Kambodscha: Geister jagen

Meine Fähigkeit zu fliegen verbessert sich von Tag zu Tag. Zu der heutigen Schwerelosigkeit trägt der Vernissagen-Rotwein bei, mit dem ich das allergische Kribbeln in der Kehle nach dem Fischklößchen wegspülen will, was zwar nach Einschätzung meines medizinisch bewanderten Rumsteh-Genossen Blödsinn ist, ihn aber nicht daran hindert, ständig für Nachschub zu sorgen. Er arbeitet seit ewig in Phnom Penh bei internationalen Hilfsprojekten, die aber alle mal auslaufen, weshalb er sich jetzt etwas davor fürchtet, nach Deutschland zurück zu müssen, wo er glücklich fernverheiratet ist. Der Alkohol wirkt, weshalb ich gleich auch noch eine Zigarette will, die ich von Nico bekomme. Der Berliner ist der Leiter des Meta House, einer Bar beim Goethe-Institut, wo ich sonst nur gegen Geld hingehe.

Das Meta bietet den dünnsten Eiskaffee von Phnom Penh, dafür ist das Klo spitze, und auf der Terrasse läuft ein avanciertes Filmprogramm. Nico ist selbst Filmemacher, ebenso wie seine patente kambodschanische Frau, die einen der Expats an eine Figur aus einem Robert-Crumb-Comic erinnert. Sie produziert gerade mit einer vergleichsweise lächerlichen Unterstützung der Konrad-Wolf-Filmuni eine Doku über eine 74-jährige Dame, die vor und nach dem Pol-Pot-Regime Prostituierte war und Aids hat. Nico wiederum kuratiert gerade eine Ausstellung über Erinnerungsarbeit an die Roten Khmer, die im Januar in der Akademie der Künste in Berlin zu sehen sein wird. Damit haben die drei Kunststudenten nichts am Hut, anlässlich deren Ausstellung es die Fischklößchen und den Rotwein gibt. Naturalistisch gemalte Mädchen in Blumendekor sind da gerade Mode. Gruselig, aber vielleicht historisch notwendig.

Fürs echte Erschauern geht man ins Genozid-Museum. Toul Sleng war eine Schule, die die Roten Khmer zu ihrem berüchtigten Foltergefängnis S21 umfunktioniert hatten. Bildung war ein Todesurteil, Schulen wurden abgeschafft, „Diplome“ sollte es nur noch beim Damm- und Kanalbau geben. Von S21 wurden mehr als 17000 Gefangene zu den Killing Fields gebracht, nur sieben sollen überlebt haben (inzwischen geht man von etwa 170 aus). In den zu Zellen umfunktionierten Klassenzimmern stehen noch vereinzelt Bettroste, eiserne Fußfesseln; überall bis zu den hohen Decken hinauf sind noch Blutflecken zu sehen. Alle Opfer wurden fotografiert. Mit Nummern um den Hals, in den schwarzen Pyjamas, der Einheitsuniform der RK; die Frauen und Mädchen fast alle mit dem gleichen Haarschnitt. Frontal sehen sie in die Kamera ihrer Mörder. So jung. Stellwände über Stellwände eine Galerie der Toten, auch als Erschlagene noch abgelichtet. In Heften mit laminierten, zerschlissenen Seiten sind unter Folter erzwungene Aussagen protokolliert, karge Berichte von kurzen Leben und unverstehbarem Sterben. Ein Raum mit Schädeln hinter Glas, in dem sich Gemälde in naiv realistischem Splatter-Stil spiegeln, auf denen bunt und anschaulich das Abschneiden der Brustwarzen, das Applizieren von Skorpionen und weitere Gewaltanwendungen dargestellt sind. Der Maler, Vann Nath, war selbst Gefangener und überlebte nur, weil seine Fähigkeiten für Propaganda nützlich waren.

Ein Fotograf, Jansen oder Jensen, macht Kunst aus den in ihrer schäbigen Nüchternheit so harten Porträts − da ist sie wieder, die Banalität des Bösen −, indem er die Reflexionen auf den Gesichtern einfängt. Er will damit die Geister der Toten beschwören, die keine dem buddhistischem − oder irgendeinem − Glauben entsprechende Beerdigung erhielten. Super Trick, ist nicht jeder Spiegel ein Fenster ins Jenseits? Versuch ich auch gleich mal.

Im Hof sitzen zwei verhutzelte Überlebende hinter klapprigen Holzschreibtischen und bieten ihre broschiertem Erinnerungen für 10 Dollar feil. Im Museumsshop gibt’s T-Shirts. Ich kann langsam keine T-Shirts mehr sehen. Draußen, hinter Stacheldrahtverhau auf der Ummauerung, reihen sich Lädchen mit exquisit überteuertem Ho-Ho-Holzspielzeug von Behinderten und Benachteiligten. Gestrickte Nikoläuse! Heilige Scheiße, die Kunsthandwerkerin hat keine Hände.

Mehr aus dem Reisetagebuch mit Bildern dazu gibt es hier:vogelsperspektive.wordpress.com