Wir stehen in der Keimzelle der Elektrifizierung Berlins, im historischen AEG-Areal Oberschöneweide, Wilhelminenhofstraße. An den gelben Klinkern des Hallenkomplexes am Tor 1A klebt ein Hinweisschild: Mahalla. Das ist Arabisch, auch Indisch, und es bedeutet: Stadtviertel oder Nachbarschaft. Drinnen in der von Emil Rathenau, 1882 Gründer eines Pionier-Weltkonzerns, entworfenen Industriekathedrale, zu Blütezeiten der AEG-Ära Musterhalle für Dampfkraftwerke. Noch in der DDR wurde sie für den Elektroapparatebau genutzt.

Hier lärmen heute Hochdruck-Wasserstrahler. Das erhitzte Element bildet Dunstwolken und Pfützen über und unter den Männern in wasserdichten Monturen. Es sind Mitarbeiter der Spezial-Reinigungsfirma Kärcher. Sie waschen die zu Ost-Zeiten mit weißem Latex überstrichenen und zudem verdreckten Wände des Industriedenkmals ab. Das Ganze nur mit heißem Wasser und ohne Chemikalien. Solange, bis die gelb glasierten Gründerzeitklinker wieder leuchten. Die grünen Eisenträger werden trocken-heiß gesäubert, „schonend thermisch“, wie der Techniker Torsten Möwes von der Firma Kärcher erklärt.

„Kärchern für die Kunst“, so nennt sein Kollege Sebastian Wein das Sponsoring seines Unternehmens. Das ist die großzügige Starthilfe für das Kulturprojekt Mahalla. Und dass dies mitten in der Corona-Depression geschieht, ist ein optimistisches Signal.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Der Latexanstrich aus DDR-Zeiten muss ab, für das AEG-Industriedenkmal um 1900 stehen die gelb glasierten Klinker.

Der Filmemacher, Fotograf und Bildhauer Ralf Schmerberg, Mitglied der deutschen Filmakademie, ist schon lange in dieses Oberschöneweider Weltkulturerbe-Areal im Wartestand verliebt. Der Grimme-Preisträger (für den Film „Poem“, unter anderem mit Texten von Heiner Müller) arbeitete bereits etliche Jahre in einer der ehemaligen AEG-Fabriken an der Spree. Nun hat der sendungsbewusste 55-Jährige die Hallen 10 und 12 vom Besitzer, der KWO GmbH, für 20 Jahre gepachtet. „Es waren Geisterhallen, als ich sie das erste Mal betrat. Aber dann dieses Licht: wie in einem Kirchenschiff. Und diese Stimmung. Dieses Versprechen von Platz, Weite, Freiheit für das künstlerische Arbeiten.“

Nun baut er sie mit seinem Team aus. Für ein Kunst-&-Leben-Quartier, eine Factory des 21. Jahrhunderts, mit Arbeitsräumen für Künstler verschiedenster Sparten von Bild bis Ton, mit beheizten kleinen Studios für den Rückzug oben unterm Oberlicht-Dach, wo auch er sein Domizil einrichtet. Beide Hallen sollen für Ausstellungen und Konzerte, Performances, Begegnungen und auch Meditation genutzt werden. Vielfalt eben, begrüßt und genehmigt vom Stadtbezirksamt Treptow-Köpenick als Bereicherung zu den Nachbarn: dem Industriesalon, als Museum der Industriekultur des Ortes, der Hochschule für Technik und Wirtschaft, den Reinbeckhallen, die auch für Fotoausstellungen, u. a. von der Agentur Ostkreuz, bekannt sind, den Studios von Olafur Eliasson, Jorinde Voigt und Bryan Adams. Außerdem gibt es etliche Bildhauer-Werkstätten im Umfeld.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Blick in die einst von Rathenau entworfene Halle 10, nunmehr Abenteuerspielplatz verschiedenster Sparten der Berliner Kunstszene und in einigen Jahren Kultur-Begegnungsort für die Öffentlichkeit.

Schmerberg steht im safrangelben Arbeitsoverall inmitten indischer Musikinstrumente. Die Hallenmitte ist während der Bauphase der vorläufige Arbeitsplatz von Musik Ashram Berlin. Das Ensemble wird künftig in der Mahalla arbeiten. Deshalb arrangiert es sich derzeit kreativ mit dem Arbeitslärm. Im Kreis angeordnet liegen traditionelle indische Saiteninstrumente bereit, Gongs hängen links und rechts an Gestellen, bunte Tabla (Trommeln) und winzige Handbecken, die Manjira, warten auf Betätigung. Abends, wenn die Hightech-Maschinen verstummt sind. Doch gerade deren Lärm ist für den gebürtigen Ludwigsburger Schmerberg auch Musik, sozusagen Bestandteil seiner Auffassung eines sozialkulturellen Projekts. Er träumt von einem gleichberechtigten Gemeinwesen: Kunst & Arbeit & Leben. Der Factory-Gedanke liegt nahe, jedoch nicht in der Weise, dass ein Künstler – wie einst bei Warhol in New York – der Superstar ist. Schmerberg sieht sich eher als Organisator, Geldbeschaffer. Als Antriebsmotor für Leute, „die mit mir ums Feuer sitzen“.

Er war in jungen Jahren nach Indien und Tibet gegangen, hatte die Lehren Gandhis und die Philosophie des tibetischen Buddhismus studiert. Daher die Vorliebe für Safran-Orange, die Farbe der Erleuchtung. Seither, sagt er, gehe für ihn Kunst immer über die pure Ästhetik hinaus. Er wolle humanistische Botschaften vermitteln und gegen Missstände angehen, soweit Kunst das eben vermag. Schmerberg hat in Indien gelernt, gelassen und geduldig zu sein. Das sind nicht eben deutsche Tugenden. Das Mahalla-Projekt werde seine Zeit brauchen, mit viel Kraft, Nerven und Liebe, um sich der Stadt, der Nachbarschaft schwellenlos zu öffnen, meint er. Nicht nur wegen Corona. Er rechnet 2023 mit einem Start. Es gehe um Kreativität, die das Auskommen der Kunst-Gemeinschaft sichere, sagt er. Und nicht um den Kommerz als Maß aller Dinge. Schmerberg sammelt die Fäkalien des ungebremsten Konsum- und Profitdenkens: Plastikmüll. Eben damit ist er vom mehrfach preisgekrönten Filmemacher zum Bildhauer kruder Formen geworden. Die Tüten, Verpackungen, den ganzen Auswurf der Wohlstandgesellschaft schmilzt er in seinem künftigen Atelier oben in der zweiten Etage in Pfannen auf Kochplatten ein. Aus der heißen Masse formt er grellbunte bizarre Haufen, die uns, unterm Fenster aufgereiht, in Homunkulus-Gebilden unsere Umweltsünden vor Augen führen sollen.

Wieder unten in der Halle, greift Ralf Schmerberg sich ein Kärcher-Aggregat. Das Fauchen und Dampfen des Wasserstrahls nimmt er mit einem Mikrofon auf. Der Lärm wird eingehen in die Ashram-Musik, in die Kompositionen, die gerade entstehen. Drüben an der Hallenwand folgen die Männer von Kärcher mit einem gezielten Wasserstrahl Schablonen, die Schmerberg angefertigt hat. An der Klinkerwand unter der Empore entsteht ein Schriftzug: Die Welt ist voller Schmerz. „Dafür brauchen wir keine Sprühdose“, sagt der Künstler. Das Graffiti ersteht aus den ungereinigten Stellen. Und so bekommen die Schmutzrückstände aus dem 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, dem Holocaust, mit Gewalt, dem Rassismus und den Sünden gegenüber der Natur doppelte Bedeutung. Kunst soll aufstören. Und sie kann heilen.