Jutta Ditfurth ist eine Jutta von Ditfurth. Im Zentrum ihres Buches „Der Baron, die Juden und die Nazis – Reise in eine Familiengeschichte“ steht Börries Freiherr von Münchhausen (1874 – 1945), ihr Urgroßonkel, der Bruder ihrer Urgroßmutter, die starb, als Jutta von Ditfurth sieben Jahre alt war. Wer bald nach dem zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik in die Schule ging, hat ihn womöglich als Balladenautor in Erinnerung. Als es zu Ende war mit der Nazi- und seiner Herrlichkeit brachte der Freiherr sich in seinem Schloss in Windischleuba um. Mit Schlaftabletten. Jutta Ditfurth erzählt von den Liebesgeschichten ihres Urgroßonkels mit den großen Balladendichterinnen der Zeit, mit der gerade mal neunzehnjährigen Agnes Miegel, die deutlich begabter war als er und mit Lulu von Strauß und Torney, auch von seiner Ehe mit der vermögenden Anna von Breitenbuch. Über die schrieb Agnes Miegel: „Die Frau merkt sicher nichts (von Münchhausens Beziehung zu Lulu von Strauß und Torney), ich halte sie für sehr vorzüglich aber selbstverständlich dumm. Eine Witwe, die Geld hat und heiratet, muss dumm sein, ganz besonders, wenn der erschwerende Umstand dazu kommt, dass No. II Börries ist.“ Ditfurth schildert die Anstrengungen Börries von Münchhausens, Fuß zu fassen in den höchsten Rängen des literarischen Lebens. Sie zeigt ihm beim Netzwerken und Intrigieren. Sie zeigt seine Miss- und seine Erfolge. Vor allem aber geht es ihr um seinen stetig anwachsenden Antisemitismus. Er hatte als Heineliebhaber, als judenfreundlicher Autor begonnen. Etwas, worin er sich von dem Milieu, in dem er aufwuchs – das macht Jutta Ditfurth deutlich – unterschied. Das Buch belegt die antisemitische Tradition des deutschen Adels. Jutta Ditfurth zeigt, wie die großen Lyriker – Clemens Brentano -, die großen Erzähler – Achim von Arnim – der deutschen Romantik besessen waren von einem immer wieder gerne – verbal - ausgetobten Hass gegen Juden. Ein Hass, der desto stärker aufloderte, je deutscher die Juden wurden. Je integrierter die Juden waren in die deutsche Kultur, desto wütender versuchten diese Kreise, sie aus ihr hinauszuwerfen. „Deutschland führte den ‚totalen’ Krieg, und der Krieg kam nach Deutschland zurück. Da setzte Adolf Hitler Börries von Münchhausen 1944 auf seine ‚Gottbegnadeten Liste’ der für das Regime wichtigsten Schriftsteller. Dort reihte Münchhausen sich ein unter die alten Vertrauten wie Lulu von Strauß und Torney, Hans Grimm und Agnes Miegel, nach der heute noch Schulen heißen. Lulu von Strauß und Torney hatte inzwischen ein ‚judenfreies’ um das Alte Testament bereinigtes ‚Volkstestament’ verfasst Es hieß ‚Die Botschaft Gottes’ und erschien im Verlag Deutsche Christen Weimar, nur zwölf Kilometer vom KZ Buchenwald entfernt.“ Am Ende aber, zwei Monate vor der Kapitulation, weigerte sich Börries von Münchhausen, einer Anfrage des Propagandaministeriums nachzukommen, Durchhalte-Artikel zu schreiben: „Für mich und viele Millionen anderer Deutsche ist die Religion (nicht die Kirche) das, was uns in schweren Zeiten durchhalten lässt und gerade dies darf heute nicht gesagt werden. Daneben kommen politische Gedanken in Betracht, die ich als Dichter niemals ausgesprochen habe…“ Seine Urgroßenkelin kommentiert das: „Die Ratte verließ das sinkende Schiff, auf dem sie so wohl genährt worden war.“
Diese Schärfe durchzieht das Buch. Sie erschwert mir die Lektüre. Ich begreife sie. Ich weiß, dass sie aus einer gar zu großen Nähe kommt. So reagierte ich auf meinen Vater. Gleich zu Beginn des Buches schildert Jutta Ditfurth, wie sie als kleines Mädchen zu Füßen ihrer Urgroßmutter, der Schwester Börries von Münchhausens sitzt, wie die alte Frau ihr zärtlich über die Haare streicht. Die Vorstellung ist unerträglich, dass einem so viel Liebe entgegengebracht wurde von Menschen, die die Vernichtung der Juden wenn nicht betrieben so doch gut hießen. Dass Menschen, die man nur als freundliche Begleiter des eigenen Lebens kennt, davor die SS bejubelten und Hitler, Himmler und all die anderen als bedeutende Vorbilder verehrten – man erträgt es nicht. Ein Kleinbürger wie ich, aufgewachsen zwischen Vater und Mutter, der die Eltern des Vaters nie kennengelernt hat, dessen Familienfotoalbum nicht hinter den Ersten Weltkrieg zurückreicht, hat keine Möglichkeit zu erinnern an den Urgroßonkel, an dessen Eltern gar und Urgroßeltern. Die Traditionslosigkeit der kleinen Angestellten beschränkt unseren Blick in die Vergangenheit. Wir stoßen in keiner Dachkammer auf das Gemälde einer Ahnin. Wir finden in keiner Schublade Briefe von ihr aus einem Kuraufenthalt auf Norderney voller antisemitischer Äußerungen. Wir haben nicht das Gefühl, dass wir von einer jahrhundertealten Armee von Vampiren belagert werden, gegen deren Übernahmeversuche wir uns wehren müssen. Wir haben dieses Gefühl nicht, weil wir diese Ahnen nicht haben. Falsch. Wir haben sie, und nichts deutet darauf hin, dass sie weniger antisemitisch gewesen sein könnten als die von Jutta Ditfurth. Wir kennen sie aber nicht. Sie haben nicht nur keine Gesichter. Sie haben nicht einmal Namen. Ich kenne den Namen des Vaters meiner Mutter. Mehr nicht. Da endet meine Ahnenreihe. Ist es mein Glück? Bei der Lektüre dieses ja auch verzweifelten Buches von Jutta Ditfurth denke ich das manchmal. Aber ich glaube, der Gedanke ist verkehrt. Warum sollte nicht zu wissen ein Glück sein? Jutta Ditfurth bereist ihre Familiengeschichte auch für mich. Der Antisemitismus war kein Privileg der Schlossbewohner, aber hier kann man beobachten, wie er blühte. Wer von seiner Vergangenheit nichts weiß, der färbt sie sich schön.

Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis – Reise in eine Familiengeschichte, Hoffmann und Campe, Hamburg 2013, 396 Seiten, 21,99 Euro.