Berlin - Zuerst ist da die Täuschung. Zwangsläufig bei soviel perspektivischer Illusion. Erst glaubt man, zu kennen, was Corinne Wasmuht mit Ölfarben auf große Holztafeln gemalt hat: Stadtplätze, Park-Grün, Bürgersteige, Neon- und LED-Leuchten, Straßen, Häuserzüge, Türme, Fahrzeuge, auch ein Fahrrad. Und Leute, die immer bloß fragmentarisch, mal nur schemenhaft vereinzelt, dann wieder zusammengeballt, durchs Bildgeschehen eilen – von irgendwoher nach irgendwohin. Oder die auch manchmal kurioserweise mit dem Kopf nach unten gemalt sind, so fast zu Architekturteilen werden.

Man könnte das als witzige Referenz an den berühmten Malerkollegen Baselitz deuten. Möglicherweise aber ist es eher ein Verweis darauf, dass in der Dynamik, dem Sog moderner Metropolen alles gleichzeitig und kaum steuerbar passiert: Und so stellt die Malerin – mit enormem Kopf- wie Körpereinsatz, zudem mit altmeisterlichem, peniblem Pinselstrich – das Moderne, Rasante, Gleichzeitige von Oben und Unten, von Benennbarem und Anonymem, Rationalem und Irrationalem in aller Ambivalenz dar.

Dann, nach einigen Minuten in der Ausstellungshalle der Akademie der Künste am Hanseatenweg, wird einem klar, dass die wandfüllenden Motive allesamt extreme Verdichtungen sind, nämlich aus vielen kleineren Bildteilen puzzleartig zusammengefügte, zu Panoramen ausgebreitete Verfremdungen der Realität. „Das Reale ist fraktal, zerklüftet..., aber es wimmelt von Details“, so sieht es der Philosoph Michel Serres. Nun, Wasmuhts „visuelle Explosionen“, diese „polyperspektivische Verwebung von Realität und Wahrnehmungsmöglichkeit“, dazu der „minutiöse Farbauftrag“ waren der Jury des Käthe-Kollwitz-Preises 2014 Anlass, Corinne Wasmuht auszuwählen. Heute wird überreicht. Wollte man nun eine Parallele von der Namenspatronin zur Preisempfängerin ziehen, dann wäre wohl der kritische, auch der empathische Blick und der rückhaltlos formulierte Kommentar auf die jeweilige Zeit anzuführen.

„Gegenbilder“ zu unserer Lebenswirklichkeit

Wasmuht, die Bilder aus dem Alltag, der Wissenschaft, Architektur, dem Film „sammelt“ und speichert – ob nun als Fotostapel, im Computer oder im Kopf – malt sozusagen Bilder über das Sehen von Bildern. Sie wertet durch die Auswahl, verwandelt so reale Bewegung, Überschneidungen, Überblendungen unserer digitalisierten Welt in den dichten, statischen Zustand von Malerei. Doch was wir sehen, das rast, strudelt, brennt, trudelt, lärmt tonlos vor unseren Augen, ist Malerei als Prisma, Kaleidoskop, Pixelraum, besteht aus Materie, Kraft-, Strahlungsfeld. Man könnte meinen, dies sei Malerei aus Elementarteilchen, mit der die 1964 in Dortmund geborene Tochter einer Architektin und eines Ingenieurs die sich aller paar Jahre wiederholende Unkerei vom Tod der Malerei mit geballter Lust Lügen straft.

Aufgewachsen ist sie in Peru und Argentinien, dort arbeitete ihr Vater für deutsche Stahlfirmen. Und wohl seither, sagt sie selbst, faszinieren sie Strukturen, elementare Dinge und Erscheinungen, wissenschaftliche Zusammenhänge, Architekturformen. Studiert hat die heute in Berlin Lebende an der Kunstakademie Düsseldorf. Inzwischen lehrt sie selbst, an der Karlsruher Kunstakademie, pendelt zwischen dortiger Hochschule und Berliner Atelier.

Ihre in künstlicher, schriller bis kalter Farbigkeit gemalten „Gegenbilder“ zu unserer Lebenswirklichkeit befinden sich zwischen Geschwindigkeit und radikaler Verlangsamung im Malprozess. Es sind Raumbilder, in denen gegenständliche und abstrakte Elemente und Mikrostrukturen in zerklüfteten Farbexplosionen übereinander liegen, verschmelzen, sich auch abgrenzen. Lässt man sich einsaugen von diesen Technovisionen städtischer Räume, begegnet man geisterhaften Gestalten, die zwischen sich überlagernden Architekturen auftauchen – und verschwinden. Lauter Rätsel. Auch die Frage, woher in den Bildern das Licht kommt.

Das Malen dauert

In Tafeln wie „Uqbar“ schieben sich Stadtraum, Figuren, sogar das Pflaster der Plätze und Gehwege wie von einer imaginären Kraft getrieben, beängstigend zusammen. Das zwei Meter hohe, sieben Meter breite „Paine Towers 7“ von 2013 ist fast eine Kinoleinwand. Acht Monate malte Wasmuht an dem Bild, für das sie digitale Fotos von Landschaften, Fußgängerzonen, Leuten sogar den Eingang zu einem ehrwürdig-musealen Gebäude als Vorlage nahm, das Ganze zuerst am Computer simulierte. Kosmischen Umlaufbahnen gleich, ziehen Farbkreise durchs Bild, fast wie Leitplanken oder metropole Lichtspiralen.

Jeder Zentimeter der faszinierenden, auch verstörenden Panoramen verrät, wie sehr Veränderung, Geschwindigkeit, Überlagerungen – und Abstraktion – die Malerin beschäftigen. Lichtreflexe und Spiegelungen suggerieren Bewegung, Vernetzung, Tempo. Doch das Malen, das dauert: „Wenn ich zäh bin“, sagt Corinne Wasmuht, „schaffe ich vier Bilder im Jahr.“

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises an diesem Donnerstag, 3. Juli, 19 Uhr. Ausstellung bis 10. August, Di–So 11–19 Uhr.