Kaija Kutter wirkt nervös, als sie am Dienstagabend auf der Bühne in der Akademie der Künste in Berlin steht. „Ich muss aufpassen, was ich sage“, sagt sie – aufpassen, wenn sie über die Erziehungsmaßnahmen in den Brandenburgischen Haasenburg-Kinderheimen spricht, über die sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Kai Schlieter ein Jahr lang recherchiert hat. Katastrophale Zustände haben die beiden aufgedeckt. Jugendliche wurden mit Gurten an ihren Betten festgeschnallt, als Sanktionen wurden ihnen Nahrung und Medikamente verweigert – die Liste lässt sich noch lange fortsetzen. „Mit unserem Material hätten wir mehrere taz-Ausgaben füllen können“, sagt Schlieter.

Mehr als 60 Artikel haben Kaija Kutter und Kai Schlieter zu den Vorfällen in den Kinderheimen der Haasenburg veröffentlicht. Ende 2013 kündigte das Brandenburgische Jugendministerium dann die endgültige Schließung der Einrichtungen an. Weil in einem Heim ein Mädchen durch den Sturz aus einem Fenster starb, ermittelt die Justiz. Dafür, dass die beiden Journalisten hingesehen haben, sich nicht einschüchtern ließen und hartnäckig recherchierten, wurden sie am Dienstagabend mit dem Berliner Journalistenpreis „Der lange Atem“ ausgezeichnet.

Der Preis wurde zum achten Mal verliehen. Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg würdigt so Journalisten, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg sorgfältig mit gesellschaftlich relevanten, oft heiklen Themen beschäftigen und bei ihrer Recherche Mut und journalistisches Handwerk unter Beweis stellen. Die Jury unter dem Vorsitz von Dagmar Engel, Chefredakteurin der Deutschen Welle, bestand aus neun Journalisten, unter ihnen Jutta Kramm, stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Zeitung.

Roland Warin (N24) sagte in seiner Laudatio: „Kaija Kutter und Kai Schlieter haben über Monate hinweg zu dem so wichtigen Thema Gewalt in Kinderheimen Fakten um Fakten zusammengetragen, sich auch von Drohungen nicht einschüchtern lassen und mit ihren Veröffentlichungen dafür gesorgt, dass die Behörden endlich eingriffen – und dazu beigetragen, dass die skandalösen Zustände in drei Heimen ein Ende fanden.“

Für die Glaubwürdigkeit

Mit dem zweiten Preis zeichnete die Jury Ulrich Kraetzer für seine Berichterstattung im RBB-Fernsehen, bei der Nachrichtenagentur dapd und in der Berliner Morgenpost aus, in der er sich mit dem Salafismus in Deutschland befasst hatte – zu einem Zeitpunkt, als dies noch kein Brennpunkt in den Medien war.

Der dritte Preis ging an Steffen Judzikowski und Hans Koberstein. Im ZDF-Magazin „Frontal 21“ deckten sie Tricks auf, mit der Energiekonzerne die Energiewende umgehen.
„In einer Zeit, in der das Publikum des Journalismus immer kritischer, immer anspruchsvoller wird, muss auch der Journalismus kritischer und anspruchsvoller werden“, sagte Georg Mascolo in einer Würdigung aller Nominierter des Abends. Es gehe darum, die Glaubwürdigkeit des Journalismus zu erhalten. „Das funktioniert, indem wir eine Nachricht erst recherchieren, dann wirklich verstehen und dann an das Publikum weitergeben“, sagte Mascolo.