Achinsk in Sibirien etwa 1935: Dieser Zug wirkt real, Juri Buidas „Nulluhrzug“ ist eine Allegorie
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Eine namenlose Siedlung irgendwo in Sibirien, auf geheimen Karten als Siedlung Nummer 9 markiert. Ein paar kleine Wohnhäuser, eine Bahnstation, Baracken, ein Sägewerk. Und ein kleiner Friedhof am anderen Flussufer. „Weit weg von den Lebenden, die emsig arbeiteten und nicht so viel an den Tod denken sollten, und wenn, dann nicht an einen natürlichen, sondern an den Tod als Strafe – für Ungehorsam, für überflüssiges Geschwätz oder für einen Fluchtversuch.“

Zu Beginn seines Romans „Nulluhrzug“ entwirft der russische Autor Juri Buida eine beklemmende Szenerie, die ebenso unwirklich wie realistisch erscheint. Die Handlung spielt in der Sowjetunion, sie setzt irgendwann in den 1930er-, 40er-Jahren ein. Eine Handvoll Menschen sind aus dem Riesenreich in die sibirischen Wälder verbracht worden. Sie sollen dort eine Eisenbahnbrücke bauen und sie fortan intakt halten. Es darf keine Pannen geben. Denn jede Nacht, um Punkt null Uhr, donnert ein Güterzug in oder aus Richtung Osten, ohne sein Tempo zu drosseln, über die eingleisige Brücke. „Hundert Waggons mit fest verrammelten und verplombten Türen, zwei Lokomotiven vorn und zwei hinten, tschu-tschu, uuu! Hundert Waggons. Abfahrtsort unbekannt. Bestimmungsort geheim. Halt deine Zunge im Zaum. Ihr habt euch nur um eins zu kümmern: dass die Gleise in Ordnung sind. Von da bis da. Auf den Punkt.“

Die totale Macht

Bereits 1993 war der Roman, den der Aufbau-Verlag jetzt erstmals in deutscher Übersetzung herausgebracht hat, in einer Moskauer Literaturzeitschrift erschienen. Das Buch ist eine Entdeckung, dem 1954 im Kaliningrader Gebiet geborenen Buida ist eine verstörende Studie des sowjetischen Unterdrückungssystems gelungen. Es ist darüber hinaus eine Parabel auf jegliche totalitäre Gesellschaft, in der die entindividualisierten Einzelnen als Rädchen einer großen Maschine funktionieren, als Verlorene im Mechanismus eines Systems, das sie nicht durchschauen und nicht hinterfragen. Die totale Macht wird erduldet, eigene Zweifel hält man mit Denunziation und roher Gewalt gegen Leidensgefährten in Schach. Ein toter Ort ist diese Siedlung Nummer 9, heißt es im Buch, weil selbst die Kinder dort tot geboren werden. Eine düstere Hoffnung auf das Ende der totalen Macht?

Was der Nulluhrzug in seinen verplombten Waggons transportiert, überlässt der Autor der Fantasie des Lesers. Sind es Menschen, die in den Waggons in das Lagersystem der stalinistischen Gulags deportiert werden? Atomraketen, die hin- und herfahren, um sie vor dem Feind zu verbergen? Toxischer Müll aus den Chemie- und Atomkombinaten des Sowjetreichs? Aktenberge aus dem bürokratischen System der Diktatur auf dem Weg in gigantische Archive? Vielleicht aber rollen nur leere Waggons hin und her, weil der vorbeifahrende Zug – wie es die Schriftstellerin Julia Franck in ihrem Nachwort schreibt – in seiner Regelmäßigkeit als Generator des Systems erscheint, „als Metronom der Hörigkeit“.

Nur einmal versucht es ein Bewohner der Siedlung, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Er springt auf den Zug auf und rollt mit ihm in die Nacht nach Osten. Was ihm widerfährt, bleibt unklar. Der Held des Romans hingegen, Iwan Adarbjew, ein Waisenkind und Sohn von „Volksfeinden“, die sich angeblich das Leben nahmen, passt sich dem System an. So schafft es „Don Domino“, wie sie Adarbjew wegen seiner Leidenschaft für die Spielsteine nennen, vom einfachen Arbeiter bis zum Streckenvorsteher – durch Gewalt, Verrat und Mord.

Düsteres Ende

Buida erzählt seine Geschichte in kurzen, schmucklosen Sätzen. Fast unterkühlt, mit großer Distanz beschreibt er die Menschen und die Situationen, in die sie sich bringen lassen und selbst bringen. So liest sich das Buch wie die Abrechnung mit einer Gesellschaft, die Leid und Terror widerstandslos hingenommen hat und die eigene Schuld verdrängt. Am düsteren Ende des Romans sind die Gleise beiderseits der Brücke längst demontiert und weggeschafft worden.

Don Domino ist der letzte Bewohner der Siedlung Nummer 9. „Leider war keiner mehr da außer ihm. Alles musste er allein auf sich nehmen: All die Tode, all die Zerstörung, die Hungersnöte und Seuchen, alles Unglück. Und nicht, weil er daran schuld war (er war nicht schuld, verdammt!), aber – es war niemand sonst mehr da, der all das auf sich nehmen konnte.“ Und so sprengt sich Adarbjew mit der nutzlos gewordenen Brücke in die Luft – „ein greller Blitz und ein gewaltiger Donner … schleuderten den schwachen Leib in die unermessliche Leere der Zukunft“.

Juri Buida: Nulluhrzug. Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Nachwort von Julia Franck. Aufbau, Berlin 2020. 142 S., 18 Euro