Berlin - Nein, man kann nicht sagen, dass Justin Timberlake die Popmusik revolutioniert hat. Aber für einen Moment in der Mitte des vergangen Jahrzehnts stand er mit wehender Fahne auf den Barrikaden, mit dem höchsten Falsett und den kühlsten, futuristischsten Beats. Wohin es geführt hat, erfährt man in einem überraschenden Moment seines prachtvollen Konzerts am Donnerstagabend in der selbstverständlich ausverkauften Friedrichshainer Ozwo-Welt. Da löst sich die Bühnenfront samt Timberlake, vier Sängern und den beiden links und rechts ansteigenden Treppen von der Hauptbühne. Dann setzt sich das Ding als hallenbreiter Catwalk in Bewegung. Die Band haut unerschütterlich den brillant banghraverzickten Beat von „Let the Groove Get In“ raus, und er singt in ständiger Bewegung zwischen den Laufstegen den Fans in den Rängen Nase an Nase ins Gesicht. Jeder einzelne seiner Leute steht in der ersten Reihe.

Schicker Gimmick

So eine Dreißig-Meter-Brücke über die Hallenweite ist auch ein Angebertrick, ein schicker Gimmick, der die Eintrittspreise von rund 80 Euro aufwärts rechtfertigen soll. Zugleich führt er aber an den Kern von Timberlakes Showidee. Üblicherweise lenken die Figuren seiner High-End-Klasse – sagen wir Beyoncé oder Rihanna - mit Bühnenzauber, Pyrotechnik und Spektakelvideos von der anonymen Reproduktion und holographischen Ortlosigkeit ihrer Shows ab. Timberlakes Effekte dienen dagegen dazu, noch die Fernsten eng in die Performance zu binden und noch die anti-intime Vielzweckhalle als amtlichen Konzertsaal zu aktualisieren. Er wechselt einmal den Anzug, niemand fuchtelt mit irgendwas, das nicht der Musik dient, und bühnentechnisch gibt es nur die quasi handbetriebene, Hydraulik, dank der auch auf der Hauptbühne Band und Chef auf und ab gekurbelt werden.

Von den ersten Tönen an lässt Timberlake keinen Zweifel daran, was an seiner Show das zentrale Unterhaltungselement sein soll: Er selbst. Und seine großartigen Musiker und Tänzer. Nur zum Einstieg nutzt er die Konserve. Auf der Leinwand sieht man als Schattenprojektion ihn selbst und ein Streicherensemble, das die dramatisch fitzelnden Introwirbel von „Pusher Love Girl“ spielt. Die 15-köpfige Band wird hochgefahren und Timberlake tritt, unmerklich herbeigeschafft, aus dem eigenen Schatten. Er singt ein paar Takte, stellt sich in Sinatrapose, die Hände lässig in den Taschen der Smokinghose, anerkennend lächelnd vor die tobende Menge.

Dann breitet er den Titel in verschiedenen Temperaturen über zehn Minuten aus. Bis zur Pause tanzt und croont er sich durch die Gassenhauer der letzten zwölf Jahre, die er nicht einfach in Studioperfektion nachbaut, sondern wie das wunderbare „My Love“ langsam umkreist, bis dann doch das prägnante, modernistische Schluckauf-Keyboard kommt. Am Ende des ersten Teils lässt er Jay-Zs „Holy Grail“ über ein Nirvana-Riff in „Cry Me a River“, seinen ersten Solo-Top-Ten-Hit von 2002, münden.

Mal taucht die Band ab, um ihm das Rampenlicht am Flügel oder einem Old-School-Synthie zu überlassen; dann wieder tummeln sich die vier Sänger und die Bläser scheinbar spontan neben ihm. Die Musiker stehen hinter klassischen Swing-Orchester-Bandstands mit den Initialen des Leiters: „Wir sind JT und die Tennessee Kids, und wir freuen uns, heute hier für Sie spielen zu dürfen“ erinnert uns der Chef ab und zu. Und damit ja die Vorbilder dieser Inszenierung deutlich werden, spielt er sie eben an.

Als musikalisches Retortenbaby in die Popwelt geboren

Am Ende des Saals wird die Brücke geparkt und eine Treppe zu einer illuminierten Bar – normal in Betrieb - mit kleiner Bühne ausgefaltet. Timberlake läuft zu einem schummrigen Barblues händeschüttelnd darauf herum, deutet Dean-Martin-Leutseligkeit an und greift sich – „weil wir ja aus Memphis kommen“ - eine akustische Gitarre, um Elvis’ „Heartbreak Hotel“ zu spielen. Dazu schuffelt er im Moonwalkschleichen Michael Jacksons herum, dessen „Human Nature“ er naturgetreu falsettiert. Dann bratzen die Bläser noch satt durch Kool and the Gangs Siebziger-Disco „Jungle Boogie“.

Timberlakes Entwicklung zum traditionellen Musik-Entertainer kann man ungewöhnlich finden. Berühmt wurde er schließlich als Retortenbaby bei der Boygroup „N Sync“, bevor er zum Vokalmedium einer aufregenden, hochsynthetischen Popavantgarde um die Studiodesigner Timbaland und die Neptunes wurde. Musikalisch hat ihm die Neptunes-Hälfte Pharrell Williams im letzten Jahr den Rang abgelaufen. Timberlakes zweiteiliges „The 20/20 Experience“, das der Tour den Namen gibt, wurde eher verhalten aufgenommen.

Talent und Training

Umso nachhaltiger erkennt man nun Timberlakes eigentliche Bestimmung als Performer, die aus der harten TV-Casting-Schule des Mickey Mouse-Clubs kommt. Wer die US-Mühle erfolgreich durchläuft, hat eine gute Chance, sein Talent durch Training zu formen und sich Schauspiel, Tanz und Gesangsperformance einzubläuen. Man sollte dabei nicht an unsere TV-Wettbewerbe mit ihren Micky-Maus-Kompetenzteams denken. Daher schlägt sich Timberlake gut in Oscar-Produktionen wie „The Social Network“, sowie in krudem Billig-Zeugs wie der Blaxploitation-Plotte „Black Snake Moan“.

Auf der Musikbühne ist der 33-Jährige einfach nur exzellent. So präzise wie ökonomisch füttert er seine Präsenz mit eleganten Tanzbewegungen, Publikumständeleien und Gesangsparts. Er balladiert, schmachtet schwül, singt strahlend über kühle Synthies wie dicken, bassigen Funk. Und hievt dabei den guten, alten Bühnenauftritt in den höchst modernen Schimmer des Hochleistungspops.