Der Jury-Präsident Jeremy Irons sieht etwas erschöpft aus, dabei geht der Wettbewerb jetzt erst los.
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BerlinDunkle Augenringe, tiefe Falten – Jeremy Irons wirkt schon vor der Berlinale etwas übernächtigt. Als Jurypräsident spielt er ja eine ungewohnte Rolle. Und er muss sich erstmal selbst verteidigen, denn im Vorfeld der Berlinale waren frühere Zitate herausgesucht worden, in denen er fragwürdige Äußerungen zur Abtreibung, zur homosexuellen Ehe und zu sexuellen Belästigung machte. Irons weiß, dass das Thema die Jury-Pressekonferenz sprengen könnte und setzt dem Frage-Antwort-Spiel deshalb eine Erklärung in eigener Sache voran.

Seine Entschuldigungen und Klarstellungen umfassen drei Themen: Iron unterstütze von ganzem Herzen alle Bewegungen, die sich gegen den schlechtere Behandlung, Belästigung und sexuellen Missbrauch von Frauen wenden. Er begrüße ausdrücklich alle modernen Gesetze auf der Welt, die die gleichgeschlechtliche Ehe erlauben, und er unterstütze jede Frau in ihrem Recht auf eine Abtreibung. Seine klaren Worte schließt er mit den Worten ab: „Und nun lassen Sie uns zehn Tage lang die Filmkunst feiern“.

Ein Autogramm für die Mutter

Die Erklärung wirkt so eindeutig, dass tatsächlich keiner mehr auf den alten Zitaten herumreiten mag. Nur ZDF-Mann Joe Schück fragt noch mal nach seiner besonderen Verantwortung als Jury-Präsident, erhält aber keine neuen Antworten. Andere sind freundlicher: Eine Journalistin bittet tatsächlich um ein Autogramm für ihre Mutter.

Neben Irons war vor allem Kleber Mendonca gefragt – aus seinem Heimatland Brasilien kommen fast 20 Berlinale-Filme. Der Autor und Regisseur sagte, dass die kritischen Filmemacher zwar wirtschaftlich unter Druck gesetzt werden, sich aber nicht die Stimme verbieten ließen. Gerade die zugespitzte Lage unter Präsident Bolsonaro sei doch eine tolle Zeit fürs Filmemachen. Stilistisch gab sich Kleber Mendonca als Freund des Genrefilms zu erkennen.

Auch andere Jury-Mitglieder wurden zu cineastischen Vorlieben befragt, um einen Hinweis auf die Bären-Vergabe zu erhalten. Hier wurden vor allem Filmklassiker benannt. Schauspielerin Berenice Bejo schwärmt für „Singing In The Rain“ und Jeremy Irons berichtet mit leuchtenden Augen davon, wie er mit seinem Sohn eine Orchester-Aufführung von Charlie Chaplins „City Lights“ besucht hatte: „Ich musste aufstehen, damit ich besser lachen konnte!“ Der Wettbewerbsfilm, der Irons zum Lachen zu bringt, hätte gute Bären-Chancen.