Der Künstler und Architekt Kang Sunkoo hat im neueröffneten Humboldt-Forum den unteren Teil einer zweiteiligen, schwarz patinierten Bronze-Skulptur installiert, die an die deutsche Kolonialvergangenheit erinnert. Der obere Teil der Skulptur wird 2021 am Nachtigalplatz in Berlin-Wedding aufgestellt – im sogenannten Afrikanischen Viertel. Im Interview stellte Kang sich unter anderem der Frage, ob seine Arbeit seitens des Humboldt-Forums instrumentalisiert wird, um einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit der eigenen Verwicklung in die Kolonialvergangenheit aus dem Weg zu gehen.

Berliner Zeitung: Herr Kang, Ihr Kunstwerk – „Statue of Limitations“ – stellt die vielleicht direkteste Form der Auseinandersetzung innerhalb des Humboldt-Forums mit dessen kolonialem Erbe dar. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Kang Sunkoo: Die Frage ist essenziell für die Einordnung meiner Arbeit. Es gab keine kuratorische oder inhaltliche Zusammenarbeit mit dem Humboldt-Forum. Meine Arbeit wurde bei einem öffentlichen Wettbewerb des Bundes durch eine mehrheitlich unabhängige Jury ausgewählt. Das Humboldt-Forum sowie dessen Architekt, die auch beide Teil der Jury waren, hatten sich gegen meinen Entwurf ausgesprochen. In der Aufgabenstellung des Wettbewerbs war die koloniale Vergangenheit an keiner Stelle thematisiert, stattdessen die Verehrung der Humboldt-Brüder. Daran war ich nicht interessiert. Dass meine Arbeit realisiert wird, ist der Integrität des öffentlichen Verfahrens zu verdanken.

Ihre Installation mimt einen Fahnenmast, der die Decke des Humboldt-Forums zu durchstoßen scheint. Der Architektur des Humboldt-Forums wurde in den letzten Jahren oft ein revisionistischer Grundton vorgeworfen. Ist Ihre Arbeit auch als Versuch zu deuten, dem zu begegnen?

Meine Arbeit stellt einen Fahnenmast dar mit Trauerbeflaggung auf Halbmast, ein transnationales Symbol für Anteilnahme und Respekt. Im Humboldt-Forum beginnt die Arbeit auf dem Fußboden und durchstößt die Decke, um an einem anderen Ort wieder aufzutauchen. Der Mast befindet sich exakt auf der Symmetrieachse des Gebäudes, in der gleichen Flucht wie das Kuppelkreuz. Das Humboldt-Forum ist eine Mischung von barocker Monumentalarchitektur und einer modernen, in der Tradition des Rationalismus, dessen historische italienische Vertreter mit den Faschisten kollaboriert hatten. Durch die Füllung mit den sogenannten „außereuropäischen“ Sammlungen scheint der Widerspruch zu der heutigen Bundesrepublik und der internationalen Metropole Berlin umso größer. Meine Arbeit ist ein Versuch, dem Anachronismus zu begegnen.

Der obere Teil der Installation sollte am Nachtigalplatz, im sogenannten Afrikanischen Viertel, stehen. Warum gerade dort?

Während des Sitzes der deutschen Kolonialherrschaft im Berliner Schloss sollten im Volkspark Rehberge, unweit des Nachtigalplatzes, Menschen und Tiere aus den afrikanischen Kolonien in Gefangenschaft ausgestellt werden. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Planung nicht umgesetzt. Noch heute prägen der kolonialistische Name des Viertels und die der Straßen und Plätze das Stadtbild, trotz der Versuche, diese umzubenennen. Der Platz hat verblüffend ähnliche Proportionen und Dimensionen wie das Humboldt-Forum. Die Arbeit soll auch dort exakt auf der zentralen Spiegelachse den Boden durchstoßen.

Quelle: Kang Sunkoo, „Statue of Limitations“
Ansicht der Fahnen-Skulptur „Statue of Limitations“ – die zwei Teile sind jeweils elf Meter hoch

Der Vorschlag wurde von der Bezirksregierung abgelehnt. Mit welcher Begründung?

Der Antrag auf eine permanente Aufstellung wurde abgelehnt, stattdessen eine temporäre sechsmonatige Aufstellung erlaubt. Die Stiftung Humboldt-Forum hat die Verhandlungen mit der Bezirksregierung geführt. Daher wurde mir keine offizielle Begründung direkt mitgeteilt. Seitdem arbeite ich an der Planung der anschließenden Aufstellung der oberen Hälfte an einem dritten Ort

Wird es letztlich einen permanenten Ausstellungsort geben?

Ich hoffe, dass ich zum Zeitpunkt der temporären Aufstellung im Wedding die darauffolgende Station des oberen Teils bekanntgeben kann. Die Umsetzung des oberen Abschlusses ist ein künstlerisch und politisch interessanter Prozess, noch mehr als bei der unteren Hälfte im Humboldt-Forum.

Im Interview mit der Berliner Zeitung sagte der Generalintendant des Humboldt-Forums Hartmut Dorgerloh kürzlich, er wolle die Kritiker ins Haus holen. Ist das Museum wirklich an einer aufrichtigen Debatte über das Thema Kolonialismus und seine eigene Verwicklung interessiert?

Ich habe Herrn Dorgerloh erst vor ein paar Monaten getroffen, nachdem meine Arbeit fertiggestellt war. Bei der digitalen Eröffnungsveranstaltung in der letzten Woche gab es keine Aussage zur Haltung des Humboldt-Forums zu der Rückgabe der Benin-Bronzen. Ich hoffe auf die Führung des Hauses in Richtung einer aufrichtigen Aufarbeitung. Ich versuche im Rahmen meiner Möglichkeiten, das Gespräch zu führen und versuche, Hoffnung zu behalten, auch wenn die Aussichten schlecht erscheinen. Aus demselben Grund habe ich am Wettbewerb teilgenommen und diesen Beitrag eingereicht.

Foto: Kalouna Toulakoun
Kang Sunkoo

Kang Sunkoo (Familienname: Kang), geboren 1977 in Seoul, lebt als Künstler und Architekt in Basel. Er war zuvor Mitarbeiter des Architekten-Duos Herzog & de Meuron sowie des Künstlers Ai Weiwei. Kang unterrichtete zwischen 2015 und 2018 in Ais Fachklasse an der UdK Berlin. Mit seinem Beitrag „Statue of Limitations“ gewann er 2018 den ersten Preis des Kunst-am-Bau-Wettbewerbs für die Treppenhalle des Humboldt-Forums. Derzeit realisiert er zwei weitere Kunstprojekte in Berlin, im Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat und im Bundesamt für Strahlenschutz.

Von außen betrachtet wirkt die Auseinandersetzung des Humboldt-Forums mit Kunst aus kolonialen Kontexten vage und inkonsequent. Wird Ihre Arbeit als Feigenblatt instrumentalisiert, um einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema aus dem Weg zu gehen?

Dass das Humboldt-Forum sich nach seiner anfänglichen Ablehnung nun mit meiner Arbeit zu identifizieren scheint, bringt mir eine unsichere Freude, die überschattet wird, wenn der Eindruck entsteht, dass mit der Hervorhebung meiner Arbeit von den eigentlichen Herausforderungen des Hauses abgelenkt wird. Ich möchte nicht, dass meine Arbeit zur Dekoration von Lippenbekenntnissen missbraucht wird. Die „Statue of Limitations“ ist kein Feigenblatt – sie ist ein Damoklesschwert.

Der Titel – „Statue of Limitations“ – deutet auf historische Verjährungsfristen. Der Völkermord an den Nama und Herero im heutigen Namibia wurde als solcher bislang nicht vollständig juristisch von Deutschland anerkannt. Wo müsste eine ernsthafte Aufarbeitung in Ihren Augen ansetzen?

Seit der UN-Konvention über die Nichtanwendbarkeit von Verjährungsvorschriften auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit von 1968 ist die strafrechtliche Verfolgung von Völkermord von Verjährung ausgenommen. Die Aufarbeitung muss mit der vollständigen politischen und juristischen Anerkennung des Völkermords durch die Bundesrepublik Deutschland beginnen.

Das Humboldt-Forum hat vier Provenienz-Forscher beschäftigt, die prüfen sollen, woher die ausgestellten Gegenstände stammen. Reicht das, um die eigene Verwicklung in die Kolonialvergangenheit anzugehen?

Als Laie erscheint mir die Zahl im Verhältnis zu der Menge der Objekte und Körperteile verstorbener Menschen, die sich in den Sammlungen befinden sollen, unsagbar niedrig.

Die Benin-Bronzen stellen ein zentrales Ausstellungsstück im Humboldt-Forum dar. Bénédicte Savoy hat darauf hingewiesen, dass sie seit 1972 von Nigeria zurückgefordert werden. Vergangene Woche forderte auch der nigerianische Botschafter Yusuf Tuggar erneut die Rückgabe. Wie positionieren Sie sich?

Auf der Seite des Edo Museum of West African Art in Benin, nach dem Entwurf von David Adjaye, dessen würdevolle Architektur eine Antithese zu der des rekonstruierten Stadtschlosses darstellt. Ich hoffe, dass das Humboldt-Forum ein positives Signal setzen wird durch eine baldige Befürwortung einer bedingungslosen und vollständigen Rückgabe.

Sollte das Humboldt-Forum sich weigern, die Benin-Bronzen zurückzugeben bzw. den Restitutionsprozess einzuleiten: Welche Konsequenzen werden Sie ziehen? Wäre es denkbar, dass Sie Ihre „Statue of Limitations“ zurückziehen?

Nein, ich sehe einen Wert in der dauerhaften physischen Verbindung meiner Arbeit mit dem Gebäude des Humboldt-Forums. Ich wünsche mir, dass die Arbeit als permanente Erinnerung dient für die Anerkennung einer gemeinsamen Geschichte, unabhängig von politischen, juristischen und anderen kulturellen Prozessen.

Architektonisch scheint das Humboldt-Forum zu sagen: „Lasst uns Geschichte rückgängig machen“. Wer die Raubkunst-Debatte verfolgt, bekommt den Eindruck, das Humboldt-Forum sagt: „Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen“. Wo liegt in Ihren Augen die Wahrheit?

Das Humboldt-Forum wird sich dem Verständnis der Gerechtigkeit der heutigen Gesellschaft früher oder später fügen müssen.

Der französische Aktivist Mwazulu Diyabanza musste dieses Jahr in Frankreich Geldstrafen zahlen, weil er wiederholt versuchte, Gegenstände aus Raubkunst-Kontexten in Museen zu entwenden, um sie an ihre Ursprungsorte zurückzuführen. Wie bewerten Sie solche Aktionen?

Ich finde diese Aktion einen schönen Beitrag, sie untersucht die Verhältnisse unserer Vorstellungen von Anspruch und Gerechtigkeit. Die Arbeit stellt die Verhältnisse auf den Kopf – durch die Geldstrafen bekommt die Handlung einen monetären Wert. Durch die Wiederholung erinnert sie an Sisyphos und bekommt eine mythologische Dimension.

Der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne forderte, die Debatte um Kunst aus kolonialen Kontexten müsse sich von der „kapitalistischen Idee der Rückgabe“ emanzipieren. Es bedürfe einer „neuen Ethik“ zum Objekt. Was wäre in Ihren Augen das längerfristige Ziel der Restitutionsdebatte?

Ich habe Vertrauen in die Fähigkeit der heutigen Wissenschaftler, im Gegensatz zur Verehrung von historischen Figuren. Ich kann mir nicht anmaßen, mit Gelehrten auf gleicher Ebene diskutieren zu können. Meine Fähigkeit liegt in der visuellen Denkweise und deren Ausdruck.

Sie leben und arbeiten derzeit in Basel. Auch im dortigen Museum der Kulturen werden Benin-Bronzen ausgestellt. Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie die Raubkunst-Debatte in der Schweiz geführt wird?

Ich bin im August letzten Jahres von Berlin nach Basel gezogen. Ich habe im Museum der Kulturen in Basel die Ausstellung „Wissensdrang trifft Sammelwut“ besucht, dessen Motivation es schien, eine kritische Perspektive zur kolonialen Vergangenheit einzunehmen. Die Ausstellung erschien mir zaghaft und kosmetisch. Hier, wie auch an anderen Orten, scheint das Herauswachsen aus der Tradition eines eurozentrischen und rassistischen Blicks nicht einfach zu sein.

Woran arbeiten Sie gerade?

Außer an der zweiten Hälfte der „Statue of Limitations“ arbeite ich an zwei weiteren Projekten: eine Installation für den Erweiterungsbau des Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat mit dem Titel „Heimat Heimat“ aus circa 600 Quadratmetern Bodenplatten aus Beton. Für den Neubau des Bundesamts für Strahlenschutz in Berlin plane ich eine Arbeit mit dem Titel „Urhütte“, eine filigrane Raumstruktur aus Bronze. Diese Arbeiten beschäftigen sich auch mit der gesellschaftlichen Rolle der Institutionen und ihren geschichtlichen Zusammenhängen.