Washington - Eine symbolträchtigere Farbe hätten die Frauen der Stunde auf der Tribüne des Westflügels des Kapitols in Washington sich an diesem geschichtsträchtigen Tag kaum aussuchen können: Denn Violett – die Farbe der Mäntel, Kleider und Schals der neu eingeschworenen Vize-Präsidentin Kamala Harris, der Ex-First-Lady und Powerfrau Michelle Obama sowie der ehemaligen Präsidentschaftsanwärterin Hillary Clinton – ist bekanntlich die spektrale Brücke zwischen Blau und Rot. Im Farbkosmos der USA gesprochen: zwischen Demokraten und Republikanern.   

Nun könnte man an dieser Stelle spekulieren, ob die jeweils zur Schau gestellten Abstufungen – Harris: ein ins Windsor-Blau kippendes, knallig kämpferisches Lila / Obama: ein exaltiert-glamouröses Aubergine mit nachakzentuiertem Goldakzent / Clinton: eine eklektische Kombination von Purpur und Dunkelviolett – sich als feinsinnige Angleichung an die jeweilige politische Haltung verstehen lässt.

Foto: AP/Jim Lo Scalzo
Konkurrenz für Beyoncé! Ex-First-Lady Michelle Obama kam in glamourösem One-Color-Look, ein Outfit aus dem Atelier des schwarzen US-Jungdesigners Sergio Hudson.

Wie dem auch sei, sicher ist: Die Stilwahl war keineswegs zufällig. Sie spiegelt und pointiert das politische Credo, unter dem Joe Bidens Amtseinführung stand: „America United“. Und symbolisiert somit die derzeit wohl größte Herausforderung der USA neben der Pandemie: Diese Nation, die sich derzeit in Verschwörungstheoretiker und Normaldenkende aufzuspalten scheint und in der bürgerkriegsähnliche Endzeitszenarien den politischen Alltag bestimmen, wieder zusammenzubringen.

Das Finden der Mitte ist aber nicht die einzige Symbolkomponente des violetten Aufschlags in Washington, D.C.. Immerhin war dies auch eine Signaturfarbe der sogenannten Suffragetten, die in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht durchsetzten. „Violett ist die Farbe der Loyalität, der Zielstrebigkeit, der unerschütterlichen Standhaftigkeit für eine Sache“, hieß es in einem Rundschreiben der kämpferischen Gruppe aus dem Jahr 1913.

Die neue First Lady Dr. Jill Biden präsentierte sich übrigens in einem lichtblauen Tweedmantel mit eleganten Samtmanschetten. Ihre Farbwahl spiegelte damit weniger die feministische Botschaft der Stunde, sondern eher die Farbwahl des neu eingeschworenen Präsidenten Joe Biden, sprich seiner Krawatte. Swarovski-Kristalle und Perlen sowie eine farblich angeglichene Maske und Handschuhe gaben Jill Bidens Outfit dazu den gebotenen Funken Klassik.

Foto:  AP/Jim Lo Scalzo
Die eingeschworene Vizepräsidentin Kamala Harris, hier mit „Second Gentleman“ Doug Emhoff, kam im blau-lila Mantel-Kleid-Complet des Designers Christopher John Rodgers.  

Das modische Highlight der Veranstaltung kam letztlich aber von der 22-jährigen Lyrikerin Amanda Gorman. Für ihr Gedicht trat Gorman in einem Wow-Outfit von Prada auf die Bühne: ein saftig-sonnengelber Mantel über einem strahlend weißen Popelin-Shirt. Dazu ein feurig rot glänzendes Haarband aus Satin, das an die Pillbox-Hüte Jackie Kennedys erinnerte. Insgesamt eine junge Flamboyanz, die im Nachglanz der Black-Lives-Matter-Proteste auch als politischer Schlachtruf verstanden werden kann: Dass nicht-weiße Menschen sich eben nicht mehr zu verstecken haben.

Gormans Outfit war, was möglicherweise auch Harris und Obama sein wollten: Die modische Synthese von fabelhaft-verspielt und treffsicher-politisch. Was die Inszenierung nationalen Selbstbewusstseins angeht, erwiesen sich die USA dank all dieser Frauen (und ihrer Profi-Helfer an der Fashion-Front) als würdige Weltmacht.