Wie Sie lesen, schreibe ich mit einer ziemlichen Gewissheit hier, dass die Ukraine heute gewinnen wird. Gleich vornweg: Ich bin absolut parteiisch und mache daraus auch keinen Hehl. Ich habe jahrelang in der Ukraine gelebt und liebe das Land und die wunderbare ukrainische Kultur.

Dennoch komme ich natürlich nicht drumherum, den rosa Elefanten im Zimmer zumindest zu erwähnen. Natürlich hat mindestens halb Europa gerade besonders viel Sympathie für die Ukraine übrig. Schließlich wurde das Land in einem brutalen Angriffskrieg von Russland überfallen. Hunderttausende Ukrainer haben in anderen europäischen Ländern Zuflucht gefunden und beeinflussen dort natürlich auch das Abstimmungsverhalten. Wo viele Ukrainer sind, wird viel für die Ukraine gestimmt. Polen wird also schon deshalb heute eine blaugelbe Liebeserklärung durch den Äther schicken. Dennoch verdienen Kalush Orchestra, die eigentlich normalerweise nur Kalush heißen, für die Ukraine den Sieg und dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

1. Der Song „Stefania“ ist einfach gut

Vielleicht ist er nicht Ihr Geschmack, aber welcher von den Songs beim ESC ist das schon? Zunächst ist der Song über die Mama des Sängers Oleh Psiuk (dazu gleich mehr). Gerade war Muttertag und nicht nur aus diesem Grund passt der Song wunderbar in diese Tage. Ein Song für die Mutti kann, anders als das Lied von Heintje, sogar cool sein. „Stefania“ ist aber auch einfach ein sehr guter Song, der traditionelle Melodien und Instrumente mit Rap verbindet und somit eine gute Verknüpfung traditioneller Kultur mit modernem Stil ist. Häufig wird von ESC-Kritikern aufgeworfen, dass viele Lieder zu beliebig, zu schrill oder einfach schlecht sind. Bei „Stefania“, finde ich, stimmt einfach alles. Es ist nicht zu kitschig, der Song ist eingängig und die Performance sticht hervor. Und noch ein wichtiger Punkt: Er wird auf Ukrainisch gesungen/gerappt. Das ist ein weiterer häufiger Kritikpunkt, dass viele Songs auf Englisch gesungen werden. Nun, die Ukrainer müssen sich mit ihrer Sprache nicht verstecken.

2. Die Wettbüros sagen einen Sieg der Ukraine voraus

Auch wenn die Wettbüros in Großbritannien die Ukraine vor allem aus logischen Gründen favorisieren, liegt das Kalush Orchestra mit dem Lied „Stefania“ am Samstag in den Wettbüros auch nach den abschließenden Proben mit einem sehr großen Vorsprung vorne. In den vergangenen Jahren waren die Buchmacher bei der Prognose des Gewinners des weltweit am meisten beachteten Musikwettbewerbs treffsicher.

3. Kalush Orchestra repräsentiert die ukrainische Kultur

Sie mögen vielleicht denken, dass es ja klar ist, dass die Ukraine gerade so populär und deshalb in Mode ist. Aber ist der ESC nicht sowieso immer ein wenig von der jeweiligen Mode abhängig? Der russische Krieg gegen die Ukraine ist schlimm für das Land und niemand dort will ihn. Aber er bewirkt zumindest ein paar positive Effekte. Einer davon ist, dass viele Menschen weltweit gerade die ukrainische Kultur entdecken. Nicht wenige Menschen haben erstmals erfahren, dass in der Ukraine die meisten Menschen vor allem Ukrainisch sprechen und dass selbst die russischsprachigen Ukrainer stolz auf ihre Nation sind und sich mit ihr identifizieren. Und es gibt ein riesiges Interesse, nicht nur in Europa, für die ukrainische Literatur, Kunst und Musik. Und Kalush Orchestra mit ihren Ethno-Beats, ihren Kostümen und ihrem spezifischen Stil sind ein großartiger Repräsentant. Übrigens ein Hinweis am Rande: Am Sonntagabend spielt die wunderbare ukrainische Ethnofolkband Dakhabrakha in Berlin im Festsaal Kreuzberg. Hier ein Vorgeschmack:

4. Kalush Orchestra sind die perfekten Jungs von nebenan

Ich weiß nicht, wie man Kalush Orchestra heute beim ESC vorstellen wird, aber ich kann Ihnen sagen, sie sind die netten Jungs von nebenan. In den ukrainischen Medien machen Geschichten der Bandmitglieder die Runde. So ist beispielsweise die Mutter von Oleh Psiuk, dem Sänger von Kalush, zu gewisser Bekanntheit gekommen. Ist ja auch kein Wunder, schließlich ist der Song für sie. Stefania ist Verkäuferin auf einem lokalen Markt in der Heimatstadt von Oleh, die Kalush heißt. Und überhaupt ist die Band ein super Aushängeschild für die Kleinstadt in der westukrainischen Region Iwano-Frankiwsk. So sehen die beiden übrigens zusammen aus.

5. Die Ukraine war bei jedem Finale dabei, wenn sie beim ESC angetreten ist

Insgesamt hat die Ukraine bisher 17 mal beim ESC teilgenommen und hat es jedes einzelne Mal in das Finale geschafft und zehnmal in die Top 10. Deutschland nahm zwar mit einer Ausnahme jedes Jahr teil, aber die Ergebnisse waren, freundlich gesagt, durchwachsen. Das schlechteste Ergebnis der Ukraine bei ihren Teilnahmen war der 24. Platz von O. Torvald 2017. Die Rockband hatte es aber auch schwer, denn Jamala hatte im Jahr zuvor gewonnen und zwei Siege in Folge zu holen, ist doch sehr unwahrscheinlich beim ESC.

6. Die Ukraine hat den ESC schon zweimal gewonnen

Nicht ganz unwichtig ist auch, dass die Ukraine bereits zweimal den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Und das wohlbemerkt, bei viel weniger Jahren, in denen sie teilgenommen hat. Im Jahre 2004 gewann Ruslana mit dem Song „Wild Dances“ den ESC. Jamala holte 2015, ein Jahr nach Beginn des Krieges in der Ukraine, ebenfalls den ersten Platz mit dem Lied 1944, der das Leid und die Deportationen der Krimtataren von der Krim thematisierte. Und auch mit den Platzierungen dahinter sieht es für die Ukraine sehr gut aus: 2007 holte Verka Serduchka Silber. Der Song „Dancing Lasha Tumbai“ wird in der Ukraine gern eher als „Dancing Russia Goodbye“ zelebriert. Auch damals war das also schon ein Thema. Ein Jahr später gelang der zweite Platz auch Ani Lorak mit „Shady Lady“. 2013 holte Zlata Ognevich mit „Gravity“ immerhin Bronze.

7. Im vergangenen Jahr ist die Ukraine nur knapp am Sieg vorbeigeschrammt

Ich persönlich fand eigentlich, dass die Ukraine auch letztes Jahr schon hätte gewinnen können. Der Song Shum von Go_A hatte das Zeug dazu. Und im Publikumsvoting schafften sie sogar den zweiten Platz. Insgesamt war es jedoch nur der fünfte Platz, wegen des Votums der Jury. Aber sie haben der ukrainischen Teilnahme Aufmerksamkeit verschafft, von der Kalush dieses Jahr profitieren kann. Und Kateryna, die Sängerin von Go_A soll übrigens die ukrainischen Ergebnisse ankündigen. Traurig über einen Sieg von Kalush wird sie sicher nicht sein.

8. Ukrainische Fans haben mehr Leidenschaft

Nun, wenn alle logischen Gründe Sie nicht überzeugen konnten, dass die Ukraine den ESC 2022 gewinnen wird, dann kann ich Ihnen nur sagen: Die Fans der Ukraine haben definitiv die meiste Leidenschaft. Während wir in Deutschland gediegen auf dem Sofa sitzen und unseren Gruppen vielleicht etwas zujubeln, werden die Ukrainer aus dem Häuschen sein, egal wo sie den ESC 2022 feiern.

9. Weil Putin dann einen schlechten Tag haben wird

Was für einen besseren Grund gibt es, als einem Diktator den Tag zu versauen? Nun, ein großer Teil Europas will vermutlich nichts lieber tun und hier ist die perfekte Gelegenheit dazu. Denn wer sich mit Russland auskennt, weiß, wie wichtig dem Autokraten die PR und große Shows sind. Seien es die Olympischen Spiele, die Fußball-WM oder eben der ESC. Russland ist ausgeladen und wenn jetzt auch noch die Ukraine gewinnt, hat jemand einen ziemlichen Kater. Also, helfen auch Sie dabei und wählen Sie nachher die Ukraine! Die Ukraine braucht es vielleicht nicht, aber so können Sie behaupten, dass Sie auch Anteil an diesem Sieg hatten!