Eine katholische Sorbin jüdischer Herkunft – wie kann das sein? Annemarie Schierz wurde am 15. August 1918 in Horka bei Kamenz geboren und hieß zunächst Annemarie Kreidl. Ihre leibliche Mutter, Gertrude Kreidl aus einer jüdischen Dresdner Familie, war zum Zeitpunkt der Entbindung weder volljährig, noch verheiratet. Sie brachte das Mädchen im bescheidenen Gehöft der Geschwister Maria und Georg Schierz, sorbisch Šercec, zur Welt. Die kinderlose Maria nahm das Mädchen auf, adoptierte es, erzog es katholisch. Annemarie, genannt Hana oder Hanka, ging in die Volksschule im Nachbarort Crostwitz, trug traditionelle sorbische Tracht. Die kleine Familie pflegte die sorbischen Traditionen. Das Dorfmädchen wuchs mit freundlichem Lehrer und Pfarrer auf, die ihre seine schützende Hand über die junge Frau hielten, als die NS-Schikanen begannen. Alle Versuche, sie zu schützen, halfen nichts.

Weil sie von Juden abstammte, musste Annemarie Schierz ab 1941 den gelben Stern tragen und hatte sich regelmäßig bei der Dresdner Gestapo zu melden. Im August 1948 verliert sich ihre Spur. Ob und wie sie verhaftet und deportiert wurde, blieb unklar. Ein Kamenzer Anwalt teilte dem Amtsgericht am 28. April 1948 mit: „Da Fräulein Schierz im Jahre 1943 infolge ihrer Verhaftung als Jüdin verschollen ist, ist anzunehmen, dass sie nicht mehr zurückkehrt.“

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