Ein eigenes Logo, das die Porzellantässchen und Keksverpackungen ziert: Die Vermarktung kann sich sehen lassen.
Foto:Sarah Pepin

OldenburgEin trüber Sonntagnachmittag im Spätherbst, es ist treffenderweise Totensonntag. Kaltes Wetter in Oldenburg, beim Ausatmen bilden sich kleine Wölkchen – ein vitales Lebenszeichen. In der Exerzierhalle, einer Spielstätte des Oldenburgischen Staatstheaters, geht es heute um das, was passiert, wenn der Atem am Ende versiegt. Hier gibt es heute ein „Death Café“, eine Veranstaltung, die zum weltweiten Phänomen geworden ist, und bei der sich Fremde bei Kaffee und Kuchen über den Tod austauschen. 

Lucia Loimayr-Wieland steht schon am Eingang. Die gebürtige Österreicherin mit schwarzen Haaren und sanftem Gesicht ist Mit-Organisatorin der oldenburgischen Version des „Death Café“. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin und Koordinatorin im Kinder- und Jugendhospizdienst, dessen Stiftung das „Death Café“ gemeinsam mit dem Staatstheater mehrmals im Jahr anbietet. Gesine Geppert vom Oldenburgischen Staatstheater arbeitet ebenfalls am Projekt mit.

Sprechen über den Tod kann befreiend sein

Aber wozu ist das gut? „Schmerzlicher als sprechen ist schweigen“, sagt Lucia Loimayr-Wieland. Mit Fremden über ein schwieriges, tabuisiertes Thema zu sprechen, sei befreiend – und es funktioniere. Zumal es für viele Menschen innerhalb der Familie schwierig sei, den Tod und das Sterben zu besprechen. Die Emotionen gingen schnell hoch, oder man wolle es sich gar nicht erst anhören. „Es ist einfach ein Thema, das sich hervorragend verdrängen lässt“, fügt Gesine Geppert hinzu. Und an Aktualität verliere es natürlich auch nie. Der Tod als großer Gleichmacher, die Gewissheit eines Endes: Es ist eine Garantie, wie es im Leben sonst nicht viele gibt. Und das wird wohl lange noch so bleiben, auch wenn die Wissenschaft fleißig an unserer Unsterblichkeit arbeitet.   

Machen den Tod zum Thema: Lucia Loimayr-Wieland (links) und Gesine Geppert. 
Foto: Sarah Pepin

„Death Café“: Eine Idee aus Großbritannien

Ursprünglich kommt das Konzept der „Death Cafés“ aus Großbritannien, entworfen hat es ein Mann namens Jon Underwood. Als Buddhist interessierte er sich sehr für die Idee der „impermanence“, für Vergänglichkeit. Umso mehr war er vom Schweizer Soziologen Bernard Crettaz und seinen „cafés mortels“ fasziniert, als er einen Artikel darüber im Independent las. Das Konzept war das exakt gleiche, nämlich im Bistro über den Tod zu diskutieren. Prompt organisierte Underwood im Jahr 2011 ein erstes „Death Café“ in seinem Keller in Hackney, im Osten Londons. Sein Anliegen war es, das Sterben wieder zum persönlichen Thema machen, und es nicht Bestattern, Ärzten und Krankenschwestern zu überlassen.

Mittlerweile finden die Cafés auf der ganzen Welt statt, sowohl in Bangladesch als auch in Dänemark und Chile: Zehntausende Menschen haben sich in 68 Ländern seit der Entstehung in entspanntem Ambiente über das Ableben unterhalten. Es scheint ganz so, als habe Underwood ein grundlegendes Bedürfnis erkannt. Er selbst kündigte bald seinen Job als Webdesigner, um sich ganz auf diese Arbeit zu konzentrieren. All das mag auf manch einen morbide wirken. Dabei ist das Gegenteil beabsichtigt: Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen und existenzielle Angst zu reduzieren, soll einen letztendlich dazu ermächtigen, ruhiger und bewusster zu leben. Das war Underwoods Idee und „das funktioniert für viele auch genau so“, sagt Lucia Loimayr-Wieland. Eine Enttabuisierung ganz im Sinne des Menschen also.  

