hat sich der Schaubühnen-Truppe von Uta Plate angeschlossen.

„Vernachlässigte Orte ins Bewusstsein zu holen und durch eine Kunst-Intervention zu verändern“, sagt Christof Mayer von Raumlabor, „das geht nur mit den Nachbarn, sie sind die Experten des Ortes.“ Aber wie wirksam etwas ist, lässt sich nicht einfach messen. Vielleicht ist der großzügig Eis verschenkende Security-Mann ein guter Indikator für das, was hier geschieht. Die beteiligten Jugendlichen, soviel steht fest, werden nach dem Junipark den Berliner Abgeordneten einen eigenen Forderungskatalog überreichen.