Es heißt, Hape Kerkelings Buch über seine Reise auf dem Jakobsweg, „Ich bin dann mal weg“ (2006), sei das erfolgreichste Sachbuch seit „Götter, Gräber und Gelehrte“ (1949) von C.W. Ceram gewesen – manche sagen, sogar seit Hitlers „Mein Kampf“.

Wie auch immer: Es hat den Deutschen den Jakobsweg ins Bewusstsein gebracht, den seitdem Hinz und Kunz zum Zweck der inneren Erbauung und äußeren Entschleunigung abzulaufen planen oder dies zumindest stückweise tatsächlich tun.

Das ist der Hintergrund des neuen und 146. Programms im Kabarett-Theater „Die Distel“, das Michael Frowin, der auch Regie geführt hat, und Philipp Schaller geschrieben haben.
„Wenn Deutsche über Grenzen gehen oder: Das Ziel ist im Weg“ bringt wegen heftiger Regenfälle drei sehr unterschiedliche Wanderer in einer kargen Berghütte irgendwo am Jakobsweg zusammen:

Was kann man hier tun außer schlafen?

Die von Caroline Lux gespielte Lehrerin Marion, Timo Doleys als Brandenburger Pfarrer und Dorfbürgermeister Lars sowie Stefan Martin Müller als Spulenwickler Dirk. Es gibt in der Ausstattung von Antje Gebauer bloß ein Etagenbett, ein Klappbett, einen großen, geflochtenen Korb – und ansonsten kein Wasser, keinen Strom, kein Internet. Was kann man hier tun außer schlafen?

Nicht viel und dies schon gar nicht, weil dauernd einer etwas erzählt, fragt, laut denkt, woraus sich hitzige Auseinandersetzungen ergeben.

Streitpunkte sind genügend da: Die Lehrerin ist zwar auf dem Jakobsweg, aber eigentlich auf dem Selbstoptimierungstrip und möchte „sich selbst finden“. Für Dirk, das schlichte Gemüt, ist die Frage, wer sie eigentlich sei, nichts als komisch: „Du ist die Marion!“

Das Publikum wird mit freien Pointen angeflirtet

Später beschimpft er sie allerdings in ihrer aufgeblasenen, süffisanten Egomanie: „Du denkfauler, leicht zu manipulierender Furz“, nimmt sich von dieser Schelte freilich wohl auch nicht ganz aus.

Seine Schwester hat, wie er erst jetzt bemerkt, einen Brief seiner Krankenkasse gefälscht und darin behauptet, er müsse „Mobilitätsnachweise“ erbringen – nur damit er sich endlich einmal bewegt. Lars wiederum meint es mit allen pastoral gut und geht allen fundamental auf die Nerven.

Am Anfang wird das Publikum kurz und knackig mit freien Pointen rings um die Bundestagswahl angeflirtet, besonders hübsch: Dass Sahra Wagenknecht unbedingt Bundeskanzlerin werden müsse, dann käme endlich Glamour ins Amt, schließlich sei sie die einzige Politikerin mit einem Oskar daheim…

„Hätte Höckes Vater ein Kondom benutzt“

Nach der hohen Politik sind bald die nicht unbedingt hohen Motive an der Reihe, mit denen sich die drei Wanderer auf die Reise gemacht haben.

Wenn sie miteinander reden, fliegen schnell die Fetzen oder die Kissen, doch wenn sie miteinander singen, sind sie harmonisch einer Meinung, ob es um das Thema „Hätte“, also „Was wäre, wenn“ geht („Hätte Höckes Vater ein Kondom benutzt“) oder um den verschwundenen revolutionären Elan der werktätigen Massen, ob um Visionen nach dem übermäßigen Genuss von Klosterfrau Melissengeist (keine Talkshows und keine Kochshows mehr, der BER wird den Wölfen geschenkt) oder das Sicherheitsgefühl durch die ewige Kanzlerin („Mutti ist ’ne Bank“).

Als Tango kommt ein Song über die Beliebtheit „Sozialer Abwärtsvergleiche“ daher (lieber wird die Klofrau beschimpft als der Chef) und in einem improvisierten Kanu eine böse Capri-Fischer-Parodie über die Vermüllung der Meere: „Eine Insel so schön / ganz aus Polypropylen“ (Musikalische Einrichtung: Til Ritter).

Auf gekonnt gehaltenem Niveau viel zu lachen

Zwischendurch sagt eine Tonband-Stimme die Uhrzeit an, was immer neue, unterhaltsame wie bissige Runden in ihrem emotional - intellektuellen Schlagabtausch bedeutet.

Weil der Regen nämlich nicht aufhört, ist der flotte Pointendreier gezwungen, vierundzwanzig Stunden miteinander zu verbringen. Mag das für die matt gesetzten Wanderer auch anstrengend sein, für das Publikum ist es höchst amüsant.

Denn während die einen mit ihren privaten Geschichten den aktuellen politischen Themenkatalog – von syrischen Flüchtlingen über durchgeknallte Eltern bis zu inkompetenten Firmenaufkäufern – verschaukeln, haben die anderen auf gekonnt gehaltenem Niveau viel zu lachen.

Ein kabarettistischer Höhenflug de luxe

Frowin und Schaller lassen die einander so widersprechenden Figuren spaßig und geistreich zusammenkrachen und schlagen daraus hinreißende humoristische Funken. Ein runder, kluger Spaß ist dieser Abend, und eine schrille Wundertüte voll witziger Kritik und gemeiner Denkzettel.

Das großartig spöttelnde und scherzende, singende und tanzende Ensemble sorgt fern aller matschigen jakobsweglerischen Esoterik für einen kabarettistischen Höhenflug de luxe.

Wenn Deutsche über Grenzen gehen wieder am 9.-14., 19-21., 23.- 26.10., 29.11.-2.12., 4.-6.12., 29.-31.12.,

Die Distel, Friedrichstraße 101, Kartentel.: 204 47 04