Schmerzlicher als sprechen ist schweigen.

Lucia Loimayr-Wieland

Die Regeln im „Death Café“

Ein paar Regeln gibt es dennoch zu beachten. Der Eintritt zum „Death Café“ muss frei, die Atmosphäre respektvoll und friedlich sein, es muss Kaffee und Kuchen geben und es darf nichts verkauft oder beworben werden. Außerdem ist ein „Death Café“ keine akute Trauerbegleitung und kann diese auch nicht ersetzen. Und jeder kann eins ins Leben rufen.

Auf der ersten Etage, von zwei Theaterbühnen eingerahmt, herrscht in der Exerzierhalle derweil schon Kaffeehausbetrieb. Es riecht nach frischem Kaffee, auf der Theke stehen Schoko- und Apfelkuchen, die Tische sind gedeckt. Die Vermarktung kann sich sehen lassen: Das Oldenburger „Death Café“ hat ein eigenes Logo, einen Totenkopf-Sensemann auf rosa Hintergrund mit dem Spruch „Relax, I am just here for the cake“. Entspannt euch, ich bin nur wegen des Kuchens hier. Das Logo ziert hausgemachte Keksverpackungen, sogar die Porzellantässchen.

So läuft ein „Death Café“ ab

Langsam füllt sich der Raum, etwa 35 Menschen allen Alters nehmen Platz, viele sind über 50. Bevor die eigentliche Diskussion beginnt, gibt es zu Beginn einen sogenannten Opener, um sich auf das Thema einzustellen. Mal ist es ein Film, mal ein Text. Dieses Mal liest Lucia Loimayr-Wieland einen Artikel namens „Ganz am Ende“ aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Er handelt vom langsamen Zerfall eines Menschen und seines Körpers, es ist eine Chronik der letzten Tage. Ein Downer, könnte man sagen. Nach der Lektüre zeigt Lucia Loimayr-Wieland den Gästen einen Cartoon aus Peanuts. Charlie Brown teilt Snoopy mit, dass wir eines Tages eh alle sterben. Der erwidert daraufhin, ja, aber an all den anderen Tagen nicht. Das kommt nach dem schweren Text doch gut – manche Gäste schmunzeln hörbar, es folgt reges Geplauder.

Kann man sich überhaupt auf den Tod vorbereiten?

An jedem Tisch sitzt ein Moderator, oft sind es Ehrenamtliche aus dem Hospizdienst, sie begleiten das Gespräch und rahmen es gegebenenfalls ein. Am ersten Tisch ist es eine 19-Jährige, die in ihrer Freizeit ehrenamtliche Trauerbegleitung für junge Menschen im Netz anbietet. Neben ihr sitzt eine 66-jährige Frau, blond, weißer Fellpulli. Nach der Lesung sagt sie, sie sei ja jetzt noch nicht dran, dann lacht sie schallend. Die anderen beiden Frauen am Tisch sind 29 und 32 Jahre alt. Bald geht es im Gespräch um die Vorbereitung auf das eigene Ableben. Was heißt das überhaupt, und ist es möglich? Die Begriffe Vollmachtserklärung, Patientenverfügung und Bestattung fallen. Aber Bürokratie kann auch nicht alles sein. Die 29-Jährige, eine Medizinstudentin, drückt Angst davor aus, ihr Leben nicht richtig gelebt zu haben, bevor sie stirbt. Das Ältersein wird besprochen: überfüllte Heime, womöglich erdrückende Einsamkeit, Krankheit.

Entspannen Sie sich: Der Sensemann will doch nur Kuchen.
Grafik: Genoveva Wieland

Und warum sind sie alle hier? „Ich bin hier, damit ich meinen eigenen Tod nicht verdränge“, sagt die blonde Frau. Eine der jungen Frauen entgegnet, das Verdrängen des eigenen Todes sei bis zu einem gewissen Grad psychologisch durchaus gesund. Es wird viel gelacht. Am nächsten Tisch ist die Stimmung gedrückter. Die Trauer über einen Verlust steht einem älteren Ehepaar noch ins Gesicht geschrieben, sie sprechen zögernd über die Bestattung ihres Schwiegersohns, dann über Erinnerungskultur in unserer Gesellschaft. Der Mann, graue Schläfen, runde schwarze Brille, fand bei der Haushaltsauflösung seiner Mutter Trauerkarten vom Tod seines Vaters. „Wie lange bewahrt man sie auf? Wie geht man mit ihnen um?“, fragt er sich laut.

An einem weiteren Tisch erzählt ein über 80-jähriger, krebskranker Mann, der jedes Jahr 3 000 Kilometer Fahrrad fährt, wie er sich durch Fasten auf den Tod vorbereitet. Als Übung sozusagen. Und er reflektiert intensiv, wie er die Zeit, die ihm bleibt – zwei Jahre etwa – verbringen will. Eine Gartenbauingenieurin sitzt ihm gegenüber. Sie erkennt am Grab ihrer Mutter, dass die Geschwister nicht da waren. Anderswo geht es um das Gefühl der Bodenlosigkeit, das eintritt, wenn man jemanden verliert. Und um die Verzweiflung, wenn es junge Menschen zu früh trifft.

Größere Offenheit im Umgang mit der Vergänglichkeit

Es sind Fremde, die sich hier austauschen. Das merkt man, eine Distanz bleibt bestehen. Und manchen Sätzen, die fallen, haftet eine gewisse Klischeehaftigkeit an. Mit anderen Worten: Die Qualität des Gesprächs im „Death Café“ steht und fällt mit den  anwesenden Gästen. Vielleicht rührt diese Überlegung aber auch aus dem Eindruck, dass sich   Menschen – zumindest mit den ihnen Nahestehenden – mittlerweile bereitwilliger über den Tod unterhalten. Und wenn man eine Person gut kennt, ist das Gespräch  intimer. Möglicherweise ist es auch eine Generationsfrage: Die Millennial-Generation zeigt generell eine größere Bereitschaft, über Dinge zu sprechen, sei es Liebe, Sex oder eben die eigene Vergänglichkeit. Kein Vergleich mit der Kriegsgeneration und ihren Kindern.

Dennoch sind der Tod und das Sterben bei uns viel weniger sichtbar als früher, weniger ein natürlicher Bestandteil des Lebens. Im späten 19. Jahrhundert fotografierten Familien ihre Verstorbenen, stellten ihre gerade Verschiedenen fürs Familienporträt manchmal einfach neben sich.

Die Religion, die früher mehr Bedeutung hatte, vor allem, wenn es darum ging, sich auf den Abschied vorzubereiten, hat für manche sicherlich auch ein spirituelles Vakuum hinterlassen. Ist der gesunde Umgang mit dem Tod uns im Westen abhandengekommen? „Westlich ist mir sogar zu groß gedacht. Die einzelnen Länder und ihre Geschichte haben ihren eigenen Umgang mit dem Tod und dem Sterben entwickelt. In Österreich und in den Niederlanden ist man etwas weiter als in Deutschland“, sagt Lucia Loimayr-Wieland. Dort gäbe es einen offeneren Umgang mit Sterbehilfe und Bestattungskultur. Wie wohl die „Death Cafés“ in Bangladesch anmuten? In Singapur, Slowenien, Südafrika?

Vor dem Eingang der Exerzierhalle steht eine Tafel mit den Worten „Before I die I want to ...“. Als das „Death Café“ zu Ende geht, sind mit Kreide geschriebene Botschaften darunter zu lesen: „Kinder kriegen und aufs Land ziehen“, „Polarlichter sehen“.

Das Leben des Gründers der „Death Cafés“ Jon Underwood jedenfalls fand ein vorschnelles Ende. Er starb vor zweieinhalb Jahren sehr plötzlich im Alter von 44 Jahren an einer Hirnblutung, seine Leukämie war nicht diagnostiziert. Ein Vermächtnis hat er aber hinterlassen: Die Menschen essen Kuchen – und reden weiter.

Aktuelle Termine auf www.deathcafe.com