So hätte es zugehen könen auf der Art Basel in Hongkong: eine Erinnerung an analoge Tage  im letzten Jahr.
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Berlin - Gerade wurde es bekannt: Erstmals fand vor wenigen Tagen eine  abgesagte Kunstweltmesse, die Art Basel Hongkong, doch noch statt, nämlich im Internet.  Mit 235 Ausstellern. Da wurde flugs das Bild „Die andere Seite vom Ölfleck“ von Georg Baselitz verkauft, ebenso „Splendor in the Grass“ von Mary Weatherford. Der Salzburger Händler Thaddaeus Ropac verkaufte eine Arbeit von Jules de Balincourt für  140.000 Dollar. Und schon in den ersten Stunden gingen im Viewing Room des amerikanischen Global Players Gagosian von insgesamt zehn Werken schon sieben weg.

2000 Werke im Wert von 270 Millionen Dollar (250 Millionen Euro) waren im Aufgebot dieser ersten großen Online-Messe der von der dramatischen Situation frustrierten Branche. Ein hoffnungsvolles Experiment, um zumindest einen Teil der Verluste für die Händler abzumildern. Rund 90 Prozent der angemeldeten Aussteller hatten sich für die kostenlose Online-Teilnahme entschieden. Jede Galerie stellte zehn Werke in ihren identischen virtuellen Messeständen aus. Auf der Wand erschienen durch Klicken, nach einem Präsentationstext, die Arbeiten, daneben die jeweiligen Preise.

Kunstmesse per Internet: ungewohnt unglamourös

Das Internet als Kunstschaufenster, das ist ein neuer Weg, der die Kunstwelt  in Verbindung hält. Ersetzten  kann er aber weder die direkte, sinnliche Anschauung von Bild, Skulptur oder Installation, noch den persönlichen Kontakt der gesamten Szene bei glamourösen Events.

Auch Auktionshäuser versteigern online, und bestehende Ausstellungen in Galerien und Kunsthäusern sind virtuell erlebbar. Der Stargalerist David Zwirner, geboren in Köln und aktiv in New York, London und Paris, gehört zu den Pionieren des Online-Verkaufs. Schon 2017 startete Zwirner seine Viewing Rooms, mit wachsendem Erfolg. Auf der virtuellen Art Basel Hongkong verkaufte er unter anderem für 2,6 Millionen Euro ein Gemälde der südafrikanischen Malerin Marlene Dumas. 40 Prozent der Verkaufsanfragen kamen von ganz neuen Kunden. Dennoch sehen der Händler und sein Team die virtuellen Angebote nur als eine Alternative für Sammler, die etwa aus Gründen des Klimaschutzes nicht mehr von Messe zu Biennale zu Vernissage-Party durch die Welt fliegen wollen.

Das Auktionshaus Ketterer in München indes hält viel vom Online-Versteigern. Bereits 90 Prozent seines Auktionsgeschäfts passiere im Netz; das laufe, so der Auktionar, besser als analog im Saal. Am besten laufe es bei Kunstwerken zwischen 10.000 und 40.000 Euro. Seit Kettere aufgrund der Corona-Pandemie die Säle schließen musste, konnten deutlich mehr Interessenten für Online-Auktionen gewonnen werden.

Fast 90 Prozent der Ausstellungen sind gestrichen

In Krisen, das ist bekannt, gibt es Gewinner und Verlierer. Überall bangen gerade kleine und mittlere Galerien, die keine finanzielle Puffer haben, um ihre Existenz. Sie hoffen inständig auf einen staatlichen Schutzschirm. Laut einer aktuellen Umfrage des Berufsverbands Bildender KünstlerIinnen Berlin (bbk berlin) sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf deren Finanzen verheerend. Mehr als die Hälfte der Befragten verlieren demnach mehr als 75 Prozent ihres monatlichen Einkommens.

Ein Viertel der befragten Künstler gab an, mehr als 2000 Euro in den kommenden vier Wochen zu verlieren und deshalb Mieten oder andere grundlegende Lebenshaltungskosten nicht mehr bezahlen zu können. „Über 90 Prozent bekommen bei anhaltenden Infektionsschutzmaßnahmen in Kürze finanzielle Probleme“, heißt es in der Pressemitteilung zur Umfrage.

Galerist Judy Lybke hofft auf einen weniger überhitzten Kunstmarkt nach der Corona-Krise.
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Fast 90 Prozent der laufenden oder geplanten Ausstellungen, Residenzen usw. wurden abgesagt. Jedoch sind Künstlerinnen und Künstler bei über der Hälfte dieser Projekte in finanzielle Vorleistung gegangen. Mehr als die Hälfte aller geplanten Vorhaben wurden nicht nur verschoben, sondern ersatzlos gestrichen. Soforthilfe, wie es sie in Bayern bereits gibt, könnte Negativeffekte daraus mildern.

Ein Gallery Weekend im Herbst könnte zu spät kommen

Kreativität gepaart mit Trotz, das ist der derzeitige Impfstoff, mit dem sich überall auf der Welt Galeristen, Messe-und Biennale-Macher, Künstler und ihre Sammlerschaft gegen das Coronavirus wappnen. Doch kleine und mittlere Galerien und zahllose Künstler auch in Berlin, wo das verkaufs- und kontaktwichtige Gallery Weekend von Anfang Mai auf Herbst verschoben wurde, es dann aber keine Kunstmesse mehr gibt, bangen um ihre Existenz.

Der Berliner und Leipziger Galerist Judy Lybke von Eigen+Art, der von der Absage der Kunstmesse Art Basel Honkong ebenfalls betroffen ist, hatte seine Koje originalgetreu in den Räumen in der Auguststraße nachgestaltet. Dann schloss er als einer der ersten seine Galerien, um Mitarbeiter und Publikum vor Corona zu schützen.

Obwohl er Malerstars wie Neo Rauch vertritt, zählt Lybke sich nicht zu den sprichwörtlichen One Percent der Spitzenkunsthandels, die nach den Boom-Jahren auf enormen Finanz- und Immobilienpolstern sitzen. Er hält die Existenzsorgen vieler Kollegen und Künstler für sehr berechtigt. Dennoch: Den Kunstmarkt, wie er zuletzt vor der Corona-Krise war, nennt er eine „überreizte Branche“, die die Chance auf einen Neuanfang nötig hat